Kinder mit und ohne Behinderung sollen künftig gemeinsam lernen, wenn die Eltern dies wünschen. Foto: dpa

Kinder mit und ohne Behinderung sollen künftig gemeinsam lernen – Jungen Lehrern ist Thema fremd.

Stuttgart - An der Berger Schule im Stuttgarter Osten gibt es in diesem Jahr keine erste Klasse. Die Mädchen und Jungen, die eigentlich die Förderschule besucht hätten, sitzen in den ersten Klasse der nahe gelegenen Ameisenbergschule. Dort erproben zwei der Eingangsklassen den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Handicap.

In der A und B lernen je zwölf Schüler nach dem Plan der Grundschule, für die fünf Förderschüler und die vier geistig behinderten Kinder von der Helene-Schöttle-Schule gelten die Bildungspläne ihrer Schulen. Meist sind die Lehrer zu zweit in der Klasse – je ein Grundschulpädagoge und ein Sonderpädagoge. „Dadurch können sie sich gut um alle Kinder kümmern“, sagt Schulleiterin Katja Conzelmann. In ihrem Kollegium fand sie viel Zustimmung, als sie vor einigen Monaten vorschlug, es zusammen mit der Berger Schule mit der Inklusion zu versuchen. Noch sind Klassen, in denen behinderte und nichtbehinderte Kinder zusammen lernen, die Ausnahme. Bisher mussten Eltern von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf oft kämpfen, damit ihre Kinder eine sogenannte Regelschule besuchen konnten. Doch seitdem Deutschland die UN-Konvention für die Rechte Behinderter unterzeichnet hat, ändert sich etwas. In fünf Modellregionen – Stuttgart, Mannheim, Freiburg, Konstanz und Biberach – erproben Schulen den gemeinsamen Unterricht. Aber auch außerhalb dieser Bezirke wird niemand ausgebremst. Voraussichtlich zum Schuljahr 2013/14 wird die grün-rote Landesregierung das Schulgesetz ändern.

Angehende Lehrer beschäftigen sich nicht mit dem Thema

Einfach ist die Umstellung nicht. Denn die meisten Lehrer haben sich während Studium und Lehrerausbildung nicht mit diesem Thema beschäftigt. Zudem ist hohe Flexibilität gefordert. Blinde brauchen andere Unterstützung als Schwerhörige oder Kinder , die sich mit dem Lernen schwertun. Für die Lehrer heißt das etwa, dass sie unterschiedliche Lernmaterialien zur Verfügung stellen müssen. „Wichtig ist deshalb, dass die Lehrer der Regel- und der Sonderschulen gut zusammenarbeiten, sagt Kerstin Merz-Atalik. Die Professorin, die sich an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg mit der Sonderpädagogik befasst, legt großen Wert darauf, dass die Studenten lernen, wie sie Schüler individuell fördern können und wie sie unterrichten müssen, damit sie Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen erreichen. Ebenfalls wichtig ist die Teamarbeit.

Wie viel Zusammenarbeit zwischen den Kollegen von der Regelschule und der Sonderschule möglich ist, hängt nicht nur von der Bereitschaft der Kollegien ab, sondern auch von der Zahl behinderter Kinder. Für jedes Kind erhalten die Schulen bis zu sechs Stunden pro Woche. „Am besten wäre es, wenn die Sonderpädagogen ganz zur Regelschule zählen würden“, so die Hochschullehrerin. Bis jetzt werden sie von den Sonderschulen abgeordnet. Für kleinere Schulen ist das schwierig, weil zwar die Klasse kleiner wird, wenn Schüler zur Regelschule wechseln, die Zahl der Klassen aber gleich bleibt. Kostenneutral sei die Inklusion nicht zu haben, sagen Verbände. Eine Auflösung der Sonderschulen ist nicht geplant, Eltern sollen wählen, an welche Schule sie ihre Kinder schicken. Immer wieder hat Merz-Atalik beobachtet, dass Schulen mit großem Engagement starten, dann schnell an die Grenzen ihrer Professionalität geraten. Deshalb empfiehlt sie, Kompetenzteams zu bilden. Ihnen sollten Lehrer angehören, die seit längerem inklusiv arbeiten. „Das ist ein Erfahrungsschatz, den wir unbedingt nutzen sollten.“

Beim Forum Bildung am 17. Januar um 19 Uhr geht es um das Thema Inklusion. Auf dem Podium in der Ameisenbergschule (Ameisenbergstraße 2) in Stuttgart diskutieren Prof. Dr. Kerstin Merz-Atalik, PH Ludwigsburg, und Katja Conzelmann, Leiterin der Ameisenbergschule. Moderation: Maria Wetzel. Der Eintritt ist frei, eine Eintrittskarte ist erforderlich. Diese können Sie bis Donnerstag, 22. Dezember, bestellen unter der Servicenummer 0 13 79/88 00 66 (0,50 Euro bei Anruf aus dem Festnetz, Mobilfunk ggf. abweichend) oder per Email: m.wetzel@stn.zgs.de. Bitte geben Sie Ihren vollständigen Namen, Ihre vollständige Adresse und die gewünschte Zahl der Karten an.