Dieser Junge hat Angst, trotz der Frau in seinem Rücken: Adeline Johanna Rüss Foto: Schauspiel Stuttgart/Björn Klein

In Paulus Hochgatterers Stück „Fly Ganymed“ erwacht das Schicksal Flüchtender als faszinierende Grenzüberschreitung zwischen Mensch und Puppe zum Leben.

Stuttgart - Ganz in sich gekehrt steht der Großvater in seiner löchrigen braunen Strickjacke da und erzählt von der alten Frau, die sich auf die Straße gesetzt hat, um den Panzer aufzuhalten. Nur kurz deutet er mit dem Arm das Panzerrohr an, dann versinkt er wieder in seine Innenwelt. Elmar Roloff spielt diesen alten Mann, der schon so viel gesehen hat und einiges davon seinem Enkel mit auf dem Weg geben will. „Wenn Du keine Geschichten in Dir hast, fühlst Du Dich leer“, das soll sich der Enkel merken. Der traut den Geschichten des Großvaters nicht. Bestimmt hat der Soldat die Frau erschossen, das will der Großvater nur nicht erzählen. Denn der Krieg ist allgegenwärtig in diesem Land, das der Enkel verlassen hat. Jetzt ist er auf der Flucht nach Deutschland in einem Lastwagen. Deshalb ist der Großvater auch nur in der Imagination des Enkels präsent, deshalb spricht Roloff auch nicht direkt, sondern steht da, während seine Stimme eingespielt wird.

 

Das ist eine von vielen Irritationen mit denen Regisseur Nikolaus Habjan, Jahrgang 1987, in der deutschen Erstaufführung von „Fly Ganymed“ im Kammertheater arbeitet. Die wohl größte ist allerdings nach wenigen Minuten gar keine mehr: Der Enkel, neun Jahre alt, fasziniert von Computerspielen und seine Angst mit Dauergeplapper übertönend, ist kein Schauspieler, sondern eine Puppe. Genauer: eine lebensgroße Klappmaulpuppe, geführt und gesprochen von Adeline Rüss vom Studiengang Figurentheater der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Und diese Puppe mit den aufgerissenen Augen ist ganz fix kein lebloses Ding mehr, sondern ein Kind, dem wir alle seine Ängste, seine Widerborstigkeit und Bedürftigkeit abnehmen.

Der Soldat und das Mädchen

Das gelingt nicht nur im Zusammenspiel mit einer anderen Puppe, dem Mädchen (geführt von Anniek Vetter), das ebenfalls im Lastwagen in einem der riesigen Pipeline-Rohre steckt, sondern auch im Spiel mit den Menschen. Da gibt es die zynischen Grenzbeamten, die ihre Stempel nicht nur ins Dokument, sondern dem Jungen auch auf den Kopf hauen. Oder den Soldaten, der das Mädchen umkreist und sich nach dem Ausfüllen der Formulare an ihm vergehen wird. Und den LKW-Fahrer und Schlepper (Gábor Biedermann), der den Jungen und das Mädchen manchmal aus der Dunkelheit des Laderaums in die Kabine kommen lässt. Wenn ihm das Geplapper des 9-Jährigen zuviel wird, haut er ihm eben eine runter.

Der österreichische Autor und Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer hat das 90-Minuten-Drama geschrieben. Darin sei viel von den Erfahrungen eingeflossen, die er als Therapeut mit geflüchteten Kindern gemacht hat, so Hochgatterer in einem Interview. Herausgekommen sind Figuren, die alles andere als erwartbar und immer mehr als nur Opfer sind. Wenn es überhaupt eine Schwachstelle gibt in diesem von Momentaufnahme zu Momentaufnahme springenden Stück, ist es das Ende, wo mit dem Gehakel zwischen Polizei und Sozialarbeit in Deutschland noch ein weiterer Schauplatz eröffnet wird. Wobei: Wie gut das Mädchen durchschaut, was der der Junge jetzt unbedingt sagen sollte „Ich will in die Schule“ und wie der Junge genau das Gegenteil davon lautstark äußert, das hat schon wieder seinen eigenen Witz.

Termine: 18. bis 22. Januar (ausverkauft), 14. bis 19. Februar, 21. Februar