An den umlaufenden Galerien des Hochlagers sind mehr als 300 Werke angeordnet. Foto: Frank Kleinbach

Erstmals in Deutschland geht eine erhellende Ausstellung im Schauwerk Sindelfingen der italienischen Fotografie-Geschichte seit den 80ern nach.

Über 300 Arbeiten von mehr als 40 italienischen Künstlerinnen und Künstlern sind im Hochregallager des Schauwerks Sindelfingen versammelt. Möglich war die große Übersichtsschau „No Place Like Home“ in Kooperation mit dem IKS-Institut für Kunstdokumentation und Szenographie in Düsseldorf, dessen Leiter Ralph Goertz die Schau kuratiert hat, der Kunsthalle Darmstadt und der Draiflessen Collection. Im Mittelpunkt der sehenswerten Schau steht dabei nicht das touristische Italien mit seinen kunsthistorischen Attraktionen, sondern Orte und das Leben in der Po-Ebene oder der Emilia-Romagna, wo sich die Fotografie entfaltete.

 

Harte Brüche und schäbige Ecken

Noch in der Tradition der Arte Povera bewegt sich Mario Cresci, der mit Hilfe von Spiegelungen räumliche Erfahrung auslotet und die Möglichkeiten der Fotografie vermisst. Zahlreiche andere suchten in ihren Bildern – vor den Hintergründen von Städteverfall und Umweltverschmutzung – eine emotionale Beziehung zu den Orten. Der Szenestar Luigi Ghirri beweist dabei perfektes Gespür für Komposition, den richtigen Moment und ausbalancierte Farben. Gabriele Basilico stellt dem Betrachter mit perfektem Bildaufbau harte Brüche vor Augen, wenn er zeigt, wie sich brachial Fabrikgebäude in Stadtkerne drängen. Guido Guidi, der in Ravenna und Venedig lehrte, schaut geduldig in schäbige Ecken, befragt Orte nach ihrer Identität und denkt in den Bildern auch das Medium mit. Dank der umlaufenden Galerien des Hochlagers des Schauwerks lassen sich zahlreiche Querbezüge zu seinen Schülern herstellen.

Globalisierung und industriellen Niedergang spiegelt die Fotografie der 90er wieder: Einen kompletten Straßenzug mit den ehemaligen Alfa-Romeo-Werken mit dem Eindruck des Flüchtigen und der Entfremdung hat Paola Di Bello eingefangen. In zeichnerisch wirkenden Aufnahmen kritisiert Walter Niedermayr den alpinen Skitourismus samt malträtierten Bergen, Planierraupen und Schneekanonen. In den 2000ern rücken in der italienischen Fotografie Migration und soziale Ungerechtigkeit als Themen in den Fokus: Dem Erleben der Einwanderer der 2. Generation in Castel Volturno auf Sizilien spürt Michaela Palermo nach. Die schwindende Bedeutung der zu einem Häufchen zusammengeschrumpften Gewerkschaften und die Situation der Tagelöhner reflektiert Michele Borzoni.

Zunehmend werden die Erzählstrukturen lockerer und persönlicher bis hin zu den Selfies der heutigen Generation: Michele Buda fotografiert Skater im Moment des Scheiterns, als Teil der Community ist ihm große Nähe möglich. Simone Donati porträtiert Menschen in dem von Landflucht betroffenen Gebirgsdorf Pietrapertosa, Francesco Neri Farmer und Nicola Lo Calzo die starken sardischen Frauen. Giulia Agostini knüpft mit ihren Selbstinszenierungen an die Selfie-Kultur an, Sara Lorusso gibt Einblick in queeres Erleben. Die Auswirkungen der kolonialistischen Vergangenheit Italiens auf die Menschen werden bei Davide Degano spürbar.

Anknüpfungen an konzeptionelle Fotografie

Und in allen Epochen sind Anknüpfungen an konzeptionelle Fotografie zu erleben, ob es nun um Fehlfarben bei Kunstlicht, raffinierte Aufnahmen von zerrissenen Fotografien, Bilder von Billboards ohne Behang oder um Rachele Maistrellos mythopoetische Welten in Büros geht, welche die Ausstellung abschließen. Auch viele Bezüge zu Fotografie von Bernd und Hilla Becher, den Begründern der Düsseldorfer Fotoschule, oder Joachim Brohm, der an der Folkwangschule Essen studierte, oder zur amerikanischen New Color Photography lassen sich entdecken. Ungewohnte Ansichten Italiens und der Bevölkerung sind in der Ausstellung garantiert, die bis zum 26.7. geht.

Öffnungszeiten im Schauwerk Sindelfingen: Mittwoch bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr.