In der Türkei werden Gefangene brutal gefoltert. Drei geflüchtete Opfer berichten – drei Jahre nach dem gescheiterten Putschversuch.
Berlin/Ankara - Mitten am Tag ist Ahmet ist in einer Stadt im Westen der Türkei entführt worden. Es war ein Wagnis, überhaupt auf die Straße zu gehen, denn er wusste, dass nach ihm gefahndet wurde. „Aber man kann nicht immer in der Wohnung herumsitzen“, sagt er. Kaum hatte er das Haus im Stadtzentrum verlassen, umringten ihn vier große, gut gekleidete Männer. „Sie zwangen mich in einen schwarzen Kleintransporter, legten mir Handschellen an und stülpten mir einen Sack über den Kopf.“
So begannen im Frühsommer 2018 die Leiden des Managers eines türkischen Konzerns, der seinen vollen Namen aus Angst um Angehörige nicht publiziert sehen will. Ahmet war Monate zuvor untergetaucht, weil er auf einer staatlichen Terrorliste von Führungspersonen im Gülen-Netzwerk, dem sein Unternehmen nahe stand, aufgeführt wurde. Der in den USA lebende Islamprediger Fethullah Gülen war nach einem einem Zerwürfnis mit Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zum Terroristen erklärt und nach dem gescheiterten Militärputsch vom 15. Juli 2016 als Drahtzieher bezeichnet worden.
Opfer: Drei Monate war ich völlig nackt
In der folgenden Säuberungswelle wurden mehr als 50 000 Menschen festgenommen und mehr als 150 000 Personen aus dem Staatsdienst entlassen. Am härtesten traf es die sogenannten Gülenisten. Ahmet lebt heute mit seiner Familie in einem kleinen Ort im Rheinland. Er hat politisches Asyl erhalten. Er erzählt, dass ihn die Männer auf ein Polizeirevier schleppten und mehrere Stunden verhörten, immer mit dem Sack über dem Kopf. „Sie wollten, dass ich Namen von Mitgliedern unserer Bewegung nenne“, berichtet der gedrungene Mann mittleren Alters. „Aber das lehnte ich ab. Daraufhin droschen sie auf mich ein, bis ich ohnmächtig wurde.“
Anschließend wurde er an einem unbekannten Ort in eine fensterlose, Sechs- Quadratmeter-Zelle gesperrt, die weder Bett noch Toilette hatte, dafür Kamera und Mikrofone. Die Worte eines Peinigers haben sich ihm tief eingeprägt: „Wir sind der Staat. Wir sind das Gesetz. Wenn du kooperierst, kommt du lebend hier raus, wenn nicht – als Leiche. Überleg es dir.“ Vom ersten Tag an sei er, nur in Unterhose bekleidet, am gesamten Körper geschlagen worden, berichtet Ahmet. „Ich wurde stundenlang mit den Armen an die Zimmerdecke gekettet. Dabei stießen sie mir mit Stöcken in den After. Wurde ich ohnmächtig, stellten sie mich unter die Dusche.“ Nach zwei Wochen hätten sie ihm auch die Unterhose weggenommen. „Drei Monate lang war ich völlig nackt bis auf den Sack über dem Kopf.“
Sie drohten, seine Familie auszulöschen
Etwa zwei Monate lang habe er fast ununterbrochen stehen müssen, die Arme auf den Rücken gefesselt. Seine Beine schmerzten entsetzlich. „Aber sobald ich mich an die Wand lehnte oder umfiel, kamen die Wärter und schlugen mich, bis ich wieder aufstand.“ Wollte der tiefgläubige Moslem beten, stürmten Wärter in seine Zelle und prügelten auf ihn ein. „Das befiehlt eine Regierung, die sich muslimisch nennt!“, sagt er. Immer wieder wurde er nach Namen von Putschisten befragt. „Aber ich wusste nichts und schwieg.“ Seine Peiniger hätten „eindeutig eine Folterausbildung und Erfahrung darin“ gehabt.
Man hatte den Ex-Manager offenbar in eine geheime Folterstätte, eine sogenannte Black Site, verschleppt. „Als sie merkten, dass es sinnlos war, mich weiter zu quälen, wurde ich zwei Wochen lang nicht mehr geschlagen, um die Folterspuren zu verwischen.“ Dann hätten sie ihn auf einem Feld in Zentralanatolien ausgesetzt. Sie drohten, seine ganze Familie auszulöschen, sollte er etwas erzählen.
Freunde aus dem Gülen-Netzwerk halfen Ahmet und seiner Familie wenig später, über Griechenland nach Deutschland zu fliehen. Er leidet unter Schlafstörungen, Augenflimmern und den Folgen der Knochenbrüche. Irgendwann möchte er Strafanzeige stellen, damit sich die Folterknechte und ihre Auftraggeber vor Gericht verantworten müssen – auch der Staatschef. Erdogan hat erst kürzlich wieder behauptet: „Systematische Folter und Misshandlung gehören der Vergangenheit an. Unsere Haltung lautet: null Toleranz für Folter.“ Ahmet kann darüber nur lachen. „Natürlich geschieht alles auf Befehl Erdogans“, sagt er. Menschenrechtsorganisationen bestätigen die Meldungen über Folterungen durch Sicherheitskräfte in der Türkei. „Die Folter hat seit dem Putschversuch wieder deutlich zugenommen“, sagt Emma Sinclair-Webb von Human Rights Watch in Istanbul. Sie fordert eine internationale Untersuchung.
Alle haben Angst um ihre Familien
Obwohl es Hunderte, wenn nicht Tausende Folteropfer gibt, ist es sehr schwer, Menschen zu finden, die bereit sind, an die Öffentlichkeit zu gehen, alle haben Angst um ihre Familien. Neben Ahmet waren noch zwei weitere Männern bereit, über die Grausamkeiten mit dieser Zeitung zu reden. Der Unternehmer und Familienvater Cüneyt, der auch anonym bleiben will, wurde im Frühjahr 2017 in ein Foltergefängnis gesteckt. Er ist ein Anhänger Gülens und gehörte 1992 zu den rund 300 Gründern der gülenistischen Bank Asya, die bereits vor dem Putschversuch von der Regierung geschlossen worden war, weil sie als wichtigster Financier der Bewegung galt. „Als das Militär putschte, bin ich zunächst untergetaucht“, erzählt der Mann mit schütterem weißen Haar. Sein besonderes Pech war, dass er dem Sektenführer Gülen vor Jahren persönlich begegnet war und ihm die Ermittler deshalb unterstellten, dass er detaillierte Kenntnisse über die Putschisten haben müsse. Nachdem Antiterrorpolizisten ihn bei einer Straßenkontrolle in der Ägäismetropole Izmir verhaftet hatten, brachten sie ihn in ein Revier, das für systematische Folter berüchtigt war. Fast zwei Wochen lang lang sei er dort im Keller misshandelt worden, berichtet Cüneyt, der während des Gesprächs in einem Restaurant in Hessen immer wieder zu weinen beginnt. Aber er habe niemanden denunzieren wollen. Die Schläge zertrümmerten sein Trommelfell . „Am zweiten Tag jagten sie Stromstöße durch meine Genitalien“, berichtet er. „Aber am schlimmsten war die psychologische Folter, wenn sie damit drohten, meine Frau und meine Töchter vor meinen Augen zu vergewaltigen.“
Bis heute leidet er unter starken Depressionen und Bluthochdruck. Nur weil er aus gesundheitlichen Gründen vorübergehend aus dem Gefängnis entlassen worden war, gelang ihm überhaupt die Flucht. „Ich hatte davon gehört, dass im Südosten gefoltert würde – aber doch nicht bei uns im Westen der Türkei“, sagt er.
Seine Peiniger hielten den jungen Kurden für tot
In Südostanatolien war die Folter nie ganz verschwunden. Der junge Bauer Mahmut Yildiz aus der Kurdenmetropole Diyarbakir wurde bereits einige Monate vor dem Putschversuch von Antiterrorpolizisten fast totgeschlagen. „Gib uns Namen!“, hätten sie geschrien. „Wo sind die anderen Terroristen?“ Bald war Yildiz blutüberströmt, seine Nase, die rechte Schulter und einige Rippen waren gebrochen. Dass er die Folter überlebte, hat er nur einem Versehen seiner Peiniger zu verdanken, die ihn bereits für tot hielten. „Sie hatten mich in einen Müllcontainer geworfen“, erzählt der kleine, kräftige Mann, „dann riefen sie den Krankenwagen und sagten den Ärzten, dass sie mich darin entdeckt hätten“.
Das war am 8. Januar 2016. Die Ärzte stellten Brüche am ganzen Körper und eine Gehirnblutung fest – aber Yildiz lebte. Es gelang ihm, Freunde zu benachrichtigen. Eine Anwältin veranlasste, dass ein medizinischer Bericht verfasst wurde. Wenig später wurde Yildiz in ein Gefängnis verlegt. Nach neun Monaten gelang es seiner Anwältin, seine Entlassung zu erreichen. Er tauchte unter. Freunde finanzierten ihm die Flucht nach Griechenland, wo er politisches Asyl beantragte. Da der oberste Gerichtshof der Türkei die Klage gegen seine Folterer abgelehnt hat, will seine Anwältin jetzt den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte anrufen. Yildiz kennt die Namen seiner Peiniger, denn sie stehen im offiziellen Protokoll des Krankenhauses, in dem er lag.
Die Folter, sagt Yildiz, habe ihn „psychologisch zerstört“. Doch habe er nur erlitten, was viele andere Kurden auch erleiden müssten. „Aber ich wünsche mir, dass niemand mehr so etwas erdulden muss. Dafür werde ich kämpfen bis zum Ende.“