Eine junge Frau aus Osaka hat Spaß am Automaten. Foto: PR Image Factory – stock.adobe.com/C.Y.Ronnie.W

Sie sind das Sinnbild für die schrille Seite von Japan: die Game-Center, die an fast jeder belebten Straßenecke warten – mehrstöckige Gebäude, voll von röhrenden Spielautomaten. Jetzt droht dieses Erbe japanischer Popkultur auszusterben – warum?

Tokio - Drinnen, hinter der Schiebetür aus Glas, dudelt es in mächtiger Lautstärke. Plötzlich ein Quietschen, dann Schießgeräusche. Plötzlich hört es sich so an, als wäre etwas explodiert: Wir befinden uns in einer japanischen Spielhalle.

Zen, Stille und Rücksichtnahme haben hier keinen Platz. Dies ist die laute Seite von Japan: eine mehrgeschossige Halle voller Automaten, die zum hektischen Spielen und nervösen Daddeln einladen. Hier kann man aber auch mit einem Greifarm Kuscheltiere fangen, in kleinen Kabinen Fotos mit allen möglichen Filtern entwickeln lassen und altmodische Videospiele machen: von Golf und Tennis über Tetris oder Schiffe versenken bis zum Abknallen von Zombies und Panzern.

Frauen, Männer und Kinder reagieren sich hier ab

Diese Spielhöllen, früher auch als Arcade-Hallen bekannt, gehören zu den wichtigsten japanischen Kulturexporten der vergangenen Jahrzehnte. Die Gee-sen – Kurzform für Geemu sentaa oder auf Englisch Game-Center – prägen bis heute das Bild japanischer Städte. Frauen, Männer und Kinder reagieren sich hier regelmäßig ab. Sie kommen mit Kollegen nach der Arbeit, nach der Schule oder in der Pause von einer Einkaufstour, mit dem Partner nach einer romantischen Verabredung.

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Dabei geht es nicht nur um Nostalgie, sagt die gebürtige Hamburgerin Suzan Lüdemann, die im westjapanischen Kyoto lebt und Videospiele übersetzt. „Ich spiele supergerne dieses Zombiespiel, auch wenn das megaschwer ist.“ Dafür sitzt man in einer Kabine, die so eng ist wie ein Fotoautomat, mit einer Pistole in der Hand vor dem Bildschirm. „Du bist dann mittendrin, superaufgeregt, weil du die Zombies auf der Leinwand abknallen musst.“ Vor lauter Ballern vergesse sie die Zeit, erklärt Lüdemann. Sie entspanne sich so auf ausgelassene Art.

Die Umsätze sinken drastisch

Doch wie lang bleibt das in Japan noch möglich? Durch die Pandemie scheint sich in den vergangenen Monaten ein Trend beschleunigt zu haben: Die Gee-sen werden weniger. Laut Statistik hat sich die Zahl der Game-Center in ganz Japan zwischen 1986 und 2019 von knapp 27 000 auf gut 4000 verkleinert. Und da auch im vom Coronavirus noch relativ milde betroffenen Japan die Regierung ihre Menschen bittet, ihren Freizeitaktivitäten lieber daheim nachzugehen, fühlen sich viele Gee-sen-Betreiber in ihrer Existenz bedroht.

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„Bei uns haben schon Filialen geschlossen“, sagt Koichi Kodama vom Game-Center-Betreiber Taito, einem der führenden Anbieter im Land. In stark betroffenen Regionen jenseits der großen Stadtzentren seien die Umsätze auf die Hälfte gefallen. „Von der Regierung erhalten wir im Gegensatz zu Restaurants auch leider keine Unterstützungsgelder für unsere Ausfälle.“ Japanische Medien berichten von Schließungen einst beliebter Etablissements.

Die Joysticks werden desinfiziert

Dass die Gäste wegbleiben, verwundert in diesen Zeiten nicht. In den Gee-sen bewegen sich Menschen auf engem Raum, die Luftzirkulation ist dürftig, die Maschinen werden immer wieder von neuen Personen angefasst. „Wir tun aber, was wir können, um sicher zu sein“, beteuert Koichi Kodama. „Alle müssen sich vorm Spielen die Hände desinfizieren, Maske tragen ist Pflicht. Die Joysticks muss man auch desinfizieren. Es gibt Schutzschilder zwischen den Automaten.“

Für die Gee-sen ein zusätzliches Problem: In der Pandemie haben die Verkäufe von Heimkonsolen deutlich zugelegt. Bei Taito, das quer übers Land verteilt noch rund 160 Center betreibt, will man seine Angebote deshalb erweitern. Die Kranspiele, bei denen man mit einem Greifarm einen Gegenstand aus einem Automaten fischen muss, werden jetzt auch online angeboten. Das Hauptgeschäft soll aber weiter mit den physischen Game-Centern gemacht werden.

Mit dem Besuch aus Deutschland in das Game-Center

„Wenn die Pandemie endet, werden die Leute wieder rauswollen“, hofft Koichi Kodama. „Ich glaube, wir müssen das einfach durchstehen. Aber wir müssen auch schauen, wie wir uns noch weiter verändern können. Auf den Konsolen kann man ja mittlerweile auch in großen Gruppen spielen.“

Trotzdem glauben die Liebhaber, dass in den Gee-sen etwas zu finden ist, das Heimkonsolen nicht bieten können. Denn mit ihrem Verschwinden ginge auch ein spezifisches Spielerlebnis verloren: mit anderen Menschen in einer großen Halle zu stehen und gemeinsam ausgelassen an Automaten zu zocken. Ein ästhetischer Reizüberfluss und ein Spaß, der oft so körperlich wird, dass er einen zum Schwitzen bringt. Und all das bei einem Geräuschpegel, der bis auf die Straße reicht.

Auch deshalb wünscht sich Suzan Lüdemann, dass die Gee-sen nicht verschwinden: „Das gehört einfach in die Amüsierviertel japanischer Städte. Da gehen Shoppingstraße und Restaurantstraße immer Hand in Hand. Und dazwischen ist eigentlich immer irgendein Game-Center.“ Und das müsse schon aus touristischen Gründen lieber so bleiben: „Wenn ich Besuch aus Deutschland hab, gehört ein bisschen Spielen im Game-Center immer zu den Höhepunkten.“

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