Diskutieren über die Lust am Lernen: Dagmar Mikasch-Köthner, Direktorin der VHS Stuttgart, Professor Josef Schrader, Staatssekretärin Marion von Wartenberg und Ümit Yalcin Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Wer lebenslang lernt, lebt besser. Diese Erkenntnis der Forschung hat sich allerdings noch nicht überall herumgesprochen. Wir haben darüber mit Fachleuten und Betroffenen diskutiert.

Stuttgart - Was ist denn da los? Die Stadt genießt den ersten Sommerabend, die Straßencafés sind brechend voll – und trotzdem geht es im Treffpunkt Rotebühlplatz zu wie im Taubenschlag. Aus einem Raum tönt Spanisch, in einem anderen bereiten sich Englisch-Cracks auf ihre Prüfung vor, Töpferscheiben drehen sich, und sogar der schweißtreibende Zumba-Kurs ist gut besucht: Wer die Stuttgarter Volkshochschule zum Maßstab nimmt, dem muss um die Wissensgesellschaft nicht bang sein.

Vielleicht wissen ja all die Lernhungrigen längst, was der Tübinger Forscher Josef Schrader kürzlich herausgefunden hat: dass sich Weiterbildung lohnt, und zwar nicht nur finanziell. „Sie macht glücklicher, gesünder und selbstbewusster“, spitzt Maria Wetzel zu, die Moderatorin des Forums Bildung den Stuttgarter Nachrichten, die das Thema an diesem Abend aufruft. „Na ja“, dämpft Schrader, den sie dazu auf dem Podium befragt, der Gesundheitsvorteil sei nicht belegt. „Die Befragten schreiben der Weiterbildung aber viele positive Effekte zu.“

In einer Volkshochschule über dieses Thema zu reden heißt natürlich sprichwörtlich Eulen nach Athen zu tragen. Vor allem, wenn Referenten zu Wort kommen, die persönliche Erfolge damit verbinden. Marion von Wartenberg zum Beispiel, die Staatssekretärin im Kultusministerium, die ihre windungsreiche Berufslaufbahn als Kindergärtnerin begann. Oder Ümit Yalcin, ein angehender Wirtschaftsingenieur, der über das Abendgymnasium zum Studium fand.

„Stuttgart ist schon sehr bildungsfreudig, wir wollen ja auch Hauptstadt des lebenslangen Lernens werden“, sagt völlig unbescheiden die Direktorin der Volkshochschule, Dagmar Mikasch-Köthner. Für eine Wirtschaftsregion mit dem einzigen Rohstoff Wissen sei Bildungsehrgeiz überlebensnotwendig.

Schulen haben mit einer Art Paradox zu kämpfen

Und doch wissen alle auf dem Podium, dass Schulen mit einer Art Paradox kämpfen: „Bildung suchen jene, die ohnehin schon bildungsnah sind“, sagt von Wartenberg. Wer jedoch von Haus aus auf Kriegsfuß mit dem Lernen stehe, sei auch als Erwachsener nur schwer dazu zu motivieren.

Manche Gruppen ließen sich einfach nicht ansprechen, bestätigt Mikasch-Köthner und erkennt nicht nur finanzielle Ursachen. „Bildungsbeteiligung vererbt sich“, sagt Schrader, der nicht nur in Tübingen forscht, sondern auch in Bonn als Chef des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung. Wer als Kind negative Erfahrungen mit der Schule gemacht habe, lasse sich als älterer Mensch nur schwer umstimmen.

Außerdem habe man das Lernen verlernt, wirft Ümit Yalcin ein und berichtet von der Schwierigkeit, als Erwachsener die Schulbank zu drücken. „Ja, das Lernen muss man lebenslang einüben“, bestätigt Schrader. Fahrradfahren verlerne man nie wieder, die Kompetenz des Lernens aber sehr wohl.

„Mensch, Ümit, warum machst du das?“

Und dann gibt es da noch die hämischen Bemerkungen aus dem Freundeskreis: „Mensch, Ümit, warum machst du das?“, habe er immer wieder gehört, sagt Yalcin. Doch irgendwann habe er eben verstanden, dass er mit Bildung auch Anerkennung erwerbe. Diesen Aha-Effekt wünscht er allen Zuwanderern. Vielleicht, so schlägt er vor, wären ja Bildungsbotschafter hilfreich – also junge Leute wie er, die dafür werben.

„Wir müssen aber die gesamte Bandbreite im Blick haben“, schränkt die Volkshochschuldirektorin ein. Nicht alle Migranten hätten Probleme mit der Weiterbildung. Vor allem dürfe man diese nicht als Instrument dazu missbrauchen, um Mängel des ersten Bildungswegs zu reparieren.

Womit die Runde beim Thema Geld angelangt wäre. Während Schrader davor warnt, ländliche Regionen zu vernachlässigen und Yalcin zu bedenken gibt, Schulgebühren seien für viele Bildungswillige eine hohe Hürde, während auch Publikumsvertreter mehrfach bessere Arbeitsbedingungen für Dozenten anmahnen, macht die SPD-Staatssekretärin eine Erfolgsbilanz auf.

Grün-Rot habe die Studiengebühren abgeschafft, die jährliche Grundförderung für Volkshochschulen von 7,6 auf 15,6 Millionen Euro angehoben, sagt von Wartenberg. Und außerdem sei Weiterbildung ja nicht nur eine Landesaufgabe, sondern auch eine der Kommunen. Die Politikerin treibt weniger der finanzielle Aspekt um als die Frage: Wer hat überhaupt Zeit für Weiterbildung?

Manche jobben lieber, als sich zu bilden

Während viele Menschen die Wirtschaftskrise vor sechs, sieben Jahren intensiv zum Lernen genutzt hätten (auch wegen Arbeitslosigkeit), fassten derzeit auch gering Qualifizierte leicht auf dem Jobmarkt Fuß. Soll heißen: Sie jobben lieber, als sich zu bilden. Versteht sich von selbst, dass von Wartenberg an dieser Stelle das Bildungszeitgesetz der Landesregierung hervorhebt.

„Die Wirtschaft sagt aber, wir brauchen das gar nicht“, wendet Maria Wetzel ein, die Moderatorin und bildungspolitische Redakteurin unserer Zeitung. Außerdem seien die Erfahrungen anderer Länder ja so, dass nur wenige Arbeitnehmer davon Gebrauch machen. „Das stimmt“, sagt Bildungsforscher Schrader, „dennoch bin ich dankbar, dass Baden-Württemberg nun auch ein solches Gesetz hat.“ Es sei auch ein wichtiges Si­gnal, um die öffentliche Wahrnehmung der Weiterbildung zu schärfen.

Und nun wolle er sich ein wenig unbeliebt machen, kündigt der Professor an. Denn das Gejammere wegen des Geldes kann er irgendwie nicht mehr hören. „Wenn man bedenkt, was wir so alles ausgeben für Urlaub, Kosmetik, Haus – wir sind doch alle selbst gefordert, für Bildung vorzusorgen“, sagt Schrader. Man müsse sich eben angewöhnen, darauf zu sparen, vielleicht könne man sogar an so etwas wie eine Bildungsversicherung denken. Die Buhrufe aus dem Publikum bleiben aus. Offensichtlich sind die Schwaben keineswegs knausrig, wenn es ums Lernen geht.

Stattdessen gibt es kritische Anmerkungen, weil die Runde das Thema Internet nicht vertieft. „Da muss die Politik reagieren, denn viele Dozenten lehnen die Nutzung des Internets ab“, ärgert sich ein Gast. Auch Yalcin sagt: „Wir machen noch nicht viel aus den Online-Möglichkeiten.“ Volkshochschuldirektorin Mikasch-Köthner will das so nicht stehen lassen und berichtet über Bestrebungen, den Online-Unterricht stärker fürs Abendgymnasium zu nutzen. Was die Internetnutzung über WLAN im Rotebühlzentrum angehe, seien aber noch finanzielle Fragen offen.

Schrader sieht zwar die digitalen Möglichkeiten in der Weiterbildung noch keineswegs ausgeschöpft, erkennt aber ein ähnliches Paradox wie beim Lernangebot generell: „Dieselben, die das Internet dafür nutzen, beteiligen sich auch sonst an der Weiterbildung.“ Und manche Dinge könne man eben nicht per Mausklick lernen: Musizieren zum Beispiel. Oder Tanzen. Oder Töpfern.

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