Coole Jungs – doch Lewis Hamilton (rechts) spürt den Atem von Sebastian Vettel im Nacken. Foto: AP

Trotz zweier Doppelerfolge zum Saisonstart hat Mercedes großen Respekt vor der Scuderia. Das liegt am Ferrari-Motor. Mercedes fürchtet das Schlimmste, wenn der stabil läuft. . .

Schanghai - Die Bilanz ist makellos: zwei Grands Prix, zwei Doppelsiege. So gut ist Mercedes noch nie in eine Saison gestartet, seit man in der Hybrid-Ära von WM-Titel zu WM-Titel eilt. Vor einem Jahr zeigte WM-Gegner Ferrari eine ähnliche Frühform, und Mercedes musste bis zum vierten Grand Prix warten, bis Lewis Hamilton in Aserbaidschan einen Abstauber-sieg feiern durfte. Es reichte trotzdem für den fünften Satz an WM-Titeln in Folge.

Mit dem perfekten Saisonstart düpierte Mercedes alle Experten, die nach den Wintertestfahrten Ferrari in die Favoritenrolle drängten. Tatsächlich sah man im Februar im Lager von Mercedes in viele besorgte Gesichter. Ferrari war nach Einschätzung von Lewis Hamilton und Valtteri Bottas eine halbe Sekunde pro Runde schneller. Das eigene Sportgerät zeigte sieben Tage lang seine Launen, bevor es in den letzten Teststunden endlich gezähmt werden konnte. „Da haben wir zum ersten Mal Licht am Ende des Tunnels gesehen“, erinnert sich Teamchef Toto Wolff.

Mit Problemen gestartet

Als Mercedes dann beim Saisonauftakt in Melbourne alles in Grund und Boden fuhr, da unterstellte man den Titelverteidigern den großen Bluff. Die Konkurrenz, allen voran Ferrari, sollte im Glauben gelassen werden, dass der Seriensieger verwundbar ist. „Blödsinn“, erwidert Wolff. „Wir sind wirklich mit Problemen gestartet und haben uns da mit harter Arbeit wieder befreit.“ Genau das ist eine der großen Qualitäten von Mercedes. Auch Ferrari-Teamchef Mattia Binotto applaudiert anerkennend: „Es gibt kein Team, das seine Probleme so schnell und zuverlässig löst wie Mercedes. Man darf sich bei ihnen nie sicher fühlen.“

Mercedes bewahrte einen kühlen Kopf. Die Ingenieure warfen zwar ein Auge auf das andere Frontflügelkonzept des Ferrari, aber sie vertrauten zunächst einmal der eigenen Konstruktionsphilosophie. Eine Kopie des Ferrari-Weges war für sie nur Ultima Ratio. In der Analyse zeigte sich vielmehr, dass man die schlechte Eigenschaft des W10 ohne konstruktive Maßnahmen lösen kann. Die Unruhe im Heck in schnellen Kurven, lässt sich auch mit der entsprechenden Fahrzeugabstimmung aus der Welt schaffen. Und genau das war der limitierende Faktor bei den Probefahrten. Die gute Nachricht: Der neue Mercedes ist in langsamen Kurven deutlich besser als der alte. Die Stärke behalten, die Schwäche beseitigt – und schon war der Silberpfeil in Melbourne ein Siegerauto.

Mit überraschender Leichtigkeit gesiegt

Die Überraschung war die Leichtigkeit des ersten Triumphes in dieser Saison. Toto Wolff wollte nicht glauben, dass Ferrari so schlecht war, wie sich die roten Autos beim Saisonauftakt präsentierten. Er sollte recht behalten. In Bahrain war Ferrari wieder da. Mit zwei roten Autos in der ersten Startreihe. Wolff sah sich bestätigt: „Melbourne war für Ferrari ein Ausreißer nach unten. Wir haben sie immer so stark erwartet.“ Der Doppelsieg in Bahrain für Mercedes war dann aber ein Geschenk. Charles Leclerc hatte bereits einen Vorsprung von 10,4 Sekunden, als sich in seinem Motor Unheil zusammenbraute.

An einem Zylinder fiel wegen eines Kurzschlusses der Zündfunke aus. Mit seinem Ferrari-Fünfzylinder war Leclerc gegen den Ansturm von Hamilton und Bottas chancenlos. Das Safetycar rettete den 21-jährigen Monegassen vor einem weiteren Abrutschen im Feld. Hamilton bezeichnete seinen 74. Grand-Prix-Sieg nur als „Triumph der Zuverlässigkeit“. Der fünffache Weltmeister nahm sein Team deshalb auch in die Pflicht: „Wir müssen zulegen. Ferrari war diesmal stärker als wir.“

Verhalten gefeiert

Bei Mercedes wurde nicht ohne Grund verhalten gefeiert. Nicht die Tatsache, dass Ferrari konstant schnellere Runden drehte, war besorgniserregend, sondern wie dieser Vorsprung zustande kam. Charles Leclerc und Sebastian Vettel gewannen vier Zehntel auf den Geraden und gaben nur ein Zehntel wieder in den Kurven an Mercedes ab. Toto Wolff wehrte alle Vermutungen, Mercedes sei in Bahrain mit zu viel Abtrieb gefahren, ab: „Du kannst ein Zehntel mit mehr Luftwiderstand erklären, aber nicht vier. Das war schiere Motorleistung.“ Damit hatte man bei Mercedes am wenigsten gerechnet. Vom Motor her wähnte man sich selbst nach den Testfahrten auf Augenhöhe mit Ferrari.

Das ganze Paket rund um den Antrieb des SF90 ist stark – aber offenbar am Limit gestrickt. Schon bei den Wintertests blieb der Ferrari diverse Male stehen. In Melbourne räumte Binotto „Probleme mit dem Antriebsstrang“ ein. Erst beim zweiten Rennen ließ Ferrari alle „Pferde“ von der Kette. Die Ingenieure von Mercedes sprechen von einem 40-PS-Vorsprung der Italiener. Wenn Ferraris Power-Show in der Wüste keine Fata Morgana war, dann kann Mercedes im Moment nur die Zuverlässigkeit als Trumpfkarte dagegensetzen. „So einen Unterschied holst du nicht in zwei Wochen auf“, fürchtet Wolff.

Fataler Vorsprung

Der fünffache Weltmeister Lewis Hamilton bestätigt: „Sollte der Vorsprung von Ferrari beim Motor wirklich so groß sein, wäre das fatal. Das ist schwerer zu egalisieren als ein Chassis-Problem. Wir müssten dann bei der Motorentwicklung Risiken eingehen.“ Sein Teamkollege Valtteri Bottas sieht Mercedes deshalb für die nächsten beiden Rennen in Shanghai und Baku in der Defensive: „Auf den beiden Strecken sind die Geraden noch länger.“

Sollte sich das Bild fortsetzen, wird sich Mercedes auf zwei seiner herausragenden Tugenden stützen müssen: die Zuverlässigkeit und die Gabe, das Maximum aus jeder Situation zu holen.

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