Sebastian Vettel will in dieser Saison die Mercedes-Piloten Lewis Hamilton und Nico Rosberg besiegen Foto: Getty

Die Saison 2015 lief für Ferrari mit drei Rennsiegen überraschend gut, doch in diesem Jahr erwartet die Konzernspitze eine weitere Steigerung: Mercedes soll endlich vom Formel-1-Thron gestürzt werden.

Melbourne - Der Chef sagt, wo’s langgeht. So ist das im Berufsleben, und wer da nicht mitzieht, der fliegt eben raus. Sergio Marchionne ist die letzte Instanz bei Fiat, und da Ferrari zum Konzern gehört, sind seine Worte auch für die Formel-1-Mannschaft Gesetz. Signore Marchionne hat vor dem Formel-1-Auftakt an diesem Sonntag (6 Uhr/RTL) klipp und klar verkündet, er wolle den ganz großen Erfolg im Motorsport, und er wolle ihn jetzt. 2007 wurde in Kimi Räikkönen letztmals ein Ferrari-Pilot Weltmeister, 2008 holte die Scuderia zuletzt die Konstrukteurs-WM. Seitdem war das Team mit dem Pferdchen im Logo zwar oft nah dran.

Doch nah dran zu sein, ist für einen wie Marchionne niemals genug. „Wenn wir zehn Jahre lang keinen Titel holen sollten, wäre das eine Tragödie“, hatte der Fiat-Chef flehentlich verkündet und damit zu erkennen gegeben, was er von Teamchef Maurizio Arrivabene und (Chef-)Pilot Sebastian Vettel erwartet am Ende des Jahres. „Es ist doch ganz normal, dass der Präsident von dir verlangt, im zweiten Jahr nicht weniger zu leisten als im ersten“, entgegnete Arrivabene nach den Trainingsfahrten am Freitag, „der Präsident ist dafür da, seine Leute anzutreiben, es besser, besser und nochmals besser zu machen.“

Launisch und anstrengend - die Scuderia

Man hätte das zweifellos sachlicher, nüchterner und mit weniger Pathos formulieren können. Aber das wäre nicht Ferrari. Die Scuderia – so die Einschätzung von vielen Formel-1-Insidern – ist der komplizierteste, launischste und anstrengendste aller Rennställe. Das hat freilich nichts mit einem Chef wie Marchionne zu tun, das ist vor allem der Geschichte der Scuderia geschuldet. Kein anderes Team ist in der sogenannten Königsklasse des Motorsports schon so lange dabei wie der Rennstall aus Maranello. Seit dem ersten WM-Jahr 1950 rasen die Grand-Prix-Pioniere aus der Emilia Romagna schon um Titel. 16 Konstrukteurs- und 15 Fahrer-Weltmeisterschaften gewann Ferrari, da kommt bei weitem kein anderer Rennstall mit. „Ferrari ist die Formel 1 und die Formel 1 ist Ferrari“, sagte einmal Chefvermarkter Bernie Ecclestone, der die Roten daher auch mit finanziellen Sonderkonditionen ausstattete oder im Notfall dafür sorgte, dass Strafen bei Regelmissachtungen nicht ganz so drastisch ausfielen.

Ein Mythos muss aber stetig befeuert werden, mit Geschichten, mit Emotionen – und selbstverständlich auch mit Rennsiegen und WM-Titeln. Und just dafür ist Sebastian Vettel aus Germania gekommen. Ein Jahr wurde dem Heppenheimer für den Neuaufbau gewährt. Mit drei (etwas überraschenden) Grand-Prix-Siegen funktionierte das erstaunlich gut. Dieses Jahr wären einige Renntriumphe aber nicht mehr genug. „Wir wären auch gerne im ersten Jahr schon Weltmeister geworden“, versicherte Vettel. 2015 musste sich der viermalige Champion aber mit einem dritten Platz in der Fahrerwertung hinter den Mercedes-Dauersiegern Lewis Hamilton und Nico Rosberg begnügen. „Mit 21 Rennen ist diese Saison extrem lang, daher haben wir ein bisschen Zeit, wenn der Start nicht zu 100 Prozent perfekt sein sollte“, sagte der 27-Jährige in Melbourne. Mehr als Position acht war für den Hessen zum Abschluss der ersten beiden Trainingseinheiten am Freitag nicht drin.

„Wir wollen uns in Australien als das Team präsentieren, das es zu schlagen gilt“, gab Fiat-Patron Sergio Marchionne der Mannschaft mit auf den Weg. Das ist der Anspruch – jedoch wird Mercedes den Platz an der Spitze nicht so ohne weiteres räumen. Weltmeister Lewis Hamilton ist Topfavorit auf den Titel – der Brite wird mit einer Wettquote von 1,60 vor Teamkollege Nico Rosberg (3,75) gehandelt, dann folgt Vettel (4,50). Der Deutsche soll die Reihe der Ferrari-Champions fortführen – fast alle berühmten Piloten fuhren einst für die Roten. Juan Manuel Fangio, Niki Lauda, Alain Prost, Michael Schumacher. Der Druck auf Ferrari ist enorm. „Druck ist Teil des Jobs“, sagt Teamchef Arrivabene, „er gehört dazu.“ Oder um es mit dem ehemaligen Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug zu sagen: „Nur unter hohem Druck entstehen Diamanten.“

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