Das einstige Gebäude der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft steht leer, soll aber genutzt werden – davor muss es von Formaldehyd und Asbest befreit werden. Aus der Not soll nun eine Tugend werden.
Das Gebäude, in dem bis vor ein paar Jahren die Berufsgenossenschaft (BG) der Bauwirtschaft beheimatet war, ist ein stattlicher Gebäudekomplex mit mehreren Flügeln. Als die BG den Standort aufgegeben hat, hat die Stadt Böblingen die Gelegenheit ergriffen und die Immobilie in direkter Nachbarschaft der Therme erworben. Rund eineinhalb Jahre ist das jetzt her. Die Stadt habe das Gebäude gekauft, um diese Fläche irgendwann in Zukunft zu entwickeln, erinnerte Timo Nußbaum, Leiter des städtischen Gebäudemanagements, in der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Technik, Umwelt und Straßenverkehr.
Bis dahin, so der Plan, sollte das Bürogebäude weitergenutzt werden. Es gebe „mittlerweile vielfache Mietanfragen“, schreibt die Verwaltung. Aber, so Oberbürgermeister Stefan Belz, würden Gebäude, die in den 1980er-Jahren gebaut wurden, in puncto Schadstoffbelastung immer wieder „Schatten auf unsere Vorhaben werfen, die wir so nicht im Vorfeld konkret beleuchten konnten“. Die Stadt ist nicht ohne Grund vorgewarnt gewesen – denn auch die Sanierung des Neues Rathauses zog sich aufgrund der Formaldehydbelastung.
Trotzdem hatte man wohl gedacht, durch starkes Lüften könnte das Gebäude zunächst weitergenutzt werden. Allerdings habe sich diese Annahme – vor dem Kauf war die Formaldehydbelastung, die von Bürotrennwänden ausgeht an einen heißen Sommertag im länger nicht mehr gelüfteten Gebäude getestet worden – nicht bestätigt. Außerdem hätten weitere Analysen ergeben, dass einzelne Trennwände mit asbesthaltiger Fugenmasse belastet sind. Dabei sei kein Muster zu erkennen, so Nußbaum: „Manche Wände haben’s, manche nicht.“
Deshalb sollen im Rahmen eines Pilotprojekts im Erdgeschoss in einem Teilflügel des Gebäudes nun rund 600 Quadratmeter schadstoffsaniert werden, um auf Basis dieser Erfahrungswerte die notwendigen Maßnahmen und Kosten für die übrigen Gebäudeteile zu bestimmen.
Das Gebäudemanagement schätzt die Kosten, abgeleitet auf Basis von Erfahrungswerten aus dem Neuen Rathaus, auf rund 250 000 Euro. Darin ist auch ein Sicherheitszuschlag enthalten, um über die kommunalpolitische Sommerpause handlungsfähig zu bleiben. Diese Summe bezeichnete Nußbaum als „Sowieso-Kosten“, denn egal was mit dem Gebäude passiere – selbst wenn es abgerissen würde – müsse diese Schadstoffsanierung erfolgen. Eine Einschätzung, die auch OB Belz teilte: „Wir brauchen diese Untersuchung, damit wir genau wissen, was Sache ist.“
Schadstoffbelastung hätte den Auszug wohl beschleunigt
Das sahen die Ausschussmitglieder ebenso und empfahlen dem Gemeinderat, der das letzte Wort in dieser Sache hat, einstimmig, dem Verwaltungsvorschlag zu folgen. Auf vorherige Nachfragen aus dem Ausschuss, ob die BG Bau von dieser Belastung vor dem Verkauf gewusst haben könnte, entgegnete Timo Nußbaum, dass er nicht davon ausgehe, dass „die uns ein faules Ei verkauft haben“. Seine Einschätzung: „Wenn die gewusst hätten, was Sache ist, dann wären die viel früher ausgezogen.“ Der Auszug sei im Zuge einer Umstrukturierung, bei der Standorte aufgelöst und zusammengelegt wurden, erfolgt.