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Die Inklusion an baden-württembergischen Schulen unternimmt erste wacklige Gehversuche.

Stuttgart - Beim Kinderchor der Frösche und Bären klappt die Inklusion schon ganz gut. Gemeinsam bestreiten die Erstklässler der Ameisenbergschule die Ouvertüre zur Podiumsdiskussion unserer Zeitung. Elf der 33 Schüler der Klassen 1a und 1b weisen einen „sonderpädagogischen Förderbedarf“ auf, wie es in der Fachsprache heißt. Der Rest sind „normale“ Erstklässler. Sie alle werden seit diesem Schuljahr an der Grund- und Hauptschule im Stuttgarter Osten gemeinsam unterrichtet. Genauer: Sie verbringen den Schulalltag zusammen, das heißt gemeinsamer Schulweg, gemeinsames Klassenzimmer, gemeinsame Pausen. Der Unterricht selbst ist differenzierter.

Ob Mathe, Deutsch oder Sport – die Lehrer der Ameisenbergschule orientieren sich an den gewöhnlichen Lernstandards für Grundschüler. Die (Lern-)Behinderten und die schwachen Schüler bekommen Lehrkräfte von Sonderschulen an die Seite gestellt, die gemeinsam Hilfe leisten. Kinder mit Downsyndrom, die nicht lange still sitzen können, werden von FSJlern (Freiwilliges Soziales Jahr) schon mal ins Freie begleitet, um den ­Bewegungsdrang zu stillen.

„Das Ziel ist es, möglichst viel gemeinsam und möglichst wenig getrennt zu machen, dabei aber trotzdem allen Kindern gerecht zu werden – den guten wie den schwächeren “, sagte die Rektorin der Schule, Kerstin Conzelmann im Gespräch mit unserer Bildungsredakteurin Maria Wetzel. Nach ihren ersten Erfahrungen klappt das Zusammensein meist ganz gut, nicht nur was das gemeinsame Chorsingen angeht. Die Schüler mit Behinderung würden die gewünschte Aufwertung – sozial wie schulisch – erfahren; jene ohne Handicap nicht unter dem heterogenen Unterrichtsniveau leiden. Eltern nichtbehinderter Kinder haben sich noch nicht beschwert – sie hätten den Modellversuch auch nicht verhindern, ihre Kinder höchstens in eine andere Klasse stecken können.

Inklusion heißt, alle, die in dieser Gesellschaft leben, sind Teil der Gesellschaft

Für die junge Rektorin ist es schön zu sehen, wie der Umgang untereinander von völliger Normalität geprägt sei. „Sie spielen gemeinsam auf dem Pausenhof, machen Quatsch – auch wenn die Hauptschüler nicht immer genau wissen, wie man adäquat mit ihnen umgeht“, sagt sie und lacht.

Adäquat – das hieße, die Behinderung des anderen auszublenden, zu ignorieren, irgendwann gar nicht mehr wahrzunehmen. Eben das, was Inklusion langfristig bewirken will. Zu Beginn des „Forum Bildung“ vor 150 Gästen betrieb Kerstin Merz-Atalik Aufklärung in Sachen Definition. „Integration bedeutet die Eingliederung von Randgruppen. Inklusion heißt, alle, die in dieser Gesellschaft leben, sind Teil der Gesellschaft – und als solche gleichberechtigt.“

Nach Ansicht der Prorektorin der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und Expertin auf diesem Gebiet ist Baden-Württemberg noch Diaspora, was die Gleichstellung von Kindern mit und ohne Behinderung angeht. Eltern hätten noch immer keine Wahlfreiheit, ob sie ihr behindertes Kind auf eine Sonder- oder eine Regelschule schicken. Die alte schwarz-gelbe Landesregierung hat es ihrer Meinung nach lange versäumt, den Weg der Gleichstellung einzuschlagen. Dabei ist die UN-Behindertenrechtskonvention bereits seit 2009 in Kraft. Der Völkerrechtsvertrag verlangt von seinen Unterzeichnern, darunter Deutschland, dass Behinderten die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht werden muss. Dazu zählen auch Schule, Ausbildung, Studium.

Baden-Württemberg steht noch am Anfang

Andere Länder sind nach Ansicht von Merz-Atalik schon viel weiter. Berlin, natürlich, aber auch Staaten, in denen man dies nicht unbedingt erwartet hätte wie Österreich oder Italien. Als Ideal schwebt der 46-Jährigen Luxemburg vor. Dort besuchten nur noch 0,8 Prozent eine Sonderschule; die meisten Einrichtungen sind inzwischen aufgelöst, Schüler und Lehrer vollständig in Regelschulen einbezogen.

Baden-Württemberg, wo 6,4 Prozent der Kinder sonderpädagogischer Unterstützung bedürfen und wo seit jeher überdurchschnittlich viel Geld für deren Betreuung aufgebracht wird, steht diesbezüglich erst am Anfang. In fünf Modellregionen wird Inklusion erprobt, darunter auch in der Landeshauptstadt. 22 Schulen, Grund-, Haupt- und Werkrealschulen, nehmen an dem Modellversuch mit insgesamt 545 behinderten Schülern teil. Gymnasien sind bislang weitgehend ausgenommen.

Aus Sicht von Schulleiterin Conzelmann besteht das größte Problem darin, dass vieles noch Stückwerk ist. Sie bekommt Fachlehrer von Sonderschulen (Partnerschulen sind die Helene-Schoettle- und die Berger Schule) für ihre dritte Klasse nur stundenweise abgestellt. „Sie fragen sich dann schon: Wo bin ich zu Hause?, wenn ich zwei Tage hier und drei Tage an meiner alten Schule unterrichte. Das ist nicht ideal.“ Im ­Übrigen auch nicht für die Sonderschulen, die unter dem Aderlass leiden – besonders die kleinen.

Außerdem würde der Grundgedanke der Inklusion ein Stück weit ad absurdum ­geführt, wenn einzelne Schüler nur zwei Stunden und nicht die ganze Woche ihre ­Sonderförderung erhielten, findet die Rektorin. So ist es zur gewünschten Normalität noch ein weiter Weg.

Inklusion noch immer umstritten

Die grün-rote Landesregierung ist auf dem Weg, meldete sich aus dem Publikum Vittorio Lazaridis zu Wort. Der frühere Rektor der Berger Schule verantwortet jetzt im Staatsministerium die Schulpolitik des Landes und hält Inklusion prinzipiell für richtig. Er sagt aber auch: „Wir dürfen nichts übers Knie brechen. Zum Entwickeln braucht es viel Zeit.“ Petra Schmalenbach vom Schulamt der Stadt Stuttgart erinnerte daran, dass man sich erst im „Schulversuchsstadium“ ­befinde, von dem man noch nicht einmal wisse, ob es sich in dieser Form auch als geeignet erweist.

Für Lazaridis ist aber auch klar: „Auf Dauer können wir es uns nicht leisten, zwei Systeme zu finanzieren.“ Man rechnet damit, dass dies landesweit 500 bis 700 zusätzliche Lehrerstellen kosten würde – was selbst unter Grün-Rot undenkbar scheint.

So bewegte sich die Diskussion zwischen zwei Polen, die einerseits für die möglichst zügige und allumfängliche Inklusion plädierten, auf der anderen Seite vor allzu überstürzter Vereinheitlichung warnten. Denn eines darf auch nicht vergessen werden: Unter vielen Eltern und Lehrern an normalen Schulen ist Inklusion noch immer umstritten – vorsichtig formuliert. „Ihr Kind wäre eine Zumutung für alle anderen“, berichtete eine Mutter von einer Begegnung mit dem Rektor eines Gymnasiums. Und auch manche Eltern von Behinderten wollen ihre Kinder gar nicht mit anderen zusammentun, sondern lieber unter ihresgleichen halten.

Fazit des Abends: Wir stehen bei der Inklusion noch am Anfang – aber immerhin der ist gemacht.