Corona hat vielen Menschen einiges abverlangt, und jeder hat die Pandemie anders erlebt. Die Esslinger Kinder-Biennale hat Menschen, die in der Coronazeit über sich hinausgewachsen sind, in einem Langzeitprojekt porträtiert.
Corona hat den Menschen einiges abverlangt, und jeder hat ein wenig anders auf die Herausforderungen der Pandemie reagiert. Manche haben versucht, das Bestmögliche aus der schwierigen Situation zu machen, andere haben unter der Unsicherheit und den Einschränkungen still gelitten, wieder andere sind über sich hinausgewachsen. Die Kinder-Biennale-Initiatorin Margit Bäurle fand, dass viele Esslingerinnen und Esslinger Anerkennung für das verdient haben, was sie in Zeiten der Pandemie geleistet, gemeistert und getragen haben. Deshalb hat sie zusammen mit ihren Mitstreitern ein Fotoprojekt auf den Weg gebracht, das klein angefangen hat, um am Ende umso größer herauszukommen. Die Fotografen Dmitry Nikolaev und Bärbel Braun haben im Langzeitprojekt „Ein Hoch auf uns ...“ mehr als 100 Heldinnen und Helden der Coronazeit porträtiert. Bis Ende August werden die Aufnahmen nun ausgestellt.
Bilder erzählen Geschichten
„Jeder hat die Coronakrise anders erlebt“, weiß Margit Bäurle. „Homeoffice, Schulschließungen, Familien kurz vor dem Lagerkoller, Künstler ohne Auftritte oder Ausstellungen, geschlossene Läden und Senioren, die alleine zu Hause sind – jeder hat seine eigene Geschichte.“ Einige dieser Geschichten wollte die Kinder-Biennale in Worten und in Bildern festhalten. Die ersten Kandidatinnen und Kandidaten waren rasch gefunden: Menschen aus dem Klinikum ebenso wie auf dem Wochenmarkt, Personal aus dem Einzelhandel, Mitarbeiter auf der Mülldeponie Katzenbühl, aber auch Musiker, Kabarettisten und Journalisten, Literaten, Kinder, Rentner im Seniorenheim und viele mehr. Der Jüngste wurde in der Pandemie geboren, die Älteste feiert in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag.
„Eigentlich wollten wir nur einige wenige stellvertretend auswählen“, erzählt Margit Bäurle. Doch je länger die Aktion dauerte, desto länger wurde die Liste derer, die vor die Kameralinse gebeten wurden: „Es hat sich rasch herumgesprochen, was wir da vorhaben. So wurden wir auf immer mehr Menschen, die in Esslingen leben und arbeiten und die in der Coronazeit Besonderes geleistet haben, aufmerksam“, so Bäurle. „Wir haben selbst gestaunt, wem wir da alles begegnet sind. Viele von denen, mit denen wir bekannt wurden, wären nie auf die Idee gekommen, dass sie etwas Besonderes geleistet haben. Esslingen ist eine außergewöhnliche Stadt mit vielen ganz besonderen Menschen. Das ist uns mit jedem Tag ein bisschen mehr bewusst geworden.“
Querschnitt durch die Stadtgesellschaft
So ist ein facettenreicher Querschnitt durch die Esslinger Stadtgesellschaft entstanden. Einige der Porträtierten wurden jüngst bei der offiziellen Ausstellungseröffnung in der Kreissparkasse geehrt – allen voran Lore Herberger, die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag feiert. Oder die langjährige Stadtführerin Heidi Gassmann, die unzähligen Esslingerinnen und Esslingern und ihren Gästen die lokale Historie nähergebracht hat. Oder Guido Johannes Marquardt, der als Leitender Oberarzt mit seinem Team auf der Intensivstation des Esslinger Klinikums schwerkranken Corona-Patienten zur Seite gestanden und mehr als einmal über sich hinausgewachsen ist. Oder die WLB-Theaterpädagogin Rita Rudenstein und Salman Soofi, Englischlehrer und Künstler aus Pakistan, die sich in der Coronazeit nähergekommen sind. Sie alle wurden stellvertretend für viele Esslingerinnen und Esslinger gewürdigt. „Und viele andere hätten es ebenso verdient“, betont Margit Bäurle.
Dass das Projekt gelungen ist, ist nicht zuletzt den beiden Fotografen Dmitry Nikolaev und Bärbel Braun zu verdanken. Dass sie eine sehr unterschiedliche Handschrift haben, macht die Sache noch reizvoller – zumal sie ein gemeinsames Credo besitzen: Beiden ist es ein Anliegen, den Porträtierten nahezukommen und ihnen tief in die Seele zu schauen. Mit leichter Hand eingefangene Schnappschüsse sind ihre Sache nicht. Jede Aufnahme wird sorgsam komponiert, jedes Motiv wird mit dem Porträtierten gestaltet. So erzählt jede der Aufnahmen auch ohne Worte viel über all diese Menschen, von denen jede(r) für ein Stück Esslingen steht.
Die Fotografien aus dem Projekt „Ein Hoch auf uns ...“ sind bis Ende August im Modehaus Kögel, im „Malkasten“ und bei der Kreissparkasse am Esslinger Kronenhof zu sehen.
Die Fotografen
Bärbel Braun
Sie ist Fotografin mit viel Leidenschaft. Ihr Anspruch: „Gemütlich, familiär und ganz ohne Druck sollen meine Fotoshootings verlaufen.“ Bärbel Braun ist überzeugt: „Jeder ist auf seine Art fotogen.“ Für die Fotoaktion „Ein Hoch auf uns ...“ war sie viel unterwegs und hat vorwiegend draußen fotografiert. Ihr Credo: „Nur wer genau beobachtet und den richtigen Moment erwischt, kann Emotionen in ein Bild einfangen und die gewünschte Natürlichkeit rüberbringen.“
Dmitry Nikolaev
Das bevorzugte Revier des Porträtfotografen war während der Aktion der Kinder-Biennale das Studio. Wer dort vor seiner Linse stand, hat sofort gespürt: Dmitry Nikolaev ist es ein Anliegen, beim Shooting eine Beziehung zu den Menschen aufzubauen. Fotograf und Porträtierte nehmen sich so lange Zeit, bis sie im Dialog das richtige Bild finden. Und die Fotografierten sind hinterher meist überrascht, wenn sie sehen, wie er sie ins Bild gesetzt hat: Nikolaevs Fotografien haben etwas von kunstvollen Gemälden.