Hohe Erträge sind nur eines von vielen Zielen, das die Pflanzenzüchter verfolgen. Foto: dpa/Mohssen Assanimoghaddam

Die Möglichkeiten, gezielt in das Erbgut von Nutzpflanzen einzugreifen, entwickeln sich ständig weiter. Nicht nur manche Politiker der Grünen überdenken deshalb ihre Position zur Gentechnik.

Stuttgart - Gentechnisch veränderte Pflanzen haben in der EU und in Deutschland einen schweren Stand. Doch in jüngerer Zeit fängt der Widerstand stellenweise an zu bröckeln – auch bei den Grünen. In der Partei lehnen längst nicht mehr alle Genveränderungen im Labor kategorisch ab. Diese Position vertritt auch Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer, die sich dafür gerade einen Rüffel von ihrem Parteifreund und Regierungschef Winfried Kretschmann eingehandelt hat. Worum geht es in dem Streit genau – und welche Rolle spielen dabei neuere gentechnische Methoden? Wir beantworten wichtige Fragen.

 

Was ist grüne Gentechnik?

Wie in allen Lebewesen werden auch in Pflanzen wesentliche Eigenschaften von den Erbanlagen oder Genen beeinflusst. Pflanzenzüchter versuchen daher seit jeher, Nutzpflanzen zu entwickeln, in denen möglichst viele günstige Erbanlagen vereint sind. Dabei geht es nicht nur um hohe Ernteerträge, sondern auch um andere wichtige Merkmale wie Qualität oder Krankheitsresistenz. Doch während Züchter die Erbanlagen lange Zeit nur auf indirektem Weg durch Kreuzung und Auslese verändern konnten, erlaubt die sogenannte grüne Gentechnik seit einigen Jahrzehnten auch direkte Eingriffe ins Erbgut von Pflanzen. So lassen sich etwa einzelne Abschnitte des Erbmoleküls DNA entfernen oder hinzufügen.

Wie funktioniert das in der Praxis?

Bei der grünen Gentechnik, deren Anfänge auf die frühen 1980er-Jahre zurückgehen, arbeiteten die Forscher lange mit recht groben Werkzeugen. Sie schleusten etwa Erbgutschnipsel mit Hilfe von Bakterien in Pflanzenzellen ein oder beschossen die Zellen mit winzigen Goldkügelchen, die mit den gewünschten DNA-Abschnitten präpariert worden waren. Allerdings konnten die Wissenschaftler kaum steuern, wo die neuen Gensequenzen in das pflanzliche Erbgut eingebaut wurden. Entsprechend gering war die Erfolgsquote.

Welche Vorteile bieten neuere Methoden, deren weitere Erforschung auch Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer befürwortet?

Seit einigen Jahren stehen den Forschern deutlich präzisere Techniken für Erbgutänderungen bei Pflanzen und anderen Lebewesen zur Verfügung. Die wohl bekannteste ist die 2012 entwickelte Methode Crispr/Cas9 (kurz: Crispr), die auf einem Mechanismus beruht, den auch Bakterien in der Natur nutzen. Diese so genannte Genschere erlaubt es, die DNA exakt an einer zuvor festgelegten Stelle zu durchtrennen und dort einen neuen Abschnitt einzusetzen. Der Text des genetischen Codes lässt sich damit quasi buchstabengenau verändern. Nur sehr selten berichten Forscher auch hier von unerwünschten Veränderungen an anderen Stellen des Erbguts. „Die Gentechnik hat sich in den letzten zehn Jahren grundlegend verändert“, heißt es denn auch in einem Beitrag zum Grundsatzprogrammprozess der Grünen, den Bauer mit verfasst hat.

Was soll mit den neuen Genscheren erreicht werden?

Der Klimawandel schreitet voran – und die Landwirtschaft soll umweltverträglicher werden. Deshalb brauchen die Bauern Nutzpflanzen, die besser mit Trockenheit zurechtkommen oder so widerstandsfähig gegen Krankheiten und Schädlinge sind, dass sie nur wenig oder keine chemischen Spritzmittel brauchen. Wichtig ist zudem, dass die Pflanzen auch mit wenig Dünger ordentliche Erträge liefern. Um jedoch mit konventionellen Zuchtmethoden etwa ein Resistenzgen gegen eine Pilzkrankheit von einer Wildform oder einer alten Weizensorte auf eine neue Sorte zu übertragen, braucht es etliche Pflanzengernerationen. Die Genscheren bieten hier einen Vorteil. Wenn die genannten Zuchtziele „durch neue Methoden und Verfahren, wie Crispr/Cas9, leichter und schneller erreicht werden können, liegt darin eine große Chance“, heißt es in dem Beitrag von Bauer und ihren Co-Autoren.

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Bei der grünen Gentechnik der ersten Generation standen oft umstrittene Zuchtziele im Vordergrund – zum Beispiel Herbizidresistenzen wie jene gegen den Unkrautvertilger Glyphosat. Damit konnte sich etwa der heute zu Bayer gehörende US-Multi Monsanto den Absatzmarkt für sein Totalherbizid Roundup sichern, das im Paket mit den passenden Sorten verkauft wird. Die neuen Methoden könnten dagegen nicht nur für Großkonzerne, sondern auch für mittelständische Züchter eher nutzbar sein, weil der Laboraufwand im Vergleich zu den alten Verfahren als geringer gilt. Ein Hindernis seien aber die teuren Zulassungsprozesse, heißt es beim Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter, der vor allem kleine und mittlere Unternehmen vertritt.

Wie ist die Rechtslage?

Vor zwei Jahren hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden, dass in der EU auch Pflanzen, die unter Einsatz von Crispr und ähnlichen neuen Methoden gezüchtet wurden, als „gentechnisch verändert“ gekennzeichnet und aufwendig zugelassen werden müssen. Das Urteil stieß in der Wissenschaft auf Unverständnis. Denn Sorten, die mit Hilfe der neuen Genscheren entwickelt wurden, lassen sich im Labor nicht von herkömmlich gezüchteten unterscheiden, sofern Gene derselben Art übertragen wurden. Das EuGH-Urteil führt zusammen mit der Skepsis der Bevölkerung dazu, dass es für entsprechende Sorten in der EU keinen Markt gibt.

Welche Risiken bestehen?

Derzeit gibt es in Deutschland keine Lebensmittel aus gentechnisch veränderten Pflanzen, weil Kunden dies ablehnen. In den zahlreichen Forschungsprojekten zur Lebensmittelsicherheit und Toxikologie, die in den letzten Jahrzehnten durchgeführt wurden, seien aber „keine spezifischen oder systematischen Gefährdungen durch gentechnisch veränderte Pflanzen“ gefunden worden, schreibt die nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina in einer Stellungnahme. Auch die Freisetzung solcher Pflanzen birgt nach Meinung der allermeisten Forscher keine spezifischen Risiken für die Ökosysteme.