Unsere Redakteur hat sich in Lederhosen vor die Tür gewagt. Foto: Piechowski

Unser Autor tauscht Jeans und T-Shirt mit Lederhose, Hemd und Weste – Wasenbummel in Tracht.

Stuttgar - Fasching im Herbst. Das hat anscheinend was. Alle Welt schmeißt sich in Folkloreschick. Und geht in Trachtenanzug und Dirndl aufs Volksfest. Warum muss man beim Biertrinken und Riesenradfahren aussehen wie ein Bauer beim Kirchgang? Ein Selbstversuch.

Das letzte Mal war ich ein Cowboy. Und acht Jahre alt. Gut, das ist auch ein Landwirt, halt mit Pferd. Doch da war klar, da gehört zum Kostüm ein Hut und eine Käpselepistole. Aber wie ist man korrekt gekleidet für einen Volksfestbesuch? Natürlich, die Lederhose gehört unabdingbar dazu. Da streift man gleich das Image vom Gipfelstürmer und kühnen Wilderer über, der Schlag hat bei den Damen. Aber muss es die alpenländische Version sein, als Almöhi in kariertem Hemd? So kann man vielleicht Käse machen und Kühe treiben, aber keinesfalls aufs Volksfest gehen. Wer will schon aussehen wie ein Bayer?

Es gibt eine Alternative für Lokalpatrioten. Eine Cannstatter Tracht. Die kostet allerdings zwischen 3000 und 5000 Euro. Weil die Lokalpatrioten aber drängten und eine heimische Verkleidung wünschten, ließ die Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart vom Hersteller Spieth & Wensky eine Württemberger Tracht schneidern. "Wir haben in alten Vorlagen geschaut, wie die Trachten in Württemberg ausgesehen haben", sagt Hartmut Spieth, "Weiß, Rot, Grün und Schwarz fanden sich darin." Und jetzt auch an mir.

Ich bin erkennbar ein Landeskind. Hirsch und Greif überall. Auf der Gürtelschnalle, auf der Hose, auf der Weste. Und ich lerne gleich, dass Landhausmode Namen hat. Meine lange whiskyfarbene Hose heißt Michael, meine rote Weste heißt Chris, das Hemd ganz weltoffen und multikulti Luigi, meine Haferlschuhe Gisbert. Nur ein Namen für zwei Schuhe? Ich nenne sie Gisbert 1 und Gisbert 2. Ich bin verkleidet. Für 639 Euro. Da schluckt der Schwabe.

Ob das Herzog Eberhard Ludwig geahnt hat? In Württemberg hat er 1712 eine Kleiderordnung erlassen. Er teilte seine Untertanen in neun Klassen ein und bestimmte, was die Bauern als neunte und unterste Klasse tragen durften. Nur das, was sie selbst herstellen konnten: aus Leinen, Wolle, Pelz und Leder. Heute schneidert und bastelt der Trachtenträger nicht mehr selbst.

Was Mao sein blauer Anzug, ist dem Volksfestgänger sein Alpenschick.

Und man ist beim Volksfest beinahe schon im kommunistischen Ideal angekommen, der klassenlosen Gesellschaft. Was Mao sein blauer Anzug, ist dem Volksfestgänger sein Alpenschick. Trächtige statt blauer Ameisen. Alle dirndeln. Oder ist das nur ein Klischee? Ist man in Straßenkleidung unterwegs, glaubt man sich umzingelt von Burschen in Lederhosen und Mädchen im Dirndl. Doch nun beim Gang durchs Zelt als fescher Württemberger, fühle ich mich aufgedonnert. Fast nur Jeans und T-Shirts genäht in Bangladesch und Vietnam schwanken und balancieren auf den Bänken. Wo ist das Kostümfest?

Erfunden haben es die Österreicher. "Im 18. Jahrhundert sind Tiroler Volkssänger und Zillertaler Musikanten in halb Europa unterwegs gewesen", weiß der Brauchtumsexperte Wulf Wager. Als nach Wegfall der Ständeordnung Adelige wie der bayerische Erzherzog Johann das Landleben idealisierten und sich in aus allen Ecken zusammengeklaubter Bauerntracht zeigten, war das Bild der Folkloremode geprägt. Landhausschick, mitunter Alpenkitsch dominierte. Den Wunsch, sich zum Biertrinken zu verkleiden, weckte übrigens eine gewisse Silvia Sommerlath 1972 bei den Olympischen Spielen in München. Die Hostess becircte damals im Dirndl den schwedischen Prinzen Gustav. Fortan war alle Welt überzeugt: Zum Oktoberfest gehört die Tracht.

Zum Volksfest angeblich auch. Und wenn man sich so umschaut, stellt man fest: Es sind vor allem die Jungen, die sich verkleiden. Für die gerade mal Erwachsenen kommt das Volksfest nach Aprés-Ski und dem Urlaub auf Malle gerade recht. Die Musik ist dieselbe, und zur Party schmeißt man sich halt in Fummel. Was im Februar der Skischuh ist im Oktober der Haferlschuh.

Das Türchen aufzuknöpfen erfordert Übung.

Gern kostümiert sich auch die High Society der Stadt. Da ist das Dirndl mittlerweile Statussymbol. Jeden Abend darf's ein Neues sein. Da prickelt der Champagner aus der Nebukadnezar-Flasche noch mal so gut, wenn die Nachbarin neidisch staunt und schätzt, wie viele Tausend Euro da vernäht wurden.

Schampus ist nicht so mein Ding. Ich gehe mit Michael, Luigi, Chris, Gisbert 1 und Gisbert 2 Bier trinken. Schmeckt allerdings auch nicht anders als sonst. Die Lederhose ist jedoch sehr praktisch. Sie schmutzt nicht, und fettige Hände lassen sich prima daran abwischen. Sieht ja auch speckig besser aus, man kann dann als erfahrener Wasengänger glänzen. Auch die Wasserspritzer von der Wildwasserbahn perlen problemlos ab. Beim Krämermarkt gibt's kostenlose Pflegetipps. Nur der Toilettengang ist kompliziert. man sollte es nicht zu eilig haben. Das Türchen aufzuknöpfen erfordert Übung.

Zum Abschluss folgt ein Ritt im Riesenrad. Hoch oben über dem Wasen auf 55 Meter Höhe entdecke ich auf der Weste ein Motto: "Furchtlos und treu". Das ist kein Anbiedern an die Zielgruppe und hat nichts mit den Fanta Vier und ihrem Lied "Troy" zu tun. Es ist der Wappenspruch Württembergs. Und passend fürs Volksfest. Furchtlos muss sein, wer es bis zum Ende im Zelt aushält. Und erst recht, wer mit der letzten S-Bahn nach Hause fährt. Das ist fast wie damals als Cowboy. Der fürchtete auch niemanden. Nicht mal Indianer.

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