Bei der Arbeit: Hermann Bay und seine Stute Bell Foto: Gottfried Stoppel

Am Rande der Backnanger Plattenwaldsiedlung werden Pferde bei der Holzernte eingesetzt. Doch das ist nur ein Teil des Plans, wie sich der Forst auf verändernde Wetterbedingungen einzustellen versucht.

Backnang - Hü“, ruft Hermann Bay, und Bell zeigt, dass sie nicht nur bei Kutschenfahrten ein echtes Zugpferd ist. Schnaubend setzt sich die imposante Stute in Bewegung und schleift den Baumstamm fast mühelos hinter sich her, der zuvor an einer Kette am Ende ihres Brustblatt-Geschirrs befestigt worden ist. Mehrere hundert Kilogramm schwer und gut fünf Meter lang dürfte der Stamm sein, den der riesige Kaltblüter aus dem Unterholz zieht.

 

„Wiebke“ schafft Bedingungen für Neuanfang

Das Holzrücken mit Pferden ist Teil eines Konzepts, mit dem einige Förster versuchen, den heimischen Wald besser auf die sich verändernden klimatischen Verhältnisse einzustellen. In dem rund drei Hektar großen Teilstück am Rande der Backnanger Plattenwaldsiedlung hat vor 30 Jahren eine Urgewalt die Bedingungen für einen Neuanfang geschaffen. Das Areal musste neu aufgeforstet werden, nachdem der Orkan „Wiebke“ von dem bisherigen dichten Fichtenwald nicht mehr viel übrig gelassen hatte.

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Neu angepflanzt wurde eine gute Mischung aus verschiedenen Baumarten, die nicht nur mit den hiesigen Bodenbedingungen gut klarkommen, sondern auch längere Trockenperioden sowie Frosttage überstehen. Eichen, Kirschen, Ahorn, Edelkastanien, Birken und Elsbeeren etwa sind solche bevorzugten Arten, die nun regelmäßig von so titulierten „Bedrängern“ rund um sie herum befreit werden. Statt Masse setzt man mittlerweile auf Klasse: Dem einzelnen „Zukunftsbaum“ wird so viel Platz für Krone und Wurzel eingeräumt, dass er sich besser entwickeln kann. „Ein Stück weit diktiert uns dieses Vorgehen der Klimawandel“, sagt der stellvertretende Forstamtsleiter des Rems-Murr-Kreises, Ulrich Häußermann.

Waldentwicklung braucht Zeit

Paul Bek, dem der Plattenwald als Revier zugeteilt ist, steht für eine neuen Ideen aufgeschlossene Förster-Generation, doch der junge Mann wehrt sich entschieden gegen den Vorwurf, die älteren hätten alles falsch gemacht. „Damals, als viele Monokulturen angelegt wurden, waren die Bedingungen einfach ganz andere“, betont er. Nach dem Krieg sei aus nachvollziehbaren Gründen die oberste Maxime gewesen, so schnell wie möglich möglichst viel Bauholz zu produzieren. Von diesem Vorgehen sei man längst, spätestens seit den 1970er Jahren, abgekommen. Aber dass es in Teilen bis heute nachwirke, habe schlicht damit zu tun, dass sich ein Wald nun einmal nicht von heute auf morgen entwickle. „Man muss da in anderen Dimensionen denken“, sagt Bek.

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In dem Teilstück an der Plattenwaldsiedlung wird in diesem Jahr zum ersten Mal seit dem Wiebke-Kahlschlag wieder etwas Nutzholz geerntet. Der Einsatz der Pferde ermögliche dabei einen schonenden Abtransport. Zwar können die zwei Percheroner von Hermann Bay den Einsatz von Maschinen nicht komplett ersetzen, allerdings müssen dank ihrer Mithilfe weniger breite Schneisen, sogenannte Rückegassen, in den Wald geschlagen werden. Statt sonst üblicher 20 bis 40 Meter ist es so möglich, nur alle 60 bis 80 Meter eine anzulegen. So bleibt nicht nur mehr Waldfläche erhalten, es wird auch weniger Boden durch die schweren Maschinen verdichtet.

Der Einsatz der Pferde ist etwas teurer

Der Einsatz der Tiere ist zwar etwas teurer, aber auch schon deshalb sinnvoll, weil er bei fast jeder Witterung möglich ist und so Arbeitszeiten der Waldarbeiter entkoppelt werden können. Außerdem ist ein wendiger Ein-PSler einer um ein Vielfaches stärkeren Maschine in manch schwer zugänglichem Gelände einfach eine Pferdelänge voraus.

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„Oha“, ruft derweil Hermann Bay, was frei übersetzt so viel wie „Halt“ bedeutet. Das Pferd und der Mann an den Zügeln haben sich eine Pause verdient. Gevespert wird unter freiem Himmel. „Ich brauch keinen Doktor, hab ja immer Bewegung und frische Luft“, sagt der drahtige, knitze Mann aus Althütte-Sechselberg, der seinem Vater schon als kleines Kind bei Waldarbeiten geholfen hat. Und die Pferde? „Dene gfällt des au“, sagt Bay, „dia wellet schaffa.“

Der Wald im Rems-Murr-Kreis

Besitz
35 000 Hektar oder mehr als 40 Prozent der Fläche im Rems-Murr-Kreis sind von Wald bedeckt. Der Staatswald bildet mit 45 Prozent den größten Anteil (Landesdurchschnitt: 24 Prozent). 21 Prozent des Waldes sind im Besitz der Kommunen, 34 Prozent der Flächen sind in Privatbesitz.

Bestand
53 Prozent der Gesamtfläche bestehen aus Nadelbäumen. 31 Prozent sind Fichten, es folgen die Weißtanne (9 Prozent) und die Waldkiefer (7 Prozent). 30 Prozent aller Laubbäume im Landkreis sind Rotbuchen, danach folgen mit deutlich geringerem Anteil die Eichen (7 Prozent) und die Eschen (3 Prozent).