Die Stuttgarter Brücke: Ist für Fußgänger, trägt aber locker vier Elektro-Smarts Foto: dpa

An der Universität Stuttgart steht eine Brücke, die europaweit, vielleicht sogar weltweit, ihresgleichen sucht. Eine neue Konstruktionstechnik erlaubt bei diesem Modell die Verwendung von Holz, ohne dass die Ingenieure fürchten müssen, sie könnte in kurzer Zeit vermodern und zusammenbrechen.

Stuttgart - Ihren Belastungstest hat die „Stuttgarter Brücke“ am Mittwochabend locker bestanden: Vier Elektro-Smarts fuhren auf und bewiesen, dass die Materialprüfungsanstalt der Universität Stuttgart (MPA) solide Arbeit geleistet hat. Die Brücke ist nämlich aus Holz und, so der Leitende Direktor Simon Aicher, „ein weltweit einmaliger Prototyp“. Für drei Jahre hat das Institut nun Forschungsmittel zur Verfügung um zu beweisen, dass das verwendete Baumaterial verrottendem Laub, Wasser, Salz und Verformungen dank der einmaligen Bauweise trotzt.

Zahlreiche Wissenschaftler, Verbandsvertreter und Gäste aus der Industrie hatten sich um die ästhetisch geschwungene Brücke versammelt, als der neue Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, Peter Hauk, sein Glas auf das Objekt erhob. „Wir brauchen mehr als Möbel, wir brauchen konstruktiven Holzbau“, sagte er. Holz sei nachwachsend, umweltfreundlich, klimaneutral, ein guter CO2-Speicher, und die Wertschöpfung daraus sei besonders groß, wenn man es nicht nur in den Ofen schiebe. Beim Brückenbau werde Holz bisher eher ignoriert, „aber wenn eine Konstruktion erst mal da ist und länger hält, findet sie auch Nachahmer“, so Hauk. Dann zerbrach er nach Zimmermann’scher Art sein Sektglas am Prototyp und taufte ihn auf den Namen „Stuttgarter Brücke“.

Holz als Baustoff zu Unrecht in Verruf

Zum Bedauern von Harald Garrecht, dem Geschäftsführenden Direktor des MPA, sind in der Moderne wenig Holzbrücken entstanden, weil sie nur eine „relativ begrenzte Zeit“ haltbar waren. Deshalb habe sich das Institut mit dauerhaften Verbundbauweisen beschäftigt. Die neuralgischen Brückenpunkte sind nach Darstellung der Fachleute die so genannten Widerlager. Widerlager sind Bauteile, die den Übergang zwischen der Brückenkonstruktion und dem Erddamm herstellen. „Bei unserer Konstruktion liegen die Holzträger nicht auf dem Beton auf, sondern sie werden fugenlos über Bewehrungsträger befestigt, die im Holz eingeklebt und am Pfeiler im Beton vergossen sind“, erklärt Diplom-Ingenieur Jürgen Hezel von der Abteilung Holzkonstruktionen. Das verhindere den Übergang von Feuchtigkeit aus dem Erdreich. Auch so genannte „entzerrte Übergänge“ halten den Brückenüberbau fern von feuchten Böschungen, Schraubpfahl-Fundamente in der Mitte seien durch das weit überstehende Holz geschützt.

Dem Brückenbelag selbst machen Wasser, Laub, Splitt oder Schnee zu schaffen. Da hilft auf Dauer auch kein Edelholz aus dem Dschungel, was sich aus Naturschutzgründen ohnehin verbieten sollte. Die elf Forscher, Ingenieure, Bachelor und Wissenschaftlichen Mitarbeiter haben die 40 Meter lange Fuß- und Radwegbrücke aus einer Trägerschicht aus Brettschichtholz und einem Holzbohlenbelag aus Douglasie gebaut, dazwischen lassen Keile mit einem Gefälle von vier Prozent das Wasser ablaufen, auf zwei Ebenen ist die Brücke abgedichtet und seitlich ist die Konstruktion mit Lärchenholz verkleidet. „Würde man höhere und breitere Träger konstruieren, könnte man Brücken dieser Art auch für größere Lasten bauen oder mit einer Betondecke versehen“, sagt Hezel.

Jetzt steht das Werk unter Beobachtung

Wo man nun den von der EU und dem Land geförderten Prototyp vorm Haus stehen hat, wurmt es Direktor Simon Aicher besonders, dass „trotz unserer Intervention die Holzbrücke im Schattengrund durch eine Stahlkonstruktion ersetzt worden ist“. Das Institut setzt nun alles daran, die Langlebigkeit der „Stuttgarter Brücke“ zu belegen. Dazu ist sie mit Sensoren bestückt worden. Messverstärker senden permanent Werte über Dehnung, Spannung oder Feuchtigkeit an einen Server, der Rechner dokumentiert die Werte.

An den Ergebnissen sind Holzwirtschaft wie Bauträger interessiert. Minister Hauk jedenfalls sagte zu: „Ich werde darauf schauen, dass dort, wo Brücken von den jüngsten Unwettern betroffen waren, unsere Hilfen Ersatzmaßnahmen im Stil der ,Stuttgarter Brücke’ vorsehen.“ Was Bauträgern die Entscheidung erleichtern könnte: „Die Verkleidungen sind bei Brückenprüfungen in fünf Minuten demontierbar, alle Teile sind ersetzbar“, so Aicher.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: