Eine spektakuläre Bühne für Ferraris neuen Rennwagen. Foto: AFP

Ferrari hat den neuen Rennwagen für die Saison 2020 vorgestellt. Der SF 1000 ist auch die letzte Chance von Sebastian Vettel. Kann er Mercedes den WM-Titel wegschnappen?

Stuttgart - Mamma mia – ohne das ganz große Theater geht es nicht. Also hat sich die italienische Traditionsmarke Ferrari für die Präsentation des neuen Formel-1-Rennwagens mal wieder etwas Besonderes ausgedacht. Der Flitzer von Sebastian Vettel und Charles Leclerc für die am 15. März in Melbourne beginnende Saison wurde gestern Abend nicht in Maranello vorgestellt, sondern in der 30 Kilometer entfernten Stadt Reggio Emilia. Und dort auch nicht in einer schmucklosen Halle irgendwo im Industriegebiet, nein: es musste schon das Theatro Romolo Valli sein, eines der beeindruckendsten Konzerthäuser des Landes.

Große Bühne für die große Marke – sich unter Wert zu verkaufen passt nicht zum Selbstverständnis der Italiener, die nichts mehr lieben als ihre bella macchina und die dazugehörige Farbe Rot. Dabei stünde ihnen ein wenig Demut ganz gut – nach zwölf quälenden Jahren, in denen sie nicht mehr den Fahrer-Weltmeister stellten. Aber vor allem nach sechs Jahren, in welchen es für die Scuderia kein Vorbeikommen gab am schwäbisch-britischen Erzrivalen Mercedes und dem zur Ikone gereiften Rennfahrer Lewis Hamilton.

Alle müssen sich steigern

„Als Team müssen wir uns steigern, jeder einzelne muss sich steigern“ – Sebastian Vettels Worte sind als Mahnung zu verstehen, und ein bisschen Zuversicht schwingt natürlich auch mit. Es soll bei Ferrari – diesmal wirklich – alles besser werden. „Das Team ist in der Lage sich zu entwickeln und bewegt sich in die richtige Richtung“, beteuert der Teamchef Mattia Binotto, der mit der Attitüde des feinfühligen, hochgebildeten Ingenieurs der Gegenentwurf ist zu seinem Cowboy-haft auftretenden Vorgänger Maurizio Arrivabene.

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Der Ton, er ist lieblicher geworden – aber der Druck dadurch nicht kleiner. Wenn Ferrari in der Formel 1 wie in den vergangenen Jahren peinlich hinterher röchelt, sind sie in der Fiat-Konzernzentrale alles andere als erfreut. Und dann steht da auch noch ein Prozess der Selbstzerstörung ins Haus, wenn zwischen den streitanfälligen Piloten Vettel und Leclerc die Lage nicht eindeutig geklärt ist. Im Hinblick auf die Fahrerpaarung passte das Theatro Romolo Valli zum Präsentationsschauspiel deshalb auch wie die Faust aufs Auge. Denn was sich zwischen den ungleichen Hauptdarstellern in der Saison 2020 abspielen könnte, dürfte auf jeden Fall Stoff genug bieten, um auf jeder großen Drama-Bühne zu bestehen.

Vettel fährt mehr denn je um seine Zukunft

Sebastian Vettel fährt in dieser Saison mehr denn je um seine Zukunft, denn am Ende des Jahres läuft sein Vertrag aus. In der vergangenen Runde ereilte den viermaligen Red-Bull-Weltmeister immer häufiger der Ruf eines muffigen, lustlosen Auslaufmodells. Am erst 22 Jahre alten Monegassen Leclerc, einem aufstrebenden und selbstbewussten Nachwuchsmann, den sie in den Gazetten schon als Mehrfach-Champion der Zukunft feiern, hat sich der 32 Jahre alte Heppenheimer zu oft die Zähne ausgebissen. Leclerc wurde WM-Vierter, Vettel nur Fünfter. „Ich habe nicht geleistet, was ich leisten kann“, sagt der Hesse zwar selbstkritisch, doch weiß er auch das: eine weitere Niederlage gegen den aufmüpfigen Partner kann er sich nicht leisten.

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Es droht ein unschöner Abgang

Dann ist er wohl seinen Job los, flüstert sich die Formel-1-Szene hinter vorgehaltener Hand zu. Viermal Weltmeister mit Red Bull geworden zu sein, aber kein einziges Mal im Mythos Ferrari – es würde der erfolgreichen Karriere des Sebastian Vettel den Stempel aufdrücken, eine unvollendete zu sein. Eine neuerliche Niederlage gegen Leclerc, der 2019 in seinem ersten Ferrari-Jahr 24 WM-Punkte mehr holte als der Deutsche, wäre für Vettel einzuordnen als unschöner Abgang von der großen Bühne. Insofern ist das Jahr 2020 seine letzte, vielleicht sogar allerletzte Chance.

Neues Spiel, neues Glück – Sebastian Vettel will und wird sich dem Zweikampf stellen. „Ich bin schon eine Weile dabei, deshalb nutze ich die Erfahrung und hoffentlich auch das bisschen Weisheit, um die Dinge zu meinen Gunsten zu wenden“, sagt er, bevor sich im März der Vorhang öffnet – vielleicht sogar für den letzten Akt des Weltmeisters aus Heppenheim.

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