mmer öfter zeigen die Beschäftigten – wie hier bei Bosch in Bamberg – Flagge, um in Zeiten des Strukturwandels ihre Arbeitsplätze zu erhalten. Foto: dpa

Digitalisierung und Elektromobilität dürften viele Jobs in der Industrie vernichten. Daher streben die Gewerkschaften – voran die IG Metall – ein Transformations-Kurzarbeitergeld an, um Weiterbildung zu fördern. Die Arbeitgeber Baden-Württemberg lehnen es ab.

Stuttgart - Etwa 210 000 Arbeitsplätze könnten bis 2035 allein in Baden-Württemberg aufgrund der Digitalisierung wegfallen – gleichzeitig aber auch rund 200 000 entstehen, schätzen die Arbeitsmarktforscher vom Nürnberger Institut IAB. Die IG Metall hat wiederum errechnet, dass in den nächsten Jahren durch die Elektromobilität bundesweit bis zu 200 000 Jobs in ihrem Zuständigkeitsbereich verschwinden. Mehr berufliche Weiterbildung für alle lautet daher ihre Devise.

Schon vor der Bundestagswahl 2017 hatte sie ein neues Transformations-Kurzarbeitergeld (KUG) ins Spiel gebracht, mit dem die Politik Beschäftigte und Betriebe bei der Bewältigung des Umbruchs unterstützen soll. Viele Unternehmen seien überfordert mit dem Ausmaß an Qualifizierungen, die auf die Belegschaften noch zukämen. Nun hat die Idee Eingang in den gerade vorgelegten Zehn-Punkte-Plan des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) für eine Nationale Weiterbildungsstrategie gefunden – was ihr nun mehr Schwung verschaffen könnte.

„Absehbare Umbrüche nicht auf Kosten der Beschäftigten“

Es sei zu erwarten, „dass es in einer Reihe von Betrieben grundlegende betriebliche Umbauprozesse verbunden mit Produktionseinbrüchen geben wird“, heißt es in dem Strategiepapier. „Hier gilt es an das bewährte Instrument der Kurzarbeit anzuknüpfen und eine adäquate Variante zu entwickeln.“ Mit dem „Transformations-KUG“ lasse sich Kurzarbeit und Qualifizierung mit der Chance auf eine Weiterbeschäftigung nach dem Umbau verknüpfen, denn das Beschäftigungsverhältnis soll erhalten bleiben. Zudem werde ein gemeinsames Handeln der Betriebsparteien sowie der Bundesagentur für Arbeit forciert. „Absehbare Umbrüche dürfen nicht auf Kosten der Beschäftigten gehen“, mahnt der IG-Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann.

Bis zu 36 Monate lang soll das Transformations-KUG als Weiterentwicklung des heutigen Transferkurzarbeitergelds an Umschüler gezahlt werden – finanziert von den Unternehmen und der Bundesagentur für Arbeit. Die Beschäftigten wären mit einem Abschlag von ihrem bisherigen Gehalt als Eigenanteil betroffen, was die IG Metall jedoch über tarifliche Zusatzleistungen dämpfen will. Da sich Transformationsprozesse über einen längeren Zeitraum erstrecken, soll eine verpflichtende Personalentwicklungsplanung des Betriebs für eine fünfjährige Phase zwingende Voraussetzung für die Gewährung der staatlichen Leistung sein.

„Das gaukelt eine Sicherheit vor Veränderungen vor“

Zur Linderung der schwersten Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Verlängerung des Kurzarbeitergelds vor zehn Jahren von den Sozialpartnern noch einvernehmlich mit der Politik auf den Weg gebracht – eine große Erfolgsgeschichte: Statt Mitarbeiter zu entlassen, wurden diese in Kurzarbeit geschickt. Später profitierten die Firmen davon, dass die Beschäftigten noch an Bord waren, als es wieder aufwärts ging. Heute bewerten die Metallarbeitgeber eine Weiterentwicklung der Leistung sehr kritisch. „Wir sehen in einem Transformations-KUG keine Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft“, sagte der Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeber Baden-Württemberg, Peer-Michael Dick, unserer Zeitung. „Es gaukelt eine Sicherheit vor Veränderungen vor, die aber oftmals nicht gegeben ist – vor allem, wenn es an der persönlichen Veränderungsbereitschaft der betroffenen Beschäftigten mangelt.“

Übertriebene Ängste gedämpft

Ziel der Gewerkschaften, so Dick, sei ein eigenständiger Anspruch aller Beschäftigten auf Weiterbildung und Höherqualifizierung. „Wenn diese aber nicht auf den Bedarf und die Erfordernisse der Betriebe ausgerichtet sind, richtet ein solcher Anspruch mehr Schaden als Nutzen an – und es ist nicht nachvollziehbar, weshalb die Unternehmen dafür bezahlen sollen.“ Der Hauptgeschäftsführer lobt seinerseits die Regelungen zur Kurzarbeit in den Jahren 2009/2010. Sie hätten sehr gut geholfen, die Folgen einer kurzen, aber sehr heftigen konjunkturellen Krise abzufedern. Heute sind die Voraussetzungen aber anders. „Der Unterschied ist: Bei strukturellen Veränderungen wie etwa bei den aktuellen Transformationsprozessen kehren wir nicht wieder in den Ausgangszustand zurück wie bei einer vorübergehenden Konjunkturdelle.“

Zudem bremst Dick übertriebene Ängste: Es bleibe abzuwarten, ob die Herausforderungen wie die Digitalisierung oder Elektromobilität tatsächlich zu solch gravierenden Umwälzungen führten, wie manche befürchteten. „Falls ja, werden wir passgenauere Instrumente als ein Transformations-KUG benötigen.“ Vor allem müsse dann die Veränderungsbereitschaft der Beschäftigten sichergestellt werden – ein Hinweis auf die oft gering ausgeprägte Weiterbildungsbereitschaft. „Solange gilt: Bange machen hilft nicht“, rät Dick den Gewerkschaften.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: