Ein Freiluftmuseum im Osten Brasiliens: An den Felsüberhängen haben Forscher beeindruckende Malereien entdeckt. Heute tummeln sich hier auch Touristen. Foto: André Pessoa

Brasilien ist eine Schatzkammer – auch für Forscher: Wir berichten in einer dreiteiligen Serie von einer Expedition in weiße Wälder und zu bedrohten Flüssen. Zum Auftakt: eine Reise zu den ältesten Siedlungen Amerikas.

Serra da Capivara - Es sind ein paar Striche in einem warmen, lebendigem Rot, welche die Geschichten der frühen Menschen in Amerika erzählen. Die Zeichnungen auf den Felsen in der Serra da Capivara zeigen Pflanzen, Tiere und Menschen. Ihre Körper bestehen aus Linien und unförmigen Kreisen, manche Flächen sind ausgemalt. Tausende Bildnisse zieren die Felswände in dem brasilianischen Nationalpark. Sie schicken die Fantasie des Betrachters auf die Reise: Einige Menschen auf den Bildern scheinen um einen Baum zu tanzen. Andere sammeln sich um ein Tier. Ihre Beute könnte ein Vogel sein, andere Tiere tragen eine Art Geweih oder ähneln einem Jaguar. Forscher sagen, dass die Zeichnungen vor rund 12 000 Jahren entstanden sind.

„Jeder, der das Tor zu diesem Park passiert, wird sich in die Bilder und in die Natur verlieben“, sagt Irma Ason. Als 14-Jährige stand sie 1988 erstmals auf einer der hölzernen Plattformen unterhalb der Felsüberhänge und blickte auf die Malereien. Mittlerweile arbeitet die Archäologin seit mehr als 20 Jahren in ihrer Freizeit für die Fundham, eine Stiftung, die die Geheimnisse dieses gigantischen Freiluftmuseums erforscht. Die Wissenschaftler haben an mehr als 950 Stellen im Park Felsbilder entdeckt, zudem fanden sie Siedlungsplätze und Grabstellen. Die Serra da Capivara gehört zu den ältesten Siedlungsorten von Menschen in Nord- und Südamerika. „Diese Bilder sind das Gedächtnis des Volkes, das damals hier lebte“, sagt die Spanierin.

Die Menschen malten mit Blättern oder Zweigen

Manche Figuren sind gelb, weiß oder schwarz, aber die vorherrschende Farbe ist das Rot des Hämatits. Das Eisenmineral ist überall. Es bildet die steilen Felsen, die sich hoch aus der Vegetation erheben, und den Boden der Wege. „Die Menschen haben das Gestein zerrieben und mit Speichel, Urin oder Pflanzenölen zu einem Farbbrei verrührt“, erklärt die Forscherin. Gemalt haben sie mit Blättern oder Zweigen. Pflanzen und Wasser gab es in der dicht bewaldeten Serra da Capivara genug, als die Menschen dort ihre ersten Feuerstätten errichteten. Heute bildet das Gebiet eine einzigartige Mischung aus Atlantischem Regenwald und Trockenbuschwald. Der Fußweg zu den bis zu hundert Meter langen Bildergalerien erweist sich als Lehrstunde in Biologie. An den sonnigen Plätzen ragen mächtige Kakteen aus den Sträuchern heraus, in den tieferen Regionen wachsen tropische Pflanzen.

Aber erst die archäologischen Funde haben die Serra da Capivara zum Weltkulturerbe gemacht. Die Forscher versuchen, anhand der Motive zu verstehen, wie sich Wahrnehmung und Ausdrucksvermögen der Bewohner entwickelten. Denn bevor der Mensch malte, lernte er, sein Verstand entwickelte sich weiter. „Die Zeichnungen stellen ein Kommunikationssystem dar, auch wenn wir ihren Code noch nicht verstehen“, sagt Irma Ason.

Tourismus soll den Park finanzieren

„Als ich die Bilder das erste Mal sah, war mir sofort klar, dass die Technik und die Perspektiven ganz anders waren als alles, was man damals über Felskunst auf dem amerikanischen Kontinent wusste“, erzählt Niéde Guidon. Die brasilianische Archäologin hat den Park 1979 gegründet und ihm internationale Aufmerksamkeit verschafft. Die 85-Jährige sitzt selbst am Steuer, wenn sie mit dem Geländewagen die Wissenschaftler besucht, die im Park arbeiten.

Die Arbeit der Stiftung ist nur dank internationaler Kooperationen gesichert. „Was uns fehlt, ist Geld für Mitarbeiter“, sagt Niéde Guidon. Seit seiner Gründung ist der Park chronisch unterfinanziert. Für den Schutz der Bilder und den Betrieb des Parks fehlt es an Personal. Die Archäologin wählt deftige Worte, die man aus dem Mund einer gebildeten Frau nicht erwartet, wenn sie von ihren Erlebnissen mit brasilianischen Behörden erzählt. Seit 2014 gibt es endlich einen Flughafen in der Nähe, Hotels sollen folgen. Der Tourismus soll den Park finanzieren.

Noch längst nicht alle Geheimnisse entlockt

Es gäbe noch viel zu entdecken. Denn während die Besucher die Köpfe nach den Malereien recken, interessieren sich die Archäologen für den Boden unter den Felswänden. 1978 begann Guidon dort mit der Suche nach weiteren Spuren, die die Bewohner während der Jahrtausende hinterlassen haben. Sie erinnert sich noch genau an jenen Moment, als sie von einem Labor in Paris erfuhr, wie alt die entdeckten Holzkohlenreste wirklich waren: 50 000 Jahre. „Ich dachte, die hätten einen Fehler gemacht“, erzählt sie. Das Alter der Funde widersprach der damals vorherrschenden Theorie, dass die ersten Menschen in Amerika zu Fuß aus Asien über die trockengefallene Beringstraße eingewandert waren und dann von Norden bis in den südlichsten Zipfel des Kontinents weiterzogen. 30 Jahre musste Guidon für die Anerkennung ihrer Ergebnisse kämpfen.

Heute sind sich die Wissenschaftler einig, dass die Serra da Capivara schon vor 40 000 Jahren einen Schwerpunkt bei der Besiedlung Amerikas bildete. Im Park haben Forscher aus aller Welt inzwischen auf einer Fläche von 400 Quadratmetern die sandigen Sedimente bis auf den nackten Fels abgetragen. Sie fanden dabei Werkzeuge und Schmuck, die Guidons Theorie unterstützen. Die resolute Frau sieht ihre Mission noch nicht als beendet an: „Ich bin überzeugt, dass diese Gegend seit 100 000 Jahren kontinuierlich besiedelt ist.“

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