Astrid Wagner aus Heilbronn Foto: privat

Jedes Jahr landen Tonnen an Lebensmitteln im Müll. Immer mehr Unternehmen im Land kooperieren mit Initiativen wie Foodsharing, die Abgelaufenes weiter verteilen. Aber auch Privatleute müssen mitziehen.

Heilbronn/Stuttgart - Wenn Astrid Wagner wissen will, was sie noch alles in der Gefriertruhe hat, dann hat sie einen weiten Weg vor sich. „Ich habe mein Gefriergut in der ganzen Straße verteilt“, sagt sie und lacht. Es ist Beerenzeit, da reicht die eigene Truhe bei weitem nicht, möge sie noch so groß sein. Astrid Wagner ist überzeugte Foodsaverin, eine von 350 Lebensmittelrettern in Heilbronn, die Tag für Tag dafür arbeiten, dass Lebensmittel nicht im Müll landen, sondern auf dem Esstisch. Sie sind Teil der vor sieben Jahren gegründeten und seitdem stetig wachsenden Foodsharing-Gemeinde.

In Heilbronn haben die ersten 2015 damit begonnen, bei Supermärkten, Restaurants, Mensen oder Bäckereien die Waren einzusammeln, die diese laut Gesetz sonst wegwerfen müssten. Die Produkten werden an so genannten Fair-Teil-Stationen zur Weiterverwendung angeboten. Das sind Regale und Kühlschränke, an denen sich jeder bedienen darf. Ein paar Frauen haben damit angefangen. „Wir sind explodiert“, sagt die 38-Jährige.

Nach dem Abholen ist vor der Arbeit

Mittlerweile arbeiten sie mit fast 70 Betrieben zusammen, bei denen sie je nach Bedarf Lebensmittel abholen und für die Weiterverwendung sorgen. „Wir könnten schneller wachsen“, sagt die Mutter dreier Kinder. Man wolle aber gewährleisten, dass die Produkte der Kooperationsbetriebe auch tatsächlich verwertet würden. Das bedeutet Aufwand. Mit dem dem Abholen der Lebensmittel ist es also bei weitem nicht getan, „die eigentliche Arbeit beginnt dann erst“.

Es reicht nicht, die Fair-Teiler zu befüllen. Sie müssen auch täglich gereinigt werden. Kommuniziert wird über die Internetplattform, die auch darüber informiert, wer wo was wann hinterlegt und erledigt hat. Bestimmte Lebensmittel dürfen die Foodsaver nicht einfach in die Station legen, sondern müssen sie direkt an die Mann oder Frau bringen, damit die Ware auch wirklich verwendet wird.

Die Heilbronner sind Teil einer wachsenden Community

Das ist etwa bei Hackfleisch- oder Geflügelprodukten oder bei fertig gekochten Gerichten aus Mensen und Kantinen der Fall. Das gilt auch für Backwaren. „Die Frage ist: Finde ich auch am dritten Tag noch jemanden, der sich über 50 weiße Brötchen freut“, sagt Wagner. Wenn man die Lebensmittel direkt übergebe, „ist die Wahrscheinlichkeit am höchsten, dass sie auch verwendet werden“.

Die Heilbronner sind Teil einer rasch wachsenden Community. Sie gehören mit zu den Größten. Laut der Foodsharing-Internetseite gibt es im Stuttgarter Raum und in der Gegend um Heidelberg und Mannheim die meisten Fair-Teiler. An 20 Stellen kann man dort kostenlos Lebensmittel abholen, die im Handel nicht weiter verkauft werden könnten oder dürften, die aber qualitativ einwandfrei sind. Anders als bei den Waren, die in den Tafelläden für Bedürftige landen, sind darunter auch Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum bereits überschritten ist. In der Stadt Heilbronn und im Umland gibt es mittlerweile schon 16 Fair-Teiler; 15 sind es im Reutlinger Raum – einer davon steht sogar im Tübinger Rathaus. 43 Foodsharing-Gemeinschaften in Baden-Württemberg haben sich dem Verein angeschlossen. Laut David Jans aus Stuttgart, der zum Bundesvorstand des Vereins gehört, sind im Land 8837 Foodsaver aktiv, die mit 741 Unternehmen zusammenarbeiten. Kurz nach der Gründung von Foodsharing wurde in Reutlingen 2013 die landesweit erste Kooperation geschlossen, Konstanz und Stuttgart folgten.

Die Reutlinger waren die ersten

„Wir brauchen mehr Aufklärung“

Stefan Ueltzhöfer war in Heilbronn der erste Händler, der mit den Foodsharern zusammenarbeitete. Er betreibt fünf Edeka-Märkte im Heilbronner Raum und arbeitet mit beim Runden Tisch, den das Verbraucherschutzministerium zu dem Thema initiiert hat. Der Händler kritisiert „die extreme Bevormundung durch Gesetze“, die dazu beitrage, dass Verzehrbares in den Müll wandere. „In den Köpfen ist ein Produkt nicht mehr verzehrfähig, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Das ist falsch“, sagt er. „Wir brauchen mehr Aufklärung“, aber auch mehr Eigenverantwortung. „Alle müssen sorgsamer mit Lebensmitteln umgehen, das beginnt am eigenen Kühlschrank.“

Etwa ein Prozent seiner Produkte muss er aussortieren und kann sie nicht an die Tafeln spenden. Der Großteil davon ist Obst und Gemüse – und kommt jetzt in die Fair-Teiler. „Wir haben fast nichts mehr in der Biotonne“, sagt Ueltzhöfer.

Seniorinnen haben immer Tipps parat

Nicht nur die Foodsharing-Community wächst. Auch andere Initiativen haben sich des Themas angenommen. Den Bundespreis „Zu gut für die Tonne“ hat dieses Jahr das Unternehmen „Too good to go“ bekommen, über dessen App Restaurants kurz vor Betriebsschluss Mahlzeiten günstiger anbieten. Die Idee haben auch an dere aufgegriffen. Das Studierendenwerk Ulm etwa hat 2017 eine Happy Hour eingeführt; die Mensa verkauft 15 Minuten vor Betriebsschluss die Essen für nur noch 45 Cent je 100 Gramm statt für 0,89 bis 1,89 Cent – mit Erfolg: zehn Tonnen Lebensmittel wurden so vor dem Mülleimer gerettet.

Foodsharer brauchen auch Fantasie, um die Lebensmittel zu verwenden und zugleich die eigene Familie nicht solange mit Semmelknödeln zu bombardieren, bis die in den Essenstreik tritt. „Da sind die Seniorinnen perfekte Ansprechpartner“, das hat Astrid Wagner herausgefunden. Ihre Oma hat immer noch einen Tipp, was sie mit den übrig gebliebenen Wecken sonst noch so machen kann: Brotchips zum Beispiel. „Ihr nennt das Foodsharing“, hat die Großmama gesagt. „Ich habe das immer schon gemacht.“

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