Eiseskälte Anfang April: Werden wir Bilder wie dieses bald öfter sehen? Foto: dpa/Matthias Bein

Wenn der Klimawandel das Eis auf dem Nordpolarmeer schmelzen lässt, weckt das auch das „Biest aus dem Osten“. Das hat Mittel- und Westeuropa im Februar und März 2018 eine schneereiche Überraschung beschert. Was auf uns zukommen könnte.

Stuttgart - Wenn nach warmen Frühlingstagen an Ostern Schnee vom Himmel rieselt, ist diese kalte Überraschung nur eine typische Wetterkapriole. Solche paradoxen Entwicklungen gibt es auch, wenn der Klimawandel im hohen Norden die Temperaturen in die Höhe treibt und das Eis auf der Barentssee zwischen Norwegen, Spitzbergen, der Doppel-Insel Nowaja Semlja und Russland zunehmend auch im Spätwinter schmilzt. Das offene Wasser dort liefert dann reichlich Feuchtigkeit für heftige Schneefälle in Europa. Diese Zusammenhänge entlarvt in der Zeitschrift Nature Geoscience ein Team um Hannah Bailey von der Universität Oulu im Norden Finnlands.

 

Da der Klimawandel das Eis auf der Barentssee in Zukunft weiter verkleinern dürfte, wird dieses Meergebiet bis zum Jahr 2080 eine Hauptquelle für die Feuchtigkeit in der Winterluft Europas werden. Das schließt das Team aus den Daten. Gleichzeitig scheint der Klimawandel kalte Polarluft häufiger nach Europa zu lenken. Paradoxerweise könnten die weltweit steigenden Temperaturen zumindest den nördlicheren Regionen Europas also häufiger als bisher starken Schneefall servieren.

Dahinter steckt ein Schwächeln des Polarwirbels

Die Kälte-Bestie aus dem Osten scheint also aktiver zu werden. „Beast from the East“ hatten die Briten den Kaltluftvorstoß in Großbritannien genannt, der Ende Februar 2018 den Zugverkehr in Schottland komplett lahm legte und der am 2. und 3. März 2018 im Süden von Irland und Wales, sowie im Südwesten Englands einen ausgewachsenen Schneesturm heulen ließ, der bis zu 50 Zentimeter Neuschnee brachte.

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Hinter dieser Katastrophe im Spätwinter 2018 steckte genauso wie hinter dem Bilderbuch-Winter-Intermezzo in der ersten Hälfte im Februars 2021 in Deutschland ein Schwächeln des Polarwirbels. Dieser wiederum entsteht, wenn im Winter im hohen Norden monatelang die Sonne gar nicht aufgeht. Dadurch kühlt die Luft extrem stark aus und in einer Höhe von 20 bis 25 Kilometern liegen die Temperaturen bei rund minus 70 Grad Celsius. Gleichzeitig fällt in hohen Luftschichten der Druck.

Die Wärme in der Arktis lässt es bei uns kälter werden

In dieses Tiefdruck-Gebiet strömt aus den wärmeren Regionen im Süden Luft, die von der Drehung der um ihre eigene Achse rotierenden Erde nach Osten abgelenkt wird. Daher wirbeln in der Stratosphäre im Polarwinter die Luftmassen von West nach Ost um die kalte Luft im hohen Norden herum, ein „Polarwirbel“ ist entstanden. Das sind große Luftschleifen, die bis über den Süden Skandinaviens und bis über Nord-Italien reichen. Auch wenn das alles hoch oben in der Stratosphäre passiert, können solche Ereignisse bis zur Erdoberfläche hinunter die normalen Verhältnisse stark verändern.

Seit Jahren beobachten Forscher, dass die Klimaänderung die arktischen Gebiete besonders stark erwärmt und so die Temperatur-Gegensätze verringert, die den Polarwirbel antreiben. Die vom Zusammenbruch des Polarwirbels ausgelösten Kaltluftvorstöße wie im Februar 2021 und im Spätwinter 2018, aber auch im Winter 2010/2011 und im Märzwinter 2013 dürften also mit dem Klimawandel paradoxerweise häufiger als bisher auftreten.

Aus der eisfreien Barentssee verdunstet viel Wasser

Mit den in der Arktis besonders stark steigenden Temperaturen schwindet das Eis auf dem Nordpolarmeer, das normalerweise im März die größte Fläche bedeckt. Das heißt: Aus dem eisig-kalten offenen Wasser der Barentssee verdunsten große Mengen Feuchtigkeit in die darüber liegende Luft. Während die Bestie aus dem Osten zwischen dem 19. Februar und dem 28. März 2018 tobte, verdunsteten aus der Barentssee rund 140 Milliarden Tonnen Wasser.

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In dieser Zeit hatte sich über der Barentssee ein riesiges Hochdruckgebiet gebildet, an deren Westseite starke Nordostwinde die so entstandene Luftfeuchtigkeit nach Skandinavien und bis nach Mittel- und Westeuropa sowie nach Großbritannien bliesen. 88 Prozent des über Nordeuropa in dieser Zeit reichlich fallenden Neuschnees stammte daher aus dem offenen Wasser der Barentssee.