Vertreter der Sprachschule beim Tag der Muttersprache im Forum der Kulturen Foto: Ferdinando Iannone

In den ehrenamtlich organisierten Schulvereinen in Stuttgart werden rund 120 Sprachen unterrichtet. Bei einem Gedankenaustausch im Forum der Kulturen wird nun aber ein großes Problem thematisiert.

Stuttgart - Wo lernen Kinder von Mongolen, Litauern oder Koreanern in Stuttgart eigentlich ihre Muttersprache? Natürlich zuerst in den Familien. Aber meistens reicht das nicht, um die Sprache der Eltern gut sprechen und vor allem schreiben zu können. Deshalb drücken viele Mädchen und Jungen mit Migrationshintergrund auch am Wochenende die Schulbank – in ehrenamtlich organisierten Schulvereinen.

In Stuttgart gibt es mindestens 50 solcher Schulen – die genau Zahl ist unbekannt –, an denen Kinder und Jugendliche in etwa 120 Herkunftssprachen unterrichtet werden. Lehrer und Erzieher dieser informellen Einrichtungen, sind fast alle unentgeltlich tätig. Der Unterricht findet meistens an Samstagen und Sonntagen statt, weil dann die Gebäude der städtischen Schulen leer stehen. Darauf hat am Donnerstagabend das Forum der Kulturen Stuttgart anlässlich des Tags der Muttersprache hingewiesen. „Anders als der von den Konsulaten angebotene Sprachunterricht, bekommen die ehrenamtlichen Sprachschulen für ihre Lehrtätigkeit aber keine staatliche Förderung“, sagt Dolgor Guntsetseg, Vorstandsmitglied des Vereins der Mongolischen Akademiker und des Forums der Kulturen Stuttgart – und zwar in den allermeisten Fällen weder vom Land Baden-Württemberg oder dem Bund noch von den Herkunftsstaaten. „In der mongolischen Schule müssen zum Beispiel alle Unterrichtsmaterialen die Eltern oder der Verein selbst finanzieren“, so Guntsetseg.

Gedankenaustausch zwischen mehr als 50 Sprachschulen

Um das Engagement der ehrenamtlichen Schulvereine zu würdigen, hat das Forum der Kulturen am Donnerstag Vertreter der über 50 Sprachschulen, die auf diese Weise Kinder in ihrer Muttersprache unterrichten, zum Gedankenaustausch eingeladen. In den Räumen des Forums der Kulturen am Marktplatz trafen sich Vertreter von Schulen für Chinesisch, Mongolisch, Schwedisch, Litauisch, Bulgarisch, Koreanisch, Katalanisch, Arabisch und Serbisch. Fast immer würden die Schulen und Vereine gegründet, weil sonstige Muttersprachangebote für Kinder in der Stadt fehlten. So hat zum Beispiel Erwaa Bishara vor einigen Jahren in Heslach kurzerhand eine Unterrichtsinitiative für Arabisch selbst gegründet: „Ich habe für meine Kinder sonst kein passendes Angebot gefunden“, sagt die junge Frau. Auch die bulgarische Schule wurde vor zehn Jahren von einer Elterninitiative ins Leben gerufen. Heute hat die Schule sechs Klassen, in denen sonntags unterrichtet wird. Stefanka Vasileva, eine der ehrenamtlich in der bulgarischen Schule Engagierten, ist vom Sinn des muttersprachlichen Unterrichts überzeugt: „Zuerst muss man die eigene Sprache beherrschen, um eine weitere Fremdsprache zu erlernen“, sagt sie.

Aufgabe des deutschen Staates, die Kinder zu unterrichten

Völlig ohne Fördermittel müssen freilich nicht alle Schulvereine auskommen. So berichtet der Vertreter der serbischen Schule, dass die Schule mit deutschen Schulen nicht nur kooperiert. Die Lehrer werden inzwischen auch mit Mitteln aus Serbien bezahlt. „Das sollte der nächste Schritt für jeden Schulverein sein“, so Aleksandar Radoicic. Ins selbe Horn stößt Dolgor Guntsetseg: „Wir finden, dass der Muttersprachenunterricht dauerhaft nicht den Ehrenamtlichen überlassen bleiben sollte.“ Viele der Kinder würden künftig deutsche Staatsbürger werden, so Guntsetseg. „Es ist deshalb die Aufgabe des deutschen Staates, die Kinder zu unterrichten und den muttersprachlichen Unterricht im Lehrplan der Schulen zu verankern.“ Im Vergleich zu anderen Bundesländern, sagt sie, sei die finanzielle Förderung der ehrenamtlichen Schulvereine durch das Land besonders schlecht. Guntsetseg kündigt an, in einem Jahr, am 21. Februar 2020, eine Fachtagung darüber zu veranstalten, wie Mehrsprachigkeit in der Gesellschaft besser organisiert werden könne.

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