Mit vielen Erwartungen und großen Plänen kam der Vorstand des Bücherei-Fördervereins vor zwei Jahren zum Antrittsbesuch bei Bücherei-Leiterin Gudrun Fuchs (vorn). Nach einer ernüchternden Bilanz wollen die Vereinsmitglieder nun einen Neubeginn. Foto: Roberto Bulgrin

Die Diskussion über die Zukunft der Esslinger Stadtbücherei geht in die heiße Phase, doch vom Förderverein der Bibliothek war zuletzt wenig zu hören. Nun machten die Mitglieder ihrem Unmut über den Vorstand Luft und wählten eine neue Vereinsführung.

„Wir sind der Auffassung, dass sich in den kommenden Jahren mehr denn je unsere Bücherei zu einer beliebten, aber auch wichtigen Einrichtung unserer Stadt weiterentwickeln wird“, schreibt der Förderverein der Esslinger Stadtbücherei auf seiner Webseite. „Dabei wollen wir die Bücherei mit unseren Mitteln und unseren Aktivitäten unterstützen.“ Doch mit den Aktivitäten des Vorstands war es nach Einschätzung vieler Mitglieder zuletzt nicht weit her. Manche wandten sich enttäuscht ab. Andere monierten, dass sich der Vorstand nach innen wie nach außen kaum zu Wort meldete, nachdem OB Matthias Klopfer im Mai den Plänen zur Erweiterung der Bibliothek eine Absage erteilt hatte. Nach einem Scherbengericht verweigerten die Mitglieder dem bisherigen Vorstand nun die Entlastung und wählten eine neue Führung.

 

Ärger mit Ansage

Überraschend mag der Unmut nicht über den bisherigen Vorstand mit Daniel Blank und Annette Silberhorn-Hemminger an der Spitze sowie Christel Köhle-Hezinger, Bettina Burghardt und Michael Müllenbach hereingebrochen sein. Bereits im Sommer sollen viele in einer nichtöffentlichen Mitgliederversammlung ihrem Ärger Luft gemacht haben. Damals wurde eine Erklärung verabschiedet, seither registrierten die Mitglieder Funkstille.

Daniel Blank räumte ein, man sei 2020 „hoch motiviert gestartet“, dann habe „die Kurve nach unten gezeigt“. Schockierend habe gewirkt, dass der OB die Erweiterungspläne für die Bücherei vorerst nicht weiterverfolgen will. Vor einer neuerlichen Positionierung, die bislang allerdings auf sich warten lässt, habe man zunächst die städtische Bürgerinformation am 17. November abwarten wollen. Nun müsse der Förderverein mit der Situation umgehen, „die politischen Prozesse wieder stärker begleiten“ und das Büchereiteam unterstützen.

Kampf um jeden Euro

Die frühere Vorsitzende Sylvia Greiffenhagen hatte lange mit sich gerungen, das Wort zu ergreifen. Doch seit Monaten habe sie nur Zögern und Zaudern erlebt. Dass der Verein auch in der öffentlichen Veranstaltung der Stadt nicht in Erscheinung getreten sei, habe das Fass zum Überlaufen gebracht. Sie hätte erwartet, dass der Vorstand die politische Meinungsbildung, die weit vorangeschritten ist, kritisch begleitet und auf Ungereimtheiten hingewiesen hätte. Nun drohe ein jahrelanger Kampf um jeden Euro.

Christine Keinath hat beobachtet, dass viele Besucher der städtischen Infoveranstaltung „zutiefst erschüttert“ waren: „Viele haben jahrelang gekämpft, damit die Bücherei die Fläche bekommt, die sie braucht. Sie haben kein Wort des Bedauerns gehört, der OB warf ihnen vielmehr Egoismus vor. Mit einem neuen Bodenbelag retten wir nicht die Bücherei.“ Marie Kruse betonte die Bedeutung der Bibliothek und fand: „Dass man ein solches Juwel so den Bach runtergehen lässt, ist auch dem Förderverein geschuldet.“ Und Hermann Beck monierte: „Ein Förderverein, der nicht fördert, hat seinen Zweck verfehlt.“ Dass die beiden Vorsitzenden auch kommunalpolitisch involviert sind, habe offenbar zu Interessenkollisionen geführt. Nur weil der Förderverein „viel zu häufig stumm geblieben“ sei, habe Beck gemeinsam mit anderen einen Unterstützungskreis gegründet, um die Sache der Bücherei zu vertreten.

„Viel Misstrauen“

Petra Helmcke unterstrich die Bedeutung der Bibliothek, die Brücken zu Bildung, Wissen, Kultur, Integration, Teilhabe und Miteinander baue. Sie vermisst, dass die Stadt den Sachverstand der Bibliotheksleitung in den öffentlichen Debatten nutzt. Ulrike Gräter spürt „viel Misstrauen“. Sie habe für den Büchereistandort gekämpft, müsse als Stadträtin aber „die reale Situation anerkennen“. Durch Gemeinderatsvorlagen könne sich jeder informieren. Das Nachbarhaus Heugasse 11, das zur Erweiterung vorgesehen war, sei „noch lange nicht verkauft“.

Daniel Blank betonte, man habe anders als der Unterstützungskreis auf leise Töne gesetzt und damit ebenfalls etwas bewegt. Nun müsse die Bibliothek in kleinen Schritten entwickelt werden. Annette Silberhorn-Hemminger konnte „manche Vorwürfe nachvollziehen“ und bat um Verständnis, dass Corona manches erschwert habe. Vielleicht sei man nach der OB-Rede im Mai zu zögerlich gewesen, doch die Finanzlage der Stadt sei dramatisch. Ihr Appell: „Lasst uns machen, was in dieser Situation möglich ist.“ Daniel Blank als SPD-Co-Vorsitzender und sie als Fraktionschefin der Freien Wähler hätten „zwei Hüte“ auf, die nicht immer zusammenpassten: „Man darf uns aber nicht unterstellen, dass wir versucht hätten, den Deckel auf dem Topf zu halten.“

Neuer Vorstand

Nach vielen weiteren vorwiegend kritischen Wortmeldungen wurde der bisherige Vorstand bis auf Bettina Burghardts tadellose Kassenführung mit klarer Mehrheit nicht entlastet und verzichtete auf eine neuerliche Kandidatur. Hermann Beck, Petra Helmcke, Barbara Michalik und Silke Wollinger-Helwig stellten sich nach kurzem Nachdenken zur Wahl und bilden nun den Vorstand.

Der Förderverein der Esslinger Stadtbücherei

Gründung
 Die Esslinger Buchhändlerin Eva Berndt hat den Förderverein der Stadtbücherei im April 2013 mit Gleichgesinnten aus der Taufe gehoben. Das Motto hieß „Lesen braucht Raum“. Der Verein hat mit dafür gesorgt, dass die Büchereidebatte Fahrt aufnahm.

Standortsuche
2016 übernahm die Sozial- und Politikwissenschaftlerin Professorin Sylvia Greiffenhagen den Vorsitz. Mit ihren Vorstandskollegen hat sie die verschiedenen Standortvorschläge immer wieder an den Bedürfnissen der Bücherei gemessen und sich dafür eingesetzt, dass die Bibliothek bestmögliche Entwicklungsperspektiven erhält.

Vorstandswechsel
 Nach dem Bürgerentscheid 2019 übernahmen Daniel Blank und Annette Silberhorn-Hemminger den Vorsitz des Fördervereins.