Menschen waten durch die überfluteten Straßen eines Ortes in Myanmar Foto: dpa

Wochenlange schwere Monsunregen haben in Myanmar eine Flutkatastrophe ausgelöst. Über 1,6 Millionen Menschen sind betroffen. Hilfsorganisationen fürchten den Ausbruch von Seuchen.

Stuttgart - Erschütternde Nachrichten haben Pfarrer Winfried Maier-Revoredo in den vergangenen Tagen und Wochen erreicht: „So etwas ist in unserem Land noch nie geschehen“, schreibt Joseph Abraham, Pfarrer einer freien christlichen Gemeinde in der Stadt Kalay in Myanmar. Alles, was die Menschen tun könnten, sei, „zu weinen und zu Gott zu beten“, berichtet John Siam Lian, Leiter des christlichen Hilfswerks „Love in Action“, dem deutschen Pfarrer in Stuttgart-Möhringen per Mail.

Myanmar erlebt derzeit eine Flutkatastrophe immensen Ausmaßes: Wochenlange, heftige Monsunregen und ein Wirbelsturm haben zu Überschwemmungen geführt, von denen zwölf der 14 Regionen des Landes betroffen sind. In vier Bundesstaaten wurde der Notstand ausgerufen. Die Einheimischen sprechen der Welthungerhilfe zufolge von der schlimmsten Flut seit 200 Jahren.

Maier-Revoredo hat Myanmar an Pfingsten besucht und hält seitdem per Mail ­Kontakt zu einigen Vertretern der christlichen Minderheit in dem buddhistisch geprägten Staat. Lian und Abraham schickten ihm zahlreiche Fotos von starken Erdrutschen, unpassierbaren, überfluteten Straßen und völlig zerstörten Häusern. „Das hat mich sehr betroffen gemacht“, sagt Maier-Revoredo. Deshalb versucht er jetzt, Menschen auf die Katastrophe aufmerksam zu machen und Hilfe anzustoßen.

Tausende Menschen sind obdachlos und hungrig

Laut den jüngsten Zahlen der Regierung Myanmars sind über 1,6 Millionen Einwohner von den Überflutungen betroffen, mindestens 117 starben. Tausende Hektar Felder sind überschwemmt, was nicht nur vielen Menschen die Existenzgrundlage raubt, sondern die landwirtschaftliche Produktion langfristig beeinträchtigen wird. Abraham berichtet, dass die Preise für Gemüse und Reis bereits stark gestiegen sind. „Tausende Menschen sind obdachlos und hungrig und haben keine Kleider mehr zum Wechseln. Sie tragen immer dieselben nassen Kleidungsstücke, weil sie all ihren Besitz in ihren Häusern zurückgelassen haben“, schreibt er.

Für die christliche Minderheit tue die Regierung gar nichts, kritisiert Lian. „Das ist der Eindruck, der bei den Christen in Myanmar entsteht. Ob das wirklich stimmt, weiß ich nicht“, sagt Maier-Revoredo. Lian bemängelt, dass die Regierung Hilfen für die Flutopfer nicht verteile, sondern teilweise in die eigene Tasche stecke. Maier-Revoredo hat das auch von anderen Menschen im Land gehört: „Deshalb ist es gut, wenn die Unterstützung über regierungsunabhängige Hilfsorganisationen ins Land kommt und verteilt wird, wie etwa über unsere kirchlichen Hilfswerke.“

Hilfsgüter werden angeblich ungerecht verteilt

Die Leiterin der Dialogstelle Brot für die Welt in Myanmar, Ute Köster, schreibt in ihrem Blog aus der Stadt Yangon allerdings: „Die Regierung bekommt Lob von der internationalen Gemeinschaft, denn es gab zum ersten Mal einen Aufruf für internationale Katastrophenhilfe.“ Angeblich starteten Staatsmedien und Telekommunikationsunternehmen Spendenaktionen und informierten ausführlich über die Situation. Von den lokalen Regierungen seien mit Hubschraubern Pakete über den betroffenen Gebieten verteilt worden. „Aber wir hören auch von Kritik, dass die Hilfsgüter ungerecht verteilt würden und die Behörden zu langsam agieren“, so Köster. Sie betont, dass einige Dörfer völlig unerreichbar und Informationen über Betroffene und Schäden daher nur schwer zu ermitteln seien.

Köster berichtet von zahlreichen privaten Hilfsaktionen in den weniger betroffenen Gebieten des Landes: „Die Menschen gehen auf die Straßen und sammeln Geldspenden. Freunde und Bekannte sind privat unterwegs, um Hilfsgüter in die betroffenen Regionen zu transportieren.“ Soziale Medien spielen dabei offenbar eine große Rolle – vieles werde über Facebook und Twitter koordiniert. Auch Pfarrer Maier-Revoredo hat von solchen Aktionen gehört. „Es herrscht eine große Hilfsbereitschaft.“ Er weiß von Christen, die ihr Hab und Gut für ihre betroffenen Landsleute verkauft haben. Allerdings verlaufen die privaten Initiativen sehr unkoordiniert: „In einigen Gegenden gibt es zu viel Reis, in anderen zu wenig. Professionelle Koordination ist dringend notwendig“, schreibt Köster.

Stinkender Schlamm macht Häuser unbewohnbar

Inzwischen sinken die Pegelstände vielerorts wieder. Trotzdem könnten zahlreiche Menschen nicht in ihre Häuser zurückkehren: Brücken und Straßen seien zerstört, Häuser voll mit stinkendem Schlamm, berichtet Abraham. „Nach Aussagen unserer Partnerorganisation kommen einige Menschen, die in ihre Dörfer zurückkehren wollten, zurück in die Stadt, da der Gestank in ihren Häusern nicht auszuhalten ist. Ein Geruch von Matsch, Nässe durchmischt mit dem Geruch von toten Tieren“, schreibt auch Ute Köster in ihrem Blog. „Wo es Überschwemmungen gab, ist das Wasser nicht trinkbar. Selbst wenn man es abkocht, stinkt es“, erzählt Pfarrer Abraham. Internationale und lokale Hilfsorganisationen fürchten nun die Verbreitung von Krankheiten, wie etwa Malaria, Denguefieber und Durchfallerkrankungen. Regierungsangaben zufolge sind durch die Fluten 242 Gesundheitseinrichtungen beschädigt oder zerstört worden.

Das ist nicht die einzige Gefahr, berichtet Köster: „Landrutsch zerstört die Lebensgrundlage vieler Menschen. Einige Dörfer müssen komplett umgesiedelt werden, da eine neue Errichtung ihrer Häuser auf ihrem bisherigen Land zu gefährlich ist.“ Angesichts all dessen wirkt Pfarrer Abrahams Bitte an seinen Kollegen in Deutschland sehr bescheiden: „Bitte vergiss in deinen Gebeten nicht die Opfer der Katastrophe.“

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