Österreichische Truppen führen am 30. November 1914 einen Sturmangriff an der Isonzofront (Ostabschnitt der italienisch-österreichischen Front) durch. Foto: dpa

Viele heutigen Konflikte – etwa in Nahost oder auf dem Balkan – sind eine unmittelbare Folge des Ersten Weltkrieges.

Viele heutigen Konflikte – etwa in Nahost oder auf dem Balkan – sind eine unmittelbare Folge des Ersten Weltkrieges.

Stuttgart - Die Bedeutung des Ersten Weltkriegs für die Welt von heute zeigt auch eine Analyse seiner historischen Auswirkungen auf die Brandherde des 20. und 21. Jahrhunderts. Sie alle sind das tragische Erbe dieses ersten globalen Waffengangs:

Deutschland

Für Deutschland war der Friedensvertrag von Versailles (28. Juni 1919) eine gesellschaftspolitische und ökonomische Hypothek, an der die Weimarer Republik scheiterte. Reparationszahlungen, Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise sowie der Revanchismus der nationalen Rechten schufen neuen Hass, der sich 1939 bis 1945 im Zweiten Weltkrieg entlud.

Russland

In Russland erwuchs aus dem Untergang des Zarenreiches ein neuer Gigant auf der Weltbühne. Die bolschewikische Revolution war nur der Beginn eines millionenfachen Leidens des russischen Volkes. Allein der Bürgerkrieg 1918 bis 1920 kostete bis zu 13 Millionen Menschen das Leben. Es folgten die Stalin-Diktatur und das „Unternehmen Barbarossa“, der Überfall Hitler-Deutschlands am 22. Juni 1941.

Naher Osten

Auch der Nahost-Konflikt hat seine Wurzeln im Ersten Weltkrieg. Noch während der Kriegswirren hatten Frankreich und Großbritannien im Sykes-Picot-Abkommen (16. Mai 1916) ihre Einflussgebiete im heutigen Israel, Irak, Iran, Jordanien, Libanon und Syrien abgesteckt. Ohne die willkürlichen Grenzziehungen würde die politische und religiöse Landkarte des Nahen und Mittleren Ostens heute anders aussehen. Ohne die Vorgeschichte des Krieges sind die israelisch-arabischen Kriege von 1948, 1956, 1967 und 1973, die heutigen Konflikte in Syrien, im Libanon, Gazastreifen, Westjordanland und Irak nicht denkbar.

Als die Briten 1920 das Mandat über Palästina übernahmen, zerschlugen sich sich jüdische und arabische Hoffnungen auf das Gelobte Land. Und auf einen dauerhaften Frieden in Nahost. Die vier israelisch-arabischen Kriege von 1948, 1956, 1967 und 1973 sowie die Konflikte im Libanon, Gaza-Streifen und Westjordanland, in Syrien, im Irak und Iran sind ohne die Vorgeschichte des Krieges von 1914 bis 1918 nicht denkbar.

Osmanisches Reich

Aus den Trümmern des Osmanischen Reiches schuf General Mustafa Kemal die säkulare türkische Republik – wofür er den Ehrennamen Atatürk („Vater der Türken“) erhielt. Die von ihm eingeleitete laizistische Modernisierung barg die Gefahr innenpolitischer Spannungen und einer Re-Islamisierung.

Osteuropa und Balkan

Für Polen, Litauer, Esten, Letten, Tschechen und Slowaken sowie die Balkanvölker markiert der Krieg den Beginn ihrer nationalen Wiedergeburt. Doch das machtpolitische Vakuum, das der Zusammenbruch Österreich-Ungarns und des Zarenreiches hinterließ, führte zu neuen Konflikten.

Die Kriege in Ex-Jugoslawien gegen Ende des 20. Jahrhunderts sind ohne dieses fragile politisch-ethnische Erbe nicht denkbar. „Der postimperiale Balkan macht den Europäern bis heute zu schaffen, und eine Änderung ist nicht abzusehen“, schreibt Münkler. „Dass im Umgang mit diesem Raum äußerste Vorsicht geboten ist, ist eine der politischen Lehren des Ersten Weltkrieges.“

USA

Der „Kreuzzug der Demokraten“, wie der „Spiegel“ den Kriegseintritt der USA tituliert, war der Beginn der Geburt einer neuen Supermacht. Die anfängliche Zurückhaltung der US-Regierung von Woodrow Wilson (1913 bis 1921) vor allem einer starken isolationistischen Haltung in der amerikanischen Bevölkerung geschuldet.Erst nach langem Zögern schickten die USA im April 1917 ihre Truppen auf die europäischen Schlachtfelder. Ihre rund 2,1 Millionen Soldaten brachten die Wende. Und dennoch scheiterte Präsident Wilsons Traum vom gerechten Frieden und einer neuen Weltordnung.

Ohne dieses Engagement hätte der Kriegsverlauf ein anderer sein können. Ganz zu schweigen von dem Sieg der US-Demokratie über Faschismus Deutschlands und Italiens sowie dem Militarismus Japans. Der US-Verleger und Gründer der Zeitschriften „Time“ und „Life“, Henry Luce, prägte diesen epochalen Begriff im Februar 1941 – als Überschrift für einen Artikel im „Life“-Magazin.

Japan und China

Gleiches gilt für den Nahen und Mittleren Osten, und nicht zuletzt für den Fernen Osten. Dem Aufstieg des japanischen Kaiserreiches zu Beginn des 20. Jahrhunderts folgten Anfang und Ende seines militaristischen Imperiums. Die Kapitulation des japanischen Kaiserreichs am 2. September 1945 beendete den Zweiten Weltkrieges und schuf zugleich die Basis für den Aufstieg einer neuen fernöstlichen – des kommunistischen Chinas. Die Erben Maos sind inzwischen zum einzigen gleichwertigen Konkurrenten der nach dem Ende des Kalten Krieges einzig verbliebenen Supermacht avanciert.

Deutschland und die EU

Fast könnte man den Eindruck gewinnen, als sei Deutschlands Kampf um die Vorherrschaft auf dem Kontinent für viele EU-Bürger noch nicht zu Ende. So erklärte der linksliberale italienische Publizist Eugenio Scalfari 2012: „Wenn Deutschland eine Finanzpolitik betreibt, die den Euro scheitern lässt, dann wären die Deutschen für das Scheitern Europas verantwortlich. Das wäre die vierte Schuld nach den Weltkriegen und dem Holocaust.“

Mit dieser Ansicht steht er nicht allein. In einer Umfrage erklärten 88 Prozent der befragten Spanier, 83 Prozent der Italiener und 56 Prozent der Franzosen, dass Berlins Einfluss in Europa zu groß sei. Kein Zweifel: Das Erbe des Ersten Weltkriegs ist bis heute allgegenwärtig.

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