Was Supermärkte aussortieren, ist meist noch einwandfrei. Der Verein Foodsharing zeigt, wie man die geretteten Lebensmittel optimal verwertet.
Der Regen prasselt auf das Dach des Pavillons des Mehrgenerationenhaus Grünbühl-Sonnenberg. Die Stimmung im Innern ist gemütlich und erwartungsvoll, denn heute findet ein ungewöhnlicher Kochnachmittag statt. Rund 20 Kisten voll mit Obst, Gemüse und Backwaren stehen am Rand des Raumes. Das Besondere: Die Lebensmittel in den Kisten wurden in Supermärkten und Bäckereien nicht verkauft, sie sollten eigentlich in der Mülltonne landen. Der Foodsharingverein Ludwigsburg hat sie gerettet. Heute soll daraus ein frisches und leckeres Menü zubereitet werden.
Kurz nach 14 Uhr kommen die ersten Köche in den Pavillon. Zwar sind es deutlich weniger als zuvor angekündigt, doch Chie Wakita, Ehrenamtskoordinatorin der Stadt Ludwigsburg, lässt sich davon nicht entmutigen. Wahrscheinlich habe das schlechte Wetter einige davon abgehalten, das Haus zu verlassen und zum kollektiven Schnippeln zu gehen. Sie macht noch vor Ort Werbung und überzeugt einige vorbeigehende Passanten davon, spontan mitzukochen.
78 Kilogramm Lebensmittel verschwendet jeder pro Jahr
Doch bevor es ans Kochen geht, will Laura Faust vom Foodsharing Verein noch über Lebensmittelverschwendung und das Konzept des Vereins aufklären. Denn weltweit werden nur ein Drittel der Lebensmittel wirklich verzehrt. In Deutschland sind das elf Millionen Tonnen Lebensmittel, die pro Jahr im Abfall landen – 78 Kilogramm pro Person. Noch dazu würden Arbeitszeit, Dünger, Verpackungen und viel Wasser verschwendet.
Hier kommt Foodsharing ins Spiel. Die Mitglieder sammeln abends in Supermärkten oder Bäckereien die aussortierten Lebensmittel ein und verteilen sie im Freunden- und Bekanntenkreis, die sie über Whatsapp-Gruppen organisieren.
Es gibt auch einige sogenannte Fairteiler. Meist sind es Schränke oder Kühlschränke an öffentlichen Orten, in die gerettete Lebensmittel hineingelegt werden können. Andere können herausnehmen, was sie benötigen. So soll die Lebensmittelverschwendung so gering wie möglich gehalten werden. „Unser Ziel ist es nicht, so viel zu retten wie möglich“, sagt die 37-Jährige. Der Verein freue sich, wenn sie nichts mehr abholen müssen. Das bedeute, die Einzelhändler konnten alles verkaufen. Außerdem nehme Foodsharing nur die Nahrungsmittel, die Organisationen wie die Tafel nicht benötigen. Regelmäßig organisiert Foodsharing Informationsveranstaltung an Schulen oder Events in der Stadt, um auf die Problematik aufmerksam zu machen. „Wir wollen uns selbst abschaffen“, sagt Faust immer wieder. Denn dann hätte der Verein sein Ziel, die Verschwendung von Nahrungsmittel zu verringern, erreicht.
Planung ist die Lösung
Die Lösung klingt ganz einfach. Man solle vor dem Einkaufen Reste einplanen und nur das kaufen, was benötigt wird. Übrig gebliebene Portionen haltbar machen und beispielsweise einfrieren oder zu viel Obst einkochen. Vor dem Urlaub Lebensmittel an Nachbarn oder die Familie abgeben. „Einzelne Bananen bleiben oft zurück, die kann man sich einfach zusammensuchen und kaufen“, so Faust. Gleiches gilt für Verpackungen, die eine kleine Macke haben.
Auf dem Speiseplan steht heute ein vielseitiges Menü. Es soll Gemüsecurry mit Reis, ein gemischter Salat und zum Nachtisch süße Stückchen mit Obstsalat geben. Gabriel ist mit seiner Patin Christine Nißlbeck spontan vorbeigekommen. Auch zu Hause kochen die beiden oft gemeinsam. Dem Achtjährigen ist in der Schule schon häufiger Lebensmittelverschwendung aufgefallen. „Viele Kinder schmeißen ihre Brote einfach auf den Boden.“ Das finde er nicht gut. Gabriel bringe sein Vesper wieder mit nach Hause und esse es am Abend oder teile es mit seinem Papa, wenn er es in der Schule nicht aufisst. „Mir ist die Problematik bewusst, nur die Umsetzung im Alltag ist oft schwer“, sagt Nißlbeck. Für sie sei das Einfrieren von Resten die optimale Lösung. „Ich bin immer froh, wenn ich einfach eine Portion auftauen kann und nicht kochen muss.“
Das Angebot richtet sich nicht nur an Bedürftige
Katarina Patz und Miriam Haag retten seit einiger Zeit Lebensmittel. Beiden sei aufgefallen, dass es Imageproblem gebe. „Viele trauen sich nicht in der Gruppe zu schreiben, wenn sie etwas haben wollen“, sagt Haag. Das liege besonders daran, dass niemand bedürftig erscheinen möchte. „Das ist aber völliger Quatsch“, ergänzt Patz. Der Verein wolle Lebensmittel vor der Mülltonne retten, da kann jeder helfen.
Im Verein werden nicht nur die Lebensmittel, sondern auch verschiedene Rezepte ausgetauscht. Bei Familie Patz stehen Smoothies aus weich gewordenem Obst hoch im Kurs. „Habt ihr schon mal eingelegte Radieschen probiert?“, fragt sie in die Runde. Das sei eine „superleckere“ Methode, das Gemüse länger haltbar zu machen. „Wir haben das im Urlaub kennengelernt und einfach ausprobiert.“
Die Foodsharinggemeinschaft wachse stetig. An einigen Fairteilern findet man die Nummern der Whatsapp-Gruppen und kann diesen beitreten. Die Standorte findet man auf der Homepage www.foodsharing.de.
Am Ende duftet es in dem kleinen Raum nach Gemüsecurry. Gabriel und seine Patin haben einen bunten Salat gezaubert und freuen sich schon auf den Obstsalat zum Nachtisch. Dass Lebensmittel, die andere nicht mehr möchten, das Potenzial haben, ein leckeres und gesundes Mittagessen zu werden, wurde gaumenfreudig bewiesen.