Wie aus dem Ei gepellt: Tom Payne als Heiler Rob Cole in „Der Medicus 2“ Foto: Gordon Mühle/Constantin Film/dp

„Der Medicus“ nach Noah Gordon wurde 2013 zum Kinohit. „Der Medicus 2“ fabuliert nun, wie der Heiler Rob Cole im Mittelalter die Psychologie entdeckt. Sehenswert?

Der Mensch des Mittelalters war notgedrungen härter im Nehmen als sein verzärtelter Nachfahr des 21. Jahrhunderts. Hygiene und Gesundheitsvorsorge gab es nicht, die Medizin mischte oft Hokuspokus mit grausamer Quälerei. In Philipp Stölzls an Schauwerten reichem Weihnachtskino-Epos „Der Medicus 2“ werden Hämorrhoiden etwa mit glühenden Schürhaken traktiert. „Und das heilt sie?“, will ein vom erbarmungswürdigen Schrei des Patienten entsetzter Anhänger des titelgebenden Medicus Rob Cole (Tom Payne) vom Meister wissen. „Nein“, entgegnet der schmunzelnd. „Aber es lenkt die Leute ab.“

 

Genau das ist das Programm von „Der Medicus 2“, der schlicht betitelten Fortsetzung von Philipp Stölzls Erfolgshit „Der Medicus“, der sich schon 2013 eher lose auf Noah Gordons gleichnamigen Historienbestseller bezog. „Der Medicus 2“ hat mit Gordons Romanfortsetzungen nun gar nichts mehr zu tun. Stattdessen fabuliert Stölzl mit vier Drehbuchautoren im Team eigenständig weiter, wie sich Rob Cole mit seiner Mannschaft auf der Suche nach wissenschaftlicher Erleuchtung durchs finstere Mittelalter schlägt.

Rob Cole ist vom Verlust seiner Frau traumatisiert

Die Kenntnis des ersten Teils ist für den Genuss des zweiten nicht zwingend erforderlich. Stölzl schmettert sein Publikum gleich mitten ins Geschehen und inszeniert die stürmische Überfahrt Coles und seiner Männer aus dem medizinisch zwar besser aufgestellten, aber doch feindlich gesinnten Persien zurück nach Europa als Höllenritt. Kurz bevor das Schiff die englische Küste erreicht, zermalmen mächtige Winde den Kahn, in dessen berstendem Inneren Coles schwangere Frau Ilene (Áine Rose Daly) auf die Schnelle noch das gemeinsame Kind zur Welt bringt, ehe sie von den Fluten verschlungen wird.

Die Tochter des Königs schmort im Kerker

Der Donnerschlag gleich zu Beginn ist notwendig, um den vom Verlust traumatisierten Cole auf die Spur der noch unbekannten Psychologie zu setzen. In London angekommen, wollen Cole und seine Männer mitsamt Baby aber zunächst die neugewonnenen Kenntnisse aus Isfahan an Londoner Patienten erproben. Stölzl und sein Drehbuchteam konstruieren in der Folge heftige Konflikte mit der christlichen Ärzte-Gilde der Stadt, die den jüdischen und arabischen Konkurrenten die Erlaubnis zur Behandlung versagt. Cole wird überdies in eine deftige Intrige am Königshof verstrickt und soll sogar die scheinbar irre, im Kerker schmorende Tochter des Monarchen (Liam Cunningham) heilen.

Hauptdarsteller Tom Payne und Regisseur Philipp Stölzl bei der Kinopremiere in Köln Foto: SvenSimon/M. Ossowski

Um es klar zu machen: Wer von „Der Medicus 2“ ein authentisches, historisch einigermaßen korrektes Mittelalterbild erwartet, sitzt hier im falschen Film. Philipp Stölzl springt kopfüber ins Abenteuer und erkundet den fremden Kosmos wie ein ausgelassenes Kind das Fantasialand. Aufgrund eines offensichtlich stattlichen Budgets wirken Landschaftspanoramen und Aufnahmen aus dem engen Gewusel Londons imposant, wer genauer hinschaut, bemerkt, wie vergleichsweise sauber Stölzls Mittelalter ist. Mit getrimmten Männerbärten, Föhnfrisuren und weitgehend knitterfrei gebügelten Gewändern, deren immerhin leicht angeschmutzte Säume verraten, dass die Gassen nicht aseptisch waren.

Dialoge im Schnodderdeutsch der Gegenwart

Ärgerlich modern klingen dafür die Dialoge im Schnodderdeutsch anno 2025. Vielleicht war aber auch die Angst der Autoren zu groß, in der historischen Anpassung einen allzu künstlichen Tonfall zu treffen. Fragwürdig erscheint noch, dass Menschen unterschiedlichster geografischer Herkunft ohne Versatz miteinander plaudern, als wären damals schon alle ein und derselben Weltsprache mächtig gewesen. Über all diese Probleme kann man hinweg sehen, sich sagen: „Ach komm, ist doch bloß Kino.“

Schwierig wird das aber, wenn es um Coles erwachendes Interesse für das Psychologische geht. Zwar beschäftigten sich schon Denker wie Platon, Aristoteles und Thomas von Aquin mit Fragen zu Geist und Seele. Das von Cole angewendete Psycho-Ritual einer heilkundigen Keltin, bei dem Patienten in einer Art Hypnose mit verdrängten Erinnerungen konfrontiert werden, zitiert aber deutlich die Techniken Sigmund Freuds, was in diesem Kontext eher lustig als wahrscheinlich ist. Selbst, wenn man schamanistische Rituale mit vergleichbarem Inhalt für möglich hält. Es ist wie mit den verschmorten Hämorrhoiden vom Anfang: Mit tollen Effekten kann man Menschen ablenken, von ihren alltäglichen Sorgen, aktuellen politischen Problemen und dem kompletten Ballast dieser zwar aufgeklärten, in Teilen aber immer noch erstaunlich barbarischen Zeit. An der Seite von Rob Cole entdeckt Philipp Stölzl passend zu den Feiertagen das Prinzip Hoffnung wieder. Ob das viel mit der Wahrheit zu tun hat – oder eben auch nicht.

Der Medicus 2: Deutschland 2025. Regie: Philipp Stölzl. Mit Tom Payne, Emily Cox, Malick Bauer. 143 Minuten. Ab 12 Jahren.