In Stuttgart bekommt Foodsharing, wie andernorts auch, eine immer größere Bedeutung. Es schafft Gemeinschaft und reicht damit über das Verteilen von Essen weit hinaus, kommentiert Jan Sellner.
Wegwerfen – das hat sich binnen kurzer Zeit von einer selbstverständlichen Praxis zu etwas entwickelt, das man tunlichst unterlässt und nicht mehr gesellschaftsfähig ist. Wegwerfen kann man sich heutzutage nur noch vor Lachen – und das angesichts der Nachrichtenlage leider eher selten. Ansonsten wird nichts mehr weggeworfen. Vielmehr heben wir auf, was aufzuheben geht, um es weiterzugeben, anderweitig zu nutzen und upzucyceln.
Foodsharer, Lebensmittelretter – das sind heute keine Sonderlinge mehr, sondern geschätzte Gesprächspartner, die man – wie die Australierin Ronni Kahn – als Keynote-Speakerin zu Zukunftskongressen einlädt oder – wie Harry Pfau von Harrys Bude – zum „Stuttgarter des Jahres“ kürt. In Wahrheit waren es übrigens nie Eigenbrötler, weil sie mit dem, was sie tun, an andere denken.
Frühere Generationen waren weniger verschwenderisch
Dieser Wandel, der auf Wissen und Gewissen beruht, ist in vollem Gange. Man fragt sich: Warum haben wir bisher eigentlich in einer Wegwerfgesellschaft gelebt? Und so viel verschwenderischer als frühere Generationen, die häufig aus materieller Begrenztheit und Not heraus im Umgang mit Lebensmitteln viel besser wussten, was sie taten? In dem Maße, in dem man kaufte, statt anzubauen, in dem man konsumierte, statt selbst zu produzieren, schritt die Entfremdung voran. Irgendwann kannte man von Lebensmitteln nur noch das Verfallsdatum.
Das ist natürlich übertrieben, weil viele Konsumenten längst umgedacht haben. Beim Thema Foodsharing ist die Trendumkehr jedoch vergleichsweise jung. Lange war das in Stuttgart nur ein zartes Pflänzlein, von dem die Tafel-Läden lebten und die Menschen, die sich dort eindecken. Jetzt wächst da schon einiges mehr. Speziell rund um den Ruprecht-Mayer-Platz, aber auch an anderen Stellen in der Stadt. Harrys Bude oder „Supp_optimal“, ein Projekt der Bürgerstiftung, stehen stellvertretend dafür. Durch die Urban Future Conference in Stuttgart, die am Freitag zu Ende ging, dürfen sie sich bestätigt und aufgewertet fühlen.
Foodsharing schafft Gemeinschaft
Die Bedeutung dieser Aktivitäten geht über das Retten und Verteilen von Lebensmitteln übrigens weit hinaus. Wer miterlebt, wie Stadtgesellschaft in solchen Quartieren zusammenwirkt, wie dadurch Austausch und Gemeinschaft entstehen, erkennt, dass Teilen in jeder Hinsicht Zukunft hat.