Die Initiative „Foodsharing“ hat im Familienzentrum in Schorndorf eine neue Fairteiler-Station eröffnet. Dort gibt es kostenlos Obst, Gemüse und Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist.
Der Kuchen passt noch rein, gerade so. Oberbürgermeister Bernd Hornikel hat zur offiziellen Einweihung der neuen Fairteiler-Station italienisches Weihnachtsgebäck in die Karlstraße 19 mitgebracht. Viel Platz gibt es an diesem Montagmorgen nicht mehr in dem mannshohen Kühlschrank und dem Vorratsschrank daneben. Die Essenssammler der Initiative „Foodsharing“ waren fleißig und haben die Schränke gut bestückt: Da stapeln sich abgepackte Brote und Brötchen, Bananen und Birnen, Frühlingszwiebeln und Orangen. Im Kühlfach liegen Paprika, Pilze, Salate, Auberginen und neben einem Becher Schoko-Milchreis bestimmt zwei Dutzend Päckchen Räucher-Tofu und weitere Produkte.
Die Waren wären im Müll gelandet
Alle Waren (bis auf Hornikels Panettone) eint ein Schicksal: Sie alle gelten im Handel als unverkäuflich und wären wohl in den Müllcontainern der Bäckereien und Supermärkte gelandet. Wenn es die bundesweite Aktion „Foodsharing“ nicht gäbe. Ihre Mitglieder haben es sich zum Ziel gesetzt, etwas gegen die Verschwendung von Lebensmitteln zu tun. Sie retten vermeintlich unverkäufliche Produkte und teilen sie kostenlos.
Auch an die beiden Schränke in Schorndorf darf jeder ran, betont Simone Halle-Bosch, die Leiterin des Familienzentrums: „Zu unseren Öffnungszeiten kann hier jeder holen, was er möchte.“ Bedürftige Familien, die von Armut betroffen seien, aber auch Einzelpersonen, die bedürftig sind.
Die gesammelten Waren stammten vor allem aus Betrieben, die ihre Produkte nicht mehr verkaufen dürfen, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) überschritten ist oder weil sie wie Bäckereien mehr Ware herstellen, als sie verkaufen können, erklärt „Foodsharing“-Botschafter Dirk Schäfer. „Es könnten noch mehr Betriebe sein“, wünscht er sich. Sechs Fairteiler-Stationen gebe es derzeit im Landkreis. Vier davon seien aktuell in Betrieb: die in Waiblingen, Schwaikheim, Leutenbach und seit neuestem auch in Schorndorf. Weitere in Kernen und Remshalden sollen folgen. „Seit 2015 haben wir 1800 Tonnen Lebensmittel im Landkreis vor der Mülltonne gerettet“, sagt Schäfer. Im Rems-Murr-Kreis engagierten sich insgesamt 400 Leute im Foodsharing.
„Ich habe 2,6 Tonnen Nahrungsmittel gerettet“
20 aktive „Foodsharer“ sind es in Schorndorf. Sie kümmern sich darum, dass die neue Station stets gut befüllt ist und teilen sich ihre Arbeit in Schichten auf. Zwei davon sind Madeleine Schild und Günther Daiß. „Ich bin zum Foodsharing gekommen, weil ich mit meiner Tochter über das Mindesthaltbarkeitsdatum diskutiert habe“, erzählt Schild. „Ich habe ihr gesagt: Mach den Deckel auf und rieche rein.“ Sich auf diese Weise zu engagieren, bewirke auch einen Lerneffekt bei der nächsten Generation. Günther Daiß macht aus ähnlichen Beweggründen mit. „Ich wollte ebenfalls etwas gegen die Verschwendung tun.“ Sich weggeworfene Ware aus Supermarkt-Containern „klauen“, wollte er aber nicht. „Das ist illegal, so bin ich dann aufs Foodsharing gestoßen.“ Noch immer begeistere ihn die Aktion und vor allem die Reaktionen der Nutzer, berichtet er. Am schönsten sei es zu sehen, wie dankbar die Leute sind, die sich die Waren nehmen. Darüber hinaus „freut es mich einfach, wenn ich Lebensmittel rette, und es reißt einen mit, wenn man die Mengen sieht, die weggeworfen werden sollen“. Allein er habe schon 2,6 Tonnen Nahrung gerettet.
Hygienevorschriften sind wichtig
Wer sich als Lebensmittelretter („Foodsaver“) engagieren will, muss sich auf der Internetseite foodsharing.de registrieren und eine kleine Prüfung ablegen, bei der es unter anderem um das Thema Hygiene geht. Wer aktiv bei der „Foodsharing“-Initiative als Spender mitmacht, muss via Internet protokollieren, welche Nahrungsmittel er in den Kühlschrank hineingestellt hat. Wenn sich Privatleute beteiligen wollen, müssen sie ihre Waren in eine Liste eintragen, die am Kühlschrank hängt. Alles hat seine Vorgaben – aus lebensmittelhygienischen Gründen und der Dokumentierbarkeit. Neben dieser Liste hängt am Fairteiler auch eine Erklärung, was nicht im Schrank gelagert werden darf: etwa leicht verderbliche Ware wie Fisch, Eier und Hackfleisch. Auch offene, selbst gekochte Speisen und Lebensmittel aus geöffneten und angebrochenen Einzelpackungen dürfen nicht gespendet werden.
Erst die Tafelläden, dann Foodsharing
Gegen den Panettone-Kuchen, („Mein kleiner symbolischer Beitrag“) von Bernd Hornikel ist also absolut nichts einzuwenden. Der Oberbürgermeister selbst ist mehr als nur angetan, dass es die Fairteiler-Station gibt: „Die Idee ist extrem wichtig“, sagt er. Etwa 30 Prozent aller Lebensmittel landeten im Müll und würden in entsprechender Menge mit „Ansage produziert“. Das sei „absolut erschreckend“, auch im Hinblick auf die herrschende Not und den Hunger. Vor wenigen Tagen erst habe der Tafelladen in Schorndorf neue Räume bezogen. „Es ist eine Schwäche unseres Sozialsystems, dass wir Tafelläden haben müssen.“ Umso mehr freue ihn der Einsatz aller Ehrenamtlichen in diesem Bereich und beim „Foodsharing“: „Ich bin gottfroh, dass es Leute gibt, die sich gegen diese Verschwendung engagieren.“
Vom Teilen und Retten der Lebensmittel
Foodsharing
Seit 2012 rettet die Foodsharing-Bewegung in Deutschland täglich tonnenweise gute Lebensmittel vor dem Müll. Ehrenamtlich und kostenfrei werden Lebensmittel von privat zu privat im Bekanntenkreis, der Nachbarschaft, in Obdachlosenheimen, Schulen, Kindergärten und über die Plattform foodsharing.de verteilt. Öffentlich zugängliche Regale und Kühlschränke, sogenannte „Fairteiler“ stehen allen zur Verfügung. Laut foodsharing.de nutzen mehr als 455 000 Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz regelmäßig die Internetplattform nach dem Motto: „Teile Lebensmittel, anstatt sie wegzuwerfen!“.
Foodsaver
Inzwischen engagieren sich mehr als 115 000 Menschen ehrenamtlich als Foodsaver, indem sie überproduzierte Lebensmittel von Bäckereien, Supermärkten, Kantinen und Großhändlern abholen und verteilen. Hierfür müssen sie sich zunächst unter www.foodsharing.de registrieren.