Die Feuerwehr stapelt bei einem Hochwasser 2019 in Hochdorf Sandsäcke. Foto: Andreas Rosar

Hochwasser- und Starkregenschutz rückt spätestens seit den Vorkommnissen im Ahrtal immer weiter ins Bewusstsein vor. Einen hundertprozentigen Schutz gibt es zwar nicht. Aber einiges können die Kommunen aber tun. Ein Problem: Die Bevölkerung zeigt an dem Thema kaum Interesse.

In Erligheim parkt derzeit der Mannschaftstransportwagen der Feuerwehr auf dem Hof. Keine Woche ist es her, dass bei einem Starkregen 60 Liter in der Stunde vom Himmel kamen und in das Feuerwehrhaus und Keller im Ortskern flossen. Jeder kleine Dorfbach kann sich innerhalb kürzester Zeit in einen reißenden Fluss verwandeln. Kein Problem, wenn genug Platz da ist, kein Problem, wenn es Vorlaufzeit gibt. Doch was passiert, wenn sich eine Gewitterzelle plötzlich über einer Gemeinde entleert, und wie sind diejenigen vorbereitet, die durch die Nähe zu einem Gewässer besonders gefährdet von Hochwasser sind?

 

„Ein Teil der Kommunen ist vor einem ,Jahrhundert-Hochwasserereignis’ bereits gut geschützt, andere sind dabei, diesen Schutz durch verschiedene Maßnahmen herzustellen“, sagt eine Sprecherin des Landratsamts. Die Hochwassergefahr hänge aber im Einzelfall vom jeweiligen Regenereignis ab, das nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhergesagt werden könne.

35 Kommunen mit Starkregenrisikomanagement

Hochwasser und Starkregen sind zwei unterschiedliche Dinge. Starkregen hat zwar einen Einfluss auf die Pegelstände von Flüssen, im Gegensatz zu Hochwasser an großen Flüssen ist der genaue Ort und Zeitpunkt aber kaum vorherzusagen. Im Landkreis Ludwigsburg planen, erstellen oder haben bereits 35 Kommunen ein Starkregenrisikomanagementkonzept. Das Land fördert die Erstellung dieser Konzepte mit 70 Prozent – auch die Starkregenkarte von Möglingen.

Die Katastrophenmeldungen aus dem Ahrtal, von Braunsbach, aber auch aus der direkten Umgebung haben den Gemeinderat 2020 veranlasst zu handeln. „Damit wir uns nicht vorwerfen lassen können, wir haben nichts getan“, sagt der erste Amtsleiter Frank Mulfinger. Seitdem ist klar, wo sich das Wasser sammelt. Weil Möglingen im Osten direkt an den Ludwigsburger Stadtteil grenzt, wurde die Starkregenkarte auch für Pflugfelden angefertigt. Organisatorisch habe man nach der Erstellung der Karte gehandelt – eine Hochwasserbarriere liegt bereit, jedes Baugesuch wird überprüft und Grundstücksbesitzer informiert. Es wurde kontrolliert, ob Gemeindegebäude gefährdet sind und auch bei der Ausweisung neuer Flächen spielt die Starkregenkarte eine Rolle. Bauliche Maßnahmen seien bisher nicht nötig gewesen.

Bürger müssen ihr Eigentum selbst schützen

Doch bei allem, was die Kommune unternimmt – jeder Grundstücksbesitzer muss sich und sein Eigentum selbst schützen. Im Versuch, die eigene Bevölkerung zu informieren, zeigt sich jedoch: Nur Wenige haben daran Interesse. „Es ist schwierig der Bevölkerung zu vermitteln, dass etwas passieren kann“, sagt Jens Wehrum von der Gefahrenabwehrplanung Ludwigsburg. Die öffentlich einsehbare Hochwassergefahrenkarte zeige zwar genau, welche Gebäude betroffen seien, die würden jedoch nur wenige kennen. „Das Bewusstsein für Hochwasserschutz ist da, nur die Auswirkungen sind nicht überblickbar“, sagt die Erste Bürgermeisterin Renate Schmetz. Um auch im Fall von Starkregen zielgerichtet reagieren zu können, lässt die Stadt derzeit eine Starkregenkarte für die restliche Stadt anfertigen. Vermeldet das Pegelsystem Plochingen einen Anstieg, wird Ludwigsburg informiert und auch Besigheim. Dort ist jedoch nicht der Neckar das Problem, sondern die Enz, die laut Hochwassergefahrenkarte alle zehn Jahre über die Ufer tritt. „Da sind wir leidgeprüft, aber routiniert“, sagt der Bürgermeister Florian Bargmann. Für die Enz liefert das Pegelsystem in Vaihingen Informationen und löst im Notfall eine Reaktionskette aus.

Über Bundesstraßen schießt das Wasser nach unten

Bürgermeister Uwe Seibold war elf Jahre alt, als man bei der letzten großen Flut 1978 mit dem Boot um das Rathaus von Kirchheim am Neckar fahren konnte. Seitdem hat sich beim Thema Hochwasserschutz viel getan. Die Gemeinde ist durch den Neckar und den Mundelsbach gleich doppelt gefährdet, hinzu kommen die Kessellage und die Bundesstraße, über die das Wasser nach unten schießen kann.

Gegen das Hochwasser wurden bauliche Maßnahmen getroffen – die Kläranlage wurde höher gelegt und mit einer Notstromanlage aufgerüstet, sodass auch bei Hochwasser die Pumpe funktioniert, die Hauptzuleitung zur Kläranlage wurde abgedeckt, das Dach der Gemeindehalle wird begrünt und kann dadurch mehr Wasser aufnehmen und unterhalb des Baugebiets befindet sich ein Becken, das das Wasser in Richtung Mühlbach leitet. „Wir sind für Neckarhochwasser besser gerüstet, als das früher der Fall war“, sagt Uwe Seibold. Auch organisatorisch wurde nachgebessert.

„Wir dürfen nicht suggerieren, dass es einen Schutz gibt“

Seit Ende 2023 gibt es eine Starkregenkarte, die zeigt, wo sich das Wasser sammelt. Ein eigener Katastrophenstab ist in Planung, genauso wie ein Frühwarnsystem mit entsprechender Sensorik. Dem Bürgermeister ist aber auch bewusst: Bei Starkregen wird die Situation schnell unüberschaubar. „Wir dürfen nicht suggerieren, dass es dagegen einen Schutz gibt“, sagt er. Frustrierend ist dabei, dass Schutzmaßnahmen teilweise nicht angenommen werden. Die Gräben für den Wasserrücklauf im Neubaugebiet würden von den Bewohnern teils zugeschüttet werden, um mehr vom eigenen Garten zu haben. „Ich nehme wahr, dass man die eher als Störfaktor statt als Schutzmaßnahme wahrnimmt“, sagt Seibold.

In Erligheim blieb es in der Nacht von Donnerstag auf Freitag ruhig – statt dem befürchteten Starkregen, verteilte sich die Regenmenge über Stunden. „Das wäre nur ein Problem gewesen, wenn es jetzt Wochen nicht aufhören würde mit regnen“, sagt Markus Klein von der Finanzverwaltung Erligheim. Doch der letzte Starkregen hat seine Spuren hinterlassen, am Donnerstag war die Versicherung im Feuerwehrhaus, um den Schaden zu sichten. Die Überlegungen, wie man künftig mit Starkregen umgehe, hätte durch das Unwetter noch einmal eine besondere Dynamik bekommen, erzählt Klein. „Wir holen uns derzeit Angebote für Starkregenmanagement ein, planen ein zusätzliches Regenbecken und das Kanalsystem soll überprüft werden.“ Aber auch den Erligheimern ist bewusst: Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht.

Hochwasser- und Starkregengefahr steigt durch Klimawandel

Winter
 Laut Umweltbundesamt steigt die Gefahr von Hochwasser und Starkregen infolge des Klimawandels. Beim technischen Hochwasserschutz dient die statistische Berechnung, wie häufig ein Hochwasser in 100 Jahren auftritt, als Grundlage. Durch den Klimawandel ist zu erwarten, dass ein Jahrhunderthochwasser häufiger als einmal in 100 Jahren aufkommt.

Planung
 Um die regionalen Unterschiede und Folgen des Klimawandels zu berücksichtigen, hat das Land Baden-Württemberg in Kooperation mit dem Deutschen Wetterdienst alle Flussgebiete untersucht und Klimaänderungsfaktoren erstellt. Diese werden bei der Planung neuer technischer Hochwasserschutzanlagen und der Strategieentwicklung berücksichtigt. Für den Neckar wird ein Jahrhunderthochwasser um 15 Prozent größer angenommen als bisher.