Ferrari hat Mercedes-Pilot Lewis Hamilton den Sieg in Russland auf dem Silber-Tablett serviert. Foto: AP/Luca Bruno

Obwohl die Ferrari-Piloten Charles Leclercs und Sebastian Vettel in Sotschi auf Siegkurs liegen, feiert Mercedes einen Doppelerfolg. Lewis Hamilton ist der WM-Titel kaum noch zu nehmen, und bei Ferrari brodelt es weiter zwischen den Fahrern.

Sotschi - Die Erkenntnis ist ja keine unbekannte im Sport. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Es hatte alles so hübsch ausgesehen für Ferrari in Sotschi. Charles Leclerc stand beim Großen Preis von Russland auf der Pole-Position, Sebastian Vettel auf Startplatz drei – und kaum war das Rennen gestartet, hatte Ferrari eine Doppelführung inne. Vettel war nach ganz vorn geprescht, Leclerc fuhr dahinter. Fein für alle Ferraristi. Doch die Fans, die flugs einen Spumante oder ein paar Bier für die Formel-1-Party in den Kühlschrank stellten, weil sie überzeugt waren, die beiden müssten das Rennen nur kontrolliert nach Hause fahren, die beiden würden Mercedes zum vierten Mal in Folge düpieren – diese Optimisten brauchten 93 Minuten die Kühlschranktür nicht anzufassen.

In Sotschi jubelte Lewis Hamilton, sein Mercedes-Kollege Valtteri Bottas stand neben ihm auf dem Podium; lediglich als Drittplatzierter grüßte Leclerc – Vettel ärgerte sich sich zu diesem Zeitpunkt längst in die Ferrari-Hospitality. Ein Defekt hatte ihn zur Kurzarbeit verdammt. „Dieses Ergebnis ist unglaublich, Ferrari war so schnell“, sagte Hamilton, und Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff konstatierte nüchtern, aber erfreut: „Auch, wenn du nicht das schnellste Auto hast, kannst du gewinnen. Dass Ferrari das entscheidende Safety-Car ausgelöst hat – skurril.“ Hamilton führt in der WM mit 322 Punkten und liegt deutlich vor Bottas (249) und Leclerc (215). Fünf Rennen vor Saisonschluss ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann der Brite seinen sechsten Titel wasserdicht macht. Vettel (194) ist abgeschlagen.

Vettel parkt sein kaputtes Auto unglücklich

An diesem unerwarteten Triumph von Mercedes hatte Ferrari einen Anteil. Eigentlich, so dachte Vettel, hätte er sein defektes Auto in Runde 28 nicht im absoluten Parkverbot abgestellt. Also an einer Stelle, wo die Sicherheit der im Rennen befindlichen Fahrzeuge nicht gefährdet ist. „Ich habe mich extra noch schön hingestellt, sodass man das Auto nur noch nach hinten schieben musste“, betonte Vettel. Dennoch wurde das Virtual Safety-Car aktiviert, auch deshalb, weil George Russel in Runde 29 mit dem Williams in die Reifenstapel krachte. Und Mercedes reagierte richtig, holte beide Fahrzeuge an die Box – und weil Ferrari Leclerc ebenfalls zum Stopp befahl, was nicht wirklich nötig gewesen wäre, wurde Mercedes der Doppelsieg auf dem Silber-Tablett serviert. „Wir wussten: Eine unserer wenigen Hoffnungen würde eine Safety-Car-Phase sein. Deswegen mussten wir lange draußen bleiben“, verriet Toto Wolff. Ein bisschen Glück gehört bei Strategie-Poker freilich immer auch dazu.

Die Stimmung bei Ferrari dürfte nach diesem Tiefschlag noch gereizter sein, als sie ohnehin war – im Rennen offenbarten sich die deutlichen Risse zwischen Vettel und Leclerc, die mit einer Farce im Funk dokumentiert wurden. Nach dem Start wurde Vettel angewiesen, Leclerc wieder passieren zu lassen. Der Deutsche hatte den Windschatten des Monegassen erhalten, um Hamilton zu überholen – so saugte sich Vettel auch an Leclerc vorbei. Der forderte zügig via Funk den Tausch der Positionen, er habe sich ja an den Plan gehalten, Vettel bat um Aufschub, er sei schneller als Leclerc. „Lasst uns die Lücke auf Mercedes vergrößern“, funkte er.

Leclerc bemüht sich um Diplomatie

Es folgten fast endlose Diskussionen zwischen Box, Vettel und Leclerc, ein Ingenieur sagte schließlich, das Team setze Plan C um. „Was dann passiert ist, weiß ich nicht. Ich muss erst mit dem Team sprechen, um die Situation besser zu verstehen“, sagte der 21 Jahre alte Monegasse nach dem Grand Prix diplomatisch. Bloß kein weiteres Öl ins Feuer gießen. Umgesetzt wurde der Platztausch beim Stopp, Leclerc erhielt die bessere Strategie und lag vorne, nachdem beide Autos neue Reifen bekommen hatten. Gut geplant.

Dann jedoch rollte Vettel unerwartet mit einem Batterie-Problem aus, das Unheil nahm aus Sicht der Ferraristi seinen unaufhaltsamen Lauf – statt eines Doppelsieges für die Scuderia gab es einen für Mercedes. „Ich will das jetzt intern regeln“, grummelte Vettel. Es dürfte einiges an Gesprächsbedarf in Maranello geben, um das Thema „WM-Titel“ wird es aber kaum gehen. Der ist so gut wie sicher bei Hamilton. Wenn es nicht noch ganz, ganz anders kommt, als alle denken.

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