Erstes Forum Bildung in der Natur: Rund 100 Gäste verfolgen die Podiumsdiskussion im Haus des Waldes in Stuttgart-Degerloch Foto: Leif Piechowski

Dass Kinder Natur brauchen, unterschreibt  eigentlich jeder. Warum ihr Alltag oft anders  aussieht, haben wir mit dem Kinderarzt Herbert Renz-Polster und mit den  Waldpädagogen Berthold Reichle und Eberhard Bolay diskutiert.

Dass Kinder Natur brauchen, unterschreibt  eigentlich jeder. Warum  ihr Alltag oft anders aussieht, haben wir mit dem Kinderarzt Herbert Renz-Polster und mit den  Waldpädagogen Berthold Reichle und Eberhard Bolay diskutiert.

Stuttgart - Herrlich, diese Bäume. Wie sie rauschen! Wie sie duften! Wenn man nur mit dem Auto näher heranfahren könnte.

Nein, das ist kein Kalauer. Eher der Stoßseufzer von Pkw-Fahrern, die beim Stuttgarter Haus des Waldes einen Parkplatz suchen. Ein bisschen spiegelt die Einrichtung, die man erst nach fünf Minuten Fußweg erreicht, das gespaltene Verhältnis moderner Stadtmenschen zur Natur: Man schätzt sie auf Sonntagsspaziergängen, aber sie soll bitte schön passen, kompatibel sein mit den eigenen Erwartungen.

Gibt es einen besseren Ort, um über das Thema „Warum Kinder die Natur brauchen“ zu reden? Das Forum Bildung unserer Zeitung ist einen Abend lang zu Gast unter der beeindruckenden Glaskuppel auf der Waldau, und der Chef des Hauses, Berthold Reichle, freut sich, dass wir kein Fragezeichen hinter das Motto gesetzt haben.

„Natürlich brauchen Kinder die Natur“, sagt er mit Ausrufezeichen im Tonfall – und an den Mienen der über hundert Gäste lässt sich innerliches Kopfnicken ablesen. Wie auch anders, wo sich das Thema Wald so schön pädagogisch aufbereiten lässt, wie man ringsherum an Tafeln, Schaukästen und Holzspielzeug sieht. Und doch ist das nicht die Natur, die der Kinderarzt und Buchautor Herbert Renz-Polster meint.

Wo sind sie denn, die naturverbundenen Kinder?

„Wo sind sie denn, die naturverbundenen Kinder?“, fragt er provokativ. Die Gesellschaft sei sich keineswegs einig, dass diese Erfahrung so wichtig sei wie gesundes Essen. Im Gegenteil. Die Erwachsenen hätten stets andere Programme im Kopf. „Geleitetes Lernen“ nennt das der 54-Jährige, der nach seinem Arztexamen erst einmal mit seiner Familie durch Europa geradelt ist. Immer werde den Kindern vorgekaut, beigebracht, aufgegeben. Dabei könnten die ihren Erfahrungsschatz nur allein sammeln.

Maria Wetzel, Bildungsredakteurin unserer Zeitung und Moderatorin des Abends, will nachhaken, doch das ist nicht nötig. Renz-Polster sprudelt, zählt vier Herausforderungen auf, denen sich jedes Kind stellen müsse: mit den eigenen Impulsen klarkommen, mit anderen Kindern klarkommen, gegen Widerstand stark werden und kreativ werden. Das könne man nicht lehren, ja nicht mal üben: „Üben Sie mal Kreativität!“

Nur im „unstrukturierten Raum“ ließen sich diese Erfahrungen machen, glaubt der gebürtige Stuttgarter. Das sei im Idealfall die Natur, könne aber auch eine alte Scheuer sein, eine Brache oder ein Lagerfeuer. Bloß kein Spielplatz mit ausgetüftelten Geräten.

Eberhard Bolay schmunzelt, als er das hört. Der 64-Jährige ist pädagogischer Leiter des Hauses und eigentlich mit allem, was sein Vorredner sagt, einverstanden. Wenn es nicht gar so ausschließlich wäre. Manche Dinge könnten Erwachsene Kindern durchaus beibringen, hält er dagegen. Schulen und Kindergärten müssten aber Freiräume für eigenes Erleben schaffen. Mit Hilfe der Waldpädagogik, zum Beispiel. Auch Reichle, gelernter Förster und Waldpädagoge, meidet Schwarz-Weiß-Malerei. Man könne Kinder beim Lernen begleiten – ohne dass man gleich steuere.

Pubertierende Jungs schwingen die Axt

Als Bolay ruft: „Raus aus den Klassenzimmern, wo die Kinder auf ihren Stühlen festgenagelt sind“, sind sich die Diskutanten wieder einig. Und fast beginnen sie, die Ärmel hochzukrempeln, so begeistert erzählen sie, wie pubertierende Jungs die Axt schwingen und damit Bäume fällen.

Axt? Da heben einige im Publikum die Augenbrauen. Auch die Moderatorin fragt: Ist das nicht gefährlich? Und wie stehe es überhaupt mit der Haftung im Wald? „Ja, es kann was passieren“, sagt Reichle offen, „aber das brauchen wir.“ Kinder und Jugendliche benötigten die Freiheit, Risiken einzugehen. Wie sollten sie denn lernen, Gefahren abzuschätzen, wenn man sie ständig davon fernhalte? „Welch’ traurige Kindheit wäre das!“, ruft Reichle. Besorgten Blicken begegnen die Waldpädagogen, indem sie versichern, in den letzten 20 Jahren hätten sie nie mehr als ein Pflaster gebraucht.

„Die Eltern muten Kindern doch ständig Risiken zu, wenn sie in ihre erwünschten Kategorien passen“, wirft Renz-Polster ein. Skifahren zu Beispiel sei nicht ungefährlich. Mannschaftssport ebenso wenig. Und das Leben in der Stadt sowieso, mag mancher im Publikum denken.

Wie kann man denn dort, in Schulen und Betreuungseinrichtungen zum Beispiel, erreichen, dass Kinder elementare Erfahrungen machen? Dafür stimme der „institutionelle Rahmen“ noch nicht, glaubt Bolay. So müsse dafür zunächst einmal Freiraum in den Bildungsplänen geschaffen werden. Auch bei der Ausbildung von Erzieherinnen und Lehrern sei das Thema noch unterentwickelt. „Wir Lehrer müssen die Tür aufmachen“, sagt Bolay. Zumindest müsse man einen Fuß rein bekommen. Aber alles mit Maß und Mitte: „Es ist schwierig, wenn man immer gleich das Ganze will.“

Renz-Polster will das Ganze. Er sieht sogar die Gefahr, dass Kindergärten längst auf dem Weg sind, elementare Erfahrungen zugunsten des kognitiven Lernens – also Lernen mittels Einsicht – zu vernachlässigen. Er schließt das aus der bundesweiten Aktion „Haus der kleinen Forscher“, mit der die Wirtschaft die Naturwissenschaften bereits in Kindergärten fördert. Naturwissenschaft sei aber keine Naturerfahrung, sagt er und folgert: „Wir wollen die Kinder auf die globalisierte Wirtschaft vorbereiten.“

Das größte Problem sei, meint Reichle, dass Erwachsene zu wissen glaubten, was gut für Jugendliche ist. Das beginne schon bei der Anlage von Spielplätzen. Kinder drückten sich am liebsten in schummrigen Ecken am Rand herum. „Gute Entwickler von Spielplätzen sagen deshalb den Gemeinderäten: Am besten, Sie haben kein Geld“, sekundiert Renz-Polster. So würden weniger Geräte aufgestellt.

Dass es reicht, ein großes Loch zu graben, wie der Kinderarzt meint, stellt Bolay allerdings infrage: „Es wird schwierig, mit dem Caterpillar überall die Schulhöfe aufzureißen.“ Dass diese oft aussehen wie Exerzierplätze, wie die Moderatorin meint, räumt er allerdings ein. Aber auch auf diesem Feld müsse man eben kleine Brötchen backen.

Also zurück zur Natur, keine Frage. Wenn es auf dem Weg dahin nur nicht jenen verlockenden Abzweig namens Internet gäbe. „Die Konkurrenz ist schon sehr groß“, sagt Reichle und gesteht, er wisse noch nicht, was man dem entgegensetzen könne. Wenn Kinder vor der Glotze oder vor dem PC sitzen, sind sie nun mal nicht draußen.

Bolay rät auch hier zum Mittelweg. Die Eltern müssten ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den Angeboten finden. Auch im Publikum gibt es dafür Stimmen. „Wir leben nun mal in einer Welt, in der wir Forschung benötigen“, sagt eine Lehrerin. Kinder seien doch auch lernbegierig, wollen Dingen auf den Grund gehen.

Es habe keinen Sinn, Naturerfahrung gegen andere Lebensbereiche wie Sport oder Neue Medien auszuspielen, sagen auch andere im Publikum. Selbst Renz-Polster, der Kinderarzt und Verfechter des unstrukturierten Raums, räumt ein, dass sein 16-jähriger Sohn bisweilen mit dem Notebook am Lagerfeuer sitzt – um Griffe für die Gitarre nachzuschlagen.

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