Musikunterricht ist für viele Kinder selbstverständlich. Foto: dpa

Krabbelgruppe, Nachhilfe-, Musik-, Tanz- und Gesangsunterricht: Eltern investieren immer mehr Geld in die Bildung ihrer Kinder. Kritiker sprechen von Förderwahn und Bildungsdruck.

Krabbelgruppe, Nachhilfe-, Musik-, Tanz- und Gesangsunterricht: Eltern investieren immer mehr Geld in die Bildung ihrer Kinder. Kritiker sprechen von Förderwahn und Bildungsdruck.

Stuttgart - Laras Mutter, Anne Merbek (Name geändert), ist im Stress. Sie fährt ihre Tochter dienstags in die Musikschule – Lara spielt Geige und Flöte –, dann zum Ballettunterricht. 30 Minuten Englisch will die Mutter mit ihrer sieben Jahre alten Tochter auch noch reden. Die Hausaufgaben hat sie ebenfalls noch nicht kontrolliert. AusLara soll einmal etwas werden, erklärt Anne Merbek ihren Einsatz. Andere Wochentage sehen daher ähnlich voll aus: Lara bekommt Gesangsunterricht, nimmt Nachhilfe, spielt Tennis, besucht einen Malkurs. Monatlich kostet das die Familie Hunderte Euro.

Das Beispiel Lara ist extrem, aber kein Einzelfall. Immer mehr Eltern investieren immer mehr Geld und Zeit in die Förderung ihrer Kinder, sagen Experten. „Die Freizeit von Kindern ist kommerzialisiert, strukturiert und institutionalisiert. Eltern verzichten teilweise auf ihre eigenen Bedürfnisse“, sagt Christian Alt, Soziologe am Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München.

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL) und Autor mehrerer Bücher, nennt Eltern wie die Merbeks Helikopter-Eltern. Sie sind überfürsorglich und überwachend. Und sie überschütten ihr Kind mit Förder- und Bildungsangeboten. „Helikopter-Eltern lassen ihren Kindern keine freie Zeit. Sie verplanen jede Minute“, sagt Kraus. Ihm zufolge sind in Deutschland mehr als 15 Prozent der Eltern dem Förderwahn verfallen. Sie sind der Kontrast zu den Eltern, die sich Kraus’ Erfahrung nach gar nicht um ihre Kinder kümmern.

Aus Alts Sicht ist in der Gesellschaft die Akzeptanz von Bildung grundsätzlich groß. „Eltern sehen Bildung als ein hohes Gut an. Doch nicht alle können sie sich leisten.“ Das monatliche Einkommen reiche in immer mehr Haushalten nicht mal mehr aus, um die laufenden Kosten zu decken, steht in der kürzlich erschienenen Studie „Konsumausgaben von Familien für Kinder“ des Statistischen Bundesamts – und weiter: „Wo das Anzapfen von Ersparnissen nicht möglich ist, bleibt nur die Kreditaufnahme, um alle Ausgaben tätigen zu können.“

Je höher die Bildung und das Einkommen der Eltern sind, desto selbstverständlicher ist laut Experten die Förderung. Zumal der Wert eines Kindes gestiegen ist. Der Trend gehe zum Einzelkind, und da könne man es sich als Eltern nicht leisten, dass aus ihm ein Versager wird. „Eltern wollen aus ihrem Kind das Maximum rausholen. Das Beste ist für den Prinzen oder die Prinzessin gerade gut genug“, sagt Alt. Kraus ergänzt: „Aufgrund bildungspolitischer Debatten herrscht die aberwitzige Ansicht, dass Kinder heute nur mit Abitur und Studium eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben.“

Christine Henry-Huthmacher, Koordinatorin für Bildungs- und Familienpolitik bei der Konrad-Adenauer-Stiftung, spricht von einem Bildungszwang, den Eltern wahrnehmen. In ihrer Studie „Eltern unter Druck“ heißt es: „Der Druck, nur keine Chance auszulassen, da sie sonst ihrer heutigen Elternpflicht, das Kind optimal zu fördern, nicht gerecht werden, scheint allgegenwärtig.“ Die Mehrzahl der Eltern habe wenig Vertrauen in das öffentliche Bildungssystem. Deshalb nehmen sie die Förderung ihrer Kinder zu einem möglichst frühen Zeitpunkt selbst in die Hand. „Eltern sind oft verunsichert und fragen sich, ob sie für ihr Kind genug tun“, sagt Henry-Huthmacher.

Das Geschäft mit der Kinderförderung lohnt sich für die Anbieter. Kraus schätzt, dass die Helikopter-Eltern jährlich Summen im niedrigen dreistelligen Millionenbereich ausgeben. Alt geht von Beträgen in Milliardenhöhe aus, bezogen auf alle Eltern.

Die Förderung fängt oft wenige Wochen nach der Geburt an. Pekip-Kurse, in denen Babys nackt spielen und sich bewegen, boomen bundesweit. Laut Pekip-Sprecherin Angelika Nieder nehmen pro Woche mehr als 55 000 Familien an den Kursen teil. Diese kosten je nach Anbieter 60 bis 150 Euro und bestehen aus bis zu 15 Treffen, sollten aber das ganze erste Lebensjahr über stattfinden. Für drei Kurse bezahlen manche Eltern also 450 Euro. „Die Nachfrage ist ungebrochen hoch. Die Anbieter suchen händeringend Gruppenleiterinnen“, sagt Nieder.

Ähnlich gute Erfahrungen macht Stagecoach, die nach eigenen Angaben weltweit größte Freizeit-Theaterschule für Kinder und Jugendliche. In Deutschland gibt es an 22 Standorten 36 Schulen. Kinder ab vier Jahren lernen dort Schauspiel, Gesang und Tanz. „Das steigert das Selbstbewusstsein der Kinder“, sagt Geschäftsführer Rainer Turba. Tanzen und Singen förderten die Konzentration, Auffassungsgabe oder motorischen Fähigkeiten. „Viele Eltern erzählen mir, dass sich all das positiv auf die schulische Leistung auswirkt“, sagt Turba.

Binnen zehn Jahren hat sich die Zahl der Teilnehmer mit mehr als 1600 Kindern versechsfacht. Ein Trimester kostet 426 Euro. Im Schnitt besuchen Kinder drei Jahre lang die Kurse, die, so räumt Turba ein, „nicht ganz billig sind“. Er formuliert es so: „Mit dem Angebot wird Nachfrage generiert.“ 2015 eröffnen in Göppingen und Gerlingen weitere Standorte. „Wir sind bislang im Schnitt um zwei Standorte pro Jahr gewachsen.“

In welchem Alter welche Förderung nötig und sinnvoll ist, darüber streiten Experten. Kraus sagt, dass Kinder freie Zeit brauchen. Er hält ein bis zwei verplante Nachmittage pro Woche für in Ordnung. „Weniger ist oft mehr. Entscheidend ist, dass dem Kind Zeit zur Selbstgestaltung und Selbstentfaltung bleibt“, sagt Kraus. Entscheidend sei auch, dass das Kind Spaß an der Sache hat. Überforderte Kinder sind unkonzentriert und machen Flüchtigkeitsfehler. Eltern müssen ihren Kindern eine Stimme geben, sagt auch Alt. Wer sein Kind ernst nimmt, fragt es, was es will, und handelt mit ihm Dinge aus. „Kinder sind glücklich, wenn sie Freunde haben, gut integriert sind und die Ausstattung haben, die sie brauchen.“ Grundsätzlich sei Förderung sinnvoll, die sich in der Schule als relevant erweist. Das sind Musik- und Sprachunterricht, sportliche oder künstlerische Aktivitäten.

Anne Merbek hat sich mit ihrer Tochter Lara unterhalten. Geigenunterricht ist jetzt gestrichen. Das Instrument fand die Schülerin schon immer doof. Geübt hat sie nie.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: