Nico Rosberg steht in Singapur unter Zugzwang Foto: Getty

Lewis Hamilton könnte in Singapur zwei Bestmarken von Formel-1-Legende Ayrton Senna egalisieren, was den Briten in emotionale Wallung versetzt. Nico Rosberg will das aber verhindern.

Singapur - Nico Rosberg ist ratlos. Ziemlich ratlos sogar. Der Silberpfeil-Pilot ist standhaft davon überzeugt, dass ihm in dieser Saison deutlich weniger Fehler unterlaufen sind als in der vergangenen – trotzdem sieht er im WM-Rennen mit seinem Stallrivalen Lewis Hamilton kein Land. 7:3 führt der Brite in den Grand-Prix-Siegen, 11:1 sogar im Duell um die Pole-Position.

Vergangenes Jahr hatte der Deutsche im Vergleich noch besser dagestanden. In den Qualifyings hatte er mit 11:7 sogar die Nase vorn, in den Rennduellen war Hamilton allerdings auch schon mit 11:5 in Führung. „Das verstehe ich leider nicht“, wundert sich Rosberg, „dieses Jahr bin ich auch noch schnell, aber irgendwie hat er da ein bisschen mehr gefunden.“

Ein bisschen ist gut. 53 Punkte liegt der Titelverteidiger vor dem gebürtigen Wiesbadener, und wenn der beim Großen Preis von Singapur an diesem Sonntag (14 Uhr/RTL) nicht ein paar Pünktchen auf seinen Rivalen gutmacht, dann dürfte der dritte WM-Triumph für Hamilton nach 2008 und 2014 ein Selbstläufer werden.

Rosberg hat noch nicht aufgegeben

Oder um dies an die berühmten Worte von Formel-1-Legende Niki Lauda anzulehnen: Dann könnte auch ein Affe den WM-Titel für den 30-Jährigen einfahren – der Glamour-Rennfahrer könnte sich zwei Ausfälle bei Erfolgen des Deutschen leisten und würde dennoch Spitzenreiter der Gesamtwertung bleiben.

Natürlich hat Rosberg noch nicht aufgegeben, natürlich betont er fleißig seinen vollkommen intakten Kampfgeist. Was bleibt ihm auch anderes übrig? „Du hast die Chance, an den Titel zu glauben oder nicht“, betonte der 30 Jahre alte Wahl-Monegasse fast ein wenig trotzig auf die Frage nach seinen WM-Aussichten, „ich habe mich dafür entschieden, daran zu glauben. im Sport kann alles passieren.“

Seine Taktik will der Vizeweltmeister allerdings dafür nicht ändern, er hält (vorerst) nichts davon, alles auf eine Karte zu setzen und volles Risiko zu gehen. „So weit sind wir noch nicht“, sagt er und die Frage, ob sein Rivale ihn überhaupt noch als ernst zu nehmenden Konkurrenten wahrnehme, beantwortet Rosberg leicht schnippisch: „Ich spreche sehr wenig mit ihm. Wenn, dann über irgendetwas.“

Lewis Hamilton auf Ayrton Sennas Spuren

Aber ganz bestimmt nicht, über etwas, das den Champion vor dem Nachtrennen unweit des Äquators ganz besonders durch den Kopf schwirrt. Lewis Hamilton kann an diesem Sonntag mit einer Motorsport-Legende zumindest in der Statistik gleichziehen: Bei einem Erfolg würde der Mercedes-Fahrer auf insgesamt 41 Grand-Prix-Siege kommen – genau so viele hat der 1994 in Imola tödlich verunglückte und heute noch immer hoch verehrte Dreifach-Weltmeister Ayrton Senna gesammelt. „Ich glaube“, meinte Hamilton, „ich nähere mich einem Meilenstein meiner Karriere. Wenn ich das erreichen würde, wird es ganz bestimmt ein sehr emotionales Wochenende.“

Auch in einer anderen Statistik könnte der 30-Jährige auf dieselbe Stufe klettern wie der Brasilianer. Holt Hamilton auf den Straßen des Stadtstaates seine achte Pole-Position in Folge, egalisiert er die in der Formel 1 bislang unerreichte Bestmarke Sennas, die er saisonübergreifend in den Jahren 1988 und 1989 aufgestellt hat. Allerdings will sich Hamilton deshalb nicht selbst zu sehr unter Zugzwang setzen. „Es spielt keine Rolle, ob es jetzt oder in einer Woche passiert“, bemerkt der Champion achselzuckend. Der Mann ist überzeugt davon: Es wird bald Formel-1-Sieg 41 kommen, wenn nicht in Singapur, dann in Japan (27. September) oder in Russland (11. Oktober).

Nico Rosberg kennt diese Gedanken seines ungeliebten Teamkollegen, schließlich kehrt Hamilton gerne all das nach außen, was ihn in seinem Leben beschäftigt. Rosberg würde seinem Widersacher diebisch gerne die einzigartige Chance verbauen, acht Pole-Positions in Folge zu erobern und möglichst lange verhindern, dass Hamilton nach Grand-Prix-Erfolgen mit dem großen Ayrton Senna gleich zieht. Aber Nico Rosberg ist derzeit ratlos. Ziemlich ratlos sogar.