Die Netta sieht aus wie ein Gartenhaus auf einem stählernen Ponton. Von dem Forschungsschiff aus schützen Freiwillige wie Herbert Stark die Vogelwelt am Bodensee.
Eine Spinnenphobie darf man hier nicht haben“, sagt Herbert Stark und zeigt auf die Kajüte, die von einem dichten Schleicher aus Eintagsfliegen umhüllt ist. Er wischt ihn weg und öffnet die Tür. Das Innere ist behaglich eingerichtet und mit dunkler Kiefer ausgekleidet. Ein kleiner Tisch, ein Gaskocher, zwei Schlafnischen, eine flache Chemietoilette hinter einem Verschlag. Komfort sieht anders aus, aber ums Wohlsein geht es Stark und seinen Kollegen auch nicht. Sie üben hier eines der spannendsten Ehrenämter aus, die im Land zu haben sind.
Auf dem Bodensee gibt es die seltsamsten Wasserfahrzeuge. Von der überdimensionierten Yacht bis zum kohlebetriebenen Dampfschiff reicht die Palette. Und da ist noch ein schwimmendes Gerät am Start: Das unscheinbare himmelblaue Boot liegt unbewegt zwischen Wollmatinger Ried und dem Schweizer Ufer. Es heißt Netta und wird die Sommersaison über dort stationiert, wo sich der Seerhein zum Untersee öffnet. Mancher Kenner rechnet diesen westlichen Teil zu den schönsten See-Abschnitten. Mit der verletzbaren Schönheit im Ermatinger Becken hat die gute Netta direkt zu tun. Sie horcht und schaut in die Vogelwelt hinein und achtet darauf, dass die Tiere in ihren Reservaten alleine sind.
Die kleine Plattform schaukelt im Auftrag des Nabu. Seit vielen Jahren liegt die schwimmende Hütte zwischen Südbaden und dem Kanton Thurgau vor Anker. Freiwillige wechseln sich in dieser anspruchsvollen Aufgabe ab, sie haben ihr Ohr an der Natur. Die Voraussetzungen: Man muss mit Einsamkeit klarkommen und sollte die unterschiedlichen Vögel gut aus der Ferne erkennen. Und kein Problem mit Dosennahrung und anderen Formen des Verzichts haben.
Er tippte schon seine Diplomarbeit an Bord
Herbert Stark gehört unbedingt zu der Sorte von Vogelschützer. Das Öko-Geschäft auf der Netta kennt er seit jungen Jahren. Der heute 70-Jährige leistete schon seinen Zivildienst beim Nabu im Wollmatinger Ried ab. Seine Matratze durfte er damals selbst mitbringen. Er hat keinen Tag bereut, im Gegenteil: Während des Ersatzdienstes – damals noch nach scharfer Prüfung vor einem Ausschuss – fing er Feuer für die Tierwelt. Später sollte er Biologie studieren und als Ornithologe an der Vogelwarte in Radolfzell, dann in Sempach (Schweiz) wirken. Seine Diplomarbeit tippte er auf einer Schreibmaschine vom Typ Triumph Adler in der Kajüte der Netta. Das Boot schwankte, und er klapperte bei Kerzenlicht auf den Tasten. Der elektrische Strom hielt erst spät Einzug in den blau angestrichenen Kasten.
Vogelkundler sind eine Spezies für sich. Sie reden nicht viel und machen wenig Aufhebens um ihre Person. Essen und trinken kümmert sie kaum, sie kampieren und observieren, nehmen die vielen lästigen Insekten klaglos hin. Sie lauschen den Lauten der Natur. Leute wie Stark beobachten nicht sich selbst, sondern ein fragiles Fleckchen Erde, in dem sich viele tummeln.
Einige Arten sind bedroht. Der Untersee zwischen der Südseite der Insel Reichenau und dem Schweizer Ufer ist übernutzt. Motorboote, Kleinsegler, Ausflugsschiffe, Kanuten ziehen den Rhein hinauf und hinunter, gerne auch mit hochgestellten Lautsprechern. Nur das blaue Hüttchen steht und mahnt wie das märchenhafte Männlein im Walde: die Netta. Ein Gartenhaus auf einem stählernen Ponton.
Stand-up-Paddler im Naturschutzgebiet
Stark und seine Kolleginnen sind so etwas wie Bodensee-Ranger. Sie fordern Kanuten oder Stand-up-Paddler auf, die geschützte Zone zu verlassen. „Gestern musste ich drei Leute auf ihren Boards herausholen“, berichtet Stark. „Sie denken, sie dürfen alles“. Dürfen sie aber nicht. Rot-weiße Bojen weisen auf den Beginn des Naturschutzgebietes hin. Wenn Sportsfreunde seiner Mahnung nicht folgen, ruft er schon mal die Wasserschutzpolizei. Das ökologisch wertvolle Gebiet umfasst 770 Hektar, die nur den Wasservögeln und ihrem Nachwuchs vorbehalten sind.
Der Schutz fängt bei der Statistik an, die von den Leuten an Bord der Netta täglich fortgeschrieben wird. Stundenweise stehen sie an der Reling und schauen unbewegt durch ein großes Fernrohr. Ein Stativ gibt der schweren Optik den nötigen Halt. Für jeden Vogel, den Stark sieht, klickt er seine Zähluhr eine Ziffer weiter. So kann er Tag für Tag ermitteln, wie es um die Bestände steht. Er zeigt nach Steuerbord. „Sehen Sie den weißen Strich? Das sind alles Höckerschwäne.“ Eine beeindruckende Schar, diesmal nicht als fliegendes Dreieck, sondern als dichte weiße Linie, die zwischen den Wellen schaukelt.
Einst waren weder Schwan noch Ente vor den Flinten sicher
Dann zeigt er auf brütende Blesshühner, die der Laie zunächst nur als Punkt im Schilf wahrnimmt. Auf die Kormorane, die mit langen Hälsen von den Bäumen am Ufer Ausschau halten. Kolonien der Fischräuber besetzen kahlgewordene Bäume, vom Kot der Kormorane sind Äste und Stamm weiß gefärbt. Die Kolbenente macht mit ihrem braunen Kragen einen freundlicheren Eindruck. Ihre lateinischer Bezeichnung (Netta Rufina) gab der Forschungsstation den Namen.
Die kleine Arche ist schon lange unterwegs. Seit bald 100 Jahren richten sich Ehrenamtliche in ihrem naturnahen Lager ein. Seitdem ist mit der Netta viel passiert. Der kastenartige Aufbau wurde immer wieder repariert, irgendwann wurden Solarzellen montiert. Im Zweiten Weltkrieg beschlagnahmte der Schweizer Zoll die Plattform, die plötzlich feindlich wirkte. In den 80er Jahren brannte die blaue Hütte ab, die Ursache blieb ungeklärt. Sie war glücklicherweise nicht besetzt. Seinerzeit wurde heftig um die Jagd auf Wasservögel gerungen. Weder Schwan noch Ente waren vor den Flinten sicher, auch in dem sensiblen Gebiet wurde gejagt. Heute ist hier das Bejagen des Federviehs stark eingeschränkt.
Der Kaffee, den Herbert Stark am kleinen Plastiktisch der Netta zubereitet, ist trinkbar. Ein gehäufter Löffel an Nescafé und Wasser drüber. „Das Bodenseewasser schmeckt gut“, findet der Vogelkundler. Die Kocherei an Bord ist auch schnell erledigt. Am liebsten wärmt Stark Weißwürste auf. Dazu ein Glas Grauburgunder, den mag er besonders. Leider nur läuft der Kühlschrank gerade nicht, so trinkt er den hiesigen Rosé eben auf Zimmertemperatur.
Bei Sturm flieht er an Land
Das spartanische Dasein gefällt dem Pensionär. Ein naturbeobachtender und zeitweiser Eremit mit wachem Auge auf alles, was sich in dieser kleinen Welt bewegt. „Das ist für mich wie Meditation“, sagt er. Die Welt um die Plattform bewegt sich ohne Ende. Boote mit gewaltigen Außenbordern und jubelndem Personal ziehen vorbei. Kanuten paddeln eifrig gegen die Strömung an. Irgendwann verzieht sich der Schiffsverkehr. Boote scheuen die Dunkelheit, da deren Passagiere doch lieber zuhause auf festem Boden feiern. Stark verbringt zehn Nächte auf der Netta, dann kommt die Ablösung. Jede Nacht ist anders, zumal in diesem bewegten Frühsommer mit viel Wasser und kräftigen Windböen.
Bei Sturm flieht er an Land. „Das sind sonst schlaflose Nächte“, sagt er. Die Wellen prallen dann satt gegen die metallische Wand des Bootes. Der Lärm schlägt direkt auf die Betten durch. Das geht auf die Nerven und damit zu weit. Dann setzt sich Stark in sein Boot, wirft den Außenborder an und tuckert auf die Reichenau hinüber. Ein Bett in ruhiger Umgebung wartet auf ihn.
Einsamkeitsgefühle verspürt er nie. „Hier kannst du etwas Sinnvolles tun“, sagt er. Der Posten auf den schwankenden Brettern ist seine Sache. Er sucht einen Kugelschreiber, findet ihn und trägt die Zahlen in eine Tabelle ein. Hinter jeder Zahl stecken Lebewesen, die er mit seiner Arbeit schützen hilft. Viele Sommer hat er hier bereits verbracht, erst als junger Zivi mit vielen Fragen, heute als pensionierter Ornithologe auf dem Bodensee zwischen Bretterbude und Schilf. Abends wird es ruhiger. Die Freizeitkapitäne sitzen an Land, nur die Netta harrt aus, zwei Lämplein erhellen die Kajüte. „Hier komme ich auch mal zum Chillen“, sagt Herbert Stark. Er muss jetzt nur noch die Weißwürste wärmen.