Bereits jetzt sinken die Zahlen der geflüchteten Menschen in Stuttgart. Das hat auch Folgen für die Unterkünfte und Hotels, die die Stadt für sie bereitstellen muss.
Die Landeshauptstadt wird in den kommenden 18 Monaten voraussichtlich deutlich von den bundesweit zurückgehenden Flüchtlingszahlen profitieren. Die Zahl der Asylsuchenden im Land hat sich im vorigen Jahr mit 10 972 mehr als halbiert und soll weiter sinken. Ein erheblicher zusätzlicher Effekt resultiert aus der festgelegten Anrechnung von Plätzen in der Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA) in Weilimdorf, die 2029 vom Land mit 1300 Plätzen im Regelbetrieb eröffnet werden soll. Dazu kommen am Standort Mittlerer Pfad 500 Notfallplätze. Dem Land wurden in dem Gewerbegebiet mehrere Immobilien angeboten, für die LEA läuft eine Bauvoranfrage.
Die Stadt will sich im Vorgriff auf den LEA-Betrieb einen Teil von deren Kapazitäten anrechnen lassen. Der dazu nötige Vertrag mit dem Land wurde vom Ministerrat unter Vorsitz von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) am 9. Dezember 2025 gebilligt.
Flüchtlingsprognosen vom Land
Im vergangenen Jahr waren der Stadt vom Land pro Monat im Schnitt rund 40 Geflüchtete (ohne Geflüchtete aus der Ukraine) zugewiesen worden. Im Rathaus nimmt man an, dass diese Zahl in diesem Jahr weiter sinkt. Das sei nach den Prognosen unter anderem des Landesmigrationsministeriums von Marion Gentges (CDU) zu erwarten. Letztlich hängt die Entwicklung aber von der weltpolitischen Lage ab.
Im Vertrag mit dem Land ist festgelegt, dass Stuttgart mit der LEA einmalig eine Stundung von 500 Personen und im zweiten Schritt eine weitere Stundung von 130 bis 180 Personen in Anspruch nehmen kann. Diese Stundungen können bereits beantragt werden. Sie greifen „ab Bestandskraft der Baugenehmigung“ und wirken maximal drei Jahre. Danach verbleiben noch 20 Prozent der LEA-Kapazität, die auf die Aufnahmequote angerechnet werden. Die Baugenehmigung wird spätestens 2027 erwartet. Bleiben die Zuweisungszahlen im erwarteten Umfang, könnte Stuttgart von 2027 an für rund 18 Monate völlig von einer weiteren Aufnahmeverpflichtung befreit sein.
Entscheidungen teils schon im Haushalt
Bei den Haushaltsplanberatungen war bereits entschieden worden, nahezu alle Neuinvestitionen für neue Flächen und Gebäude für Flüchtlinge zu streichen. Im Doppeletat war für 2026/2027 eine Investitionssumme von insgesamt 69,5 Millionen Euro vorgesehen. Die Zahl der von der Stadt untergebrachten Flüchtlinge ist von rund 10 000 auf aktuell rund 8700 gesunken. „Wir gehen davon aus, dass sie bis Ende 2026 auf rund 7500 Personen zurückgeht“, teilt OB Frank Nopper (CDU) in einer Pressemitteilung mit.
Die Erweiterung einiger Flüchtlingsheime liegt auf Eis
Darauf reagiert man laut Nopper mit dem Verzicht auf die geplante Erweiterung von Unterkünften in Degerloch (Guts-Muths-Weg), Möhringen (Lautlinger Weg) und Plieningen (Leypoldtstraße). Für den Notfall bleiben die Pläne aber in der Schublade. Ein neuer Standort in der Feuerbacher-Tal-Straße war bereits in den Etatberatungen verworfen worden, einer in Untertürkheim (Kino-Bauer-Areal) soll mit 200 Plätzen verwirklicht werden. Die Räume dort könnten beim Wegfall der Flüchtlingsnutzung auch als Wohnungen vermietet werden.
Nopper hatte mit dem Land über die LEA verhandelt und Sicherheitsfragen geklärt. Er persönlich lehnte die LEA ab, eine knappe Mehrheit des Gemeinderates aber akzeptierte sie. So wird dort eine Polizeiwache eingerichtet, im Umfeld soll es Streetworker und einen Sicherheitsdienst geben, der auch den nahen S-Bahnhalt im Blick behält. Wichtig zu wissen: Das Land allein entscheidet über LEA-Standorte, die Kommunen werden gehört, haben aber keine Entscheidungsbefugnis.
Flüchtlinge sollen nicht mehr in Hotels unterkommen
Als Folge der sinkenden Flüchtlingszahlen gibt die Stadt den Krisenmodus auf und gestaltet: Zunächst soll die Unterbringung von Flüchtlingen in Hotels auslaufen: Konkret fällt Ende Januar das Messe-Airport-Hotel in Plieningen mit 149 Plätzen weg. Es folgen
- das AOL-Hotel in der Rosensteinstraße im Norden mit 433 Plätzen Ende April
- das Mayn-Hotel in der Maybachstraße (Feuerbach, 114 Plätze)
- das Hotel Neuwirtshaus (Stammheim, 66 Plätze) Ende Juli 2026
Damit erfüllt die Stadt Forderungen des Landes, das die vergleichsweise teure Hotelunterbringung mehrfach kritisiert hatte. Geräumt werden soll auch die Unterkunft im Röhrlingsweg in Schönberg, und zwar im Februar. Das hatte Nopper Anwohnern zugesagt. Damit würden bisher stark belastete Bezirke in der Stadt entlastet.
Als Ausgleich für den LEA-Standort in Weilimdorf soll auch dieser Bezirk, der bisher mit der Einrichtung in der Holderäckerstraße 35 mit 808 Plätzen die größte Unterkunft beherbergt, entlastet werden. Ob der Rückbau schon 2026 startet, ist unsicher. Spätestens im Oktober 2027 aber soll es so weit sein, also vor dem Bau der LEA. Das entlastet auch die soziale Infrastruktur im Bezirk mit Kinderbetreuung und Schulen. Die LEA sorgt für Betreuung wie auch für eine erste ärztliche Versorgung. Die Menschen sollen in Weilimdorf nur wenige Monate in der LEA bleiben, bevor sie weiter im Land verteilt werden.
Entwicklung in der Ukraine unklar
Eine Unbekannte in der Gleichung ist, wie sich die Zahl der ukrainischen Flüchtlinge entwickelt. Sie sank zwar im Jahresvergleich 2024/2025 im Land um sieben Prozent und gegenüber 2023 um 44 Prozent. Seit Oktober aber wächst die Zahl wieder. Da die Erstaufnahmeeinrichtungen im Land nun Platz haben, könnten die Kommunen geflüchtete Ukrainer dorthin verweisen.