Dieses Haus wurde vor einem Jahr bezogen. Ein Mann, seine hochschwangere Frau und ein kleines Kind haben sich in der Flutnacht über das Garagendach auf das Hausdach geflüchtet, von dem sie am Folgetag gerettet wurden. Foto: Heike Schneider

In den Flutgebieten an der Ahr ist die Situation teilweise immer noch verzweifelt, auch wenn das öffentliche Interesse inzwischen nachgelassen hat. Ein Paar aus Göppingen packt ehrenamtlich mit an und mahnt, die Flutopfer nicht zu vergessen.

Göppingen - Viereinhalb Monate ist es her, dass das Ahrtal und das Erfttal von unvorstellbaren Fluten zerstört wurden. 450 Gebäude wurden mitgerissen, mehr als 3700 Häuser mehr oder weniger stark beschädigt. 134 Menschen starben. Mindestens 17 000 Menschen haben ihr Hab und Gut verloren oder erhebliche Schäden erlitten.

 

Während in den ersten Wochen die Helfer strömten, wurde es in den vergangenen Monaten ruhig – auch in den Medien. Dabei ist gerade jetzt die Unterstützung wichtig. Zwei Göppinger, die das erkannt haben, sind Heike Schneider und ihr Mann Michael Schuhbeck. Zweimal sind die Freiwilligen seit Oktober länger im Ahrtal zum Hilfseinsatz gewesen. Die Göppinger haben sich entschieden, bei der Hilfsorganisation „Dachzeltnomaden“ mitzumachen. Das ist eine Internet-Community, die eigentlich eine Begeisterung für das Campen auf Autodächern teilt, die aber sehr schnell vor Ort waren. Sie sind inzwischen zu einer tragenden Säule der Hilfe geworden und jeden Tag im Katastrophengebiet im Einsatz.

Häuser im Rohbauzustand

So bestückten Heike Schneider und Michael Schuhbeck ihr Wohnmobil mit allem möglichen Werkzeug und fuhren nach Rupperath. „Das ist ein Dorf oberhalb der stark flutgeschädigten Orte Schuld und Insul an der Ahr, dort haben die Dachzeltnomaden ihr Basiscamp“, berichtet Schneider. Teil des Camps ist auch eine alte Schule, die Sanitätseinrichtungen, Küche, Materiallager und anderes beherbergt. „Ich ließ mich dem Küchenteam zuteilen, mein Mann fuhr auf die täglich wechselnden Baustellen“, sagt Heike Schneider. „Von den Bauarbeitern wird hauptsächlich Putz von den Wänden gestemmt und Dämmungen sowie Estriche entfernt. Denn die überfluteten Häuser müssen im betroffenen Bereich – das sind häufig der Keller, das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss – komplett in den Rohbauzustand zurückversetzt werden, damit die Wände und Böden austrocknen können. Häufig müssen Leichtbauwände komplett demontiert werden, da sich das Material zu einer weichen Masse aufgelöst hat. Der Schlamm sitzt in allen Fugen, auch in den Hohlprofilen der Fenster. Daher ist Schimmel inzwischen sehr häufig anzutreffen“, erklärt die Göppingerin. „Wir waren erschrocken, wie viel dort immer noch zu tun ist. Immer noch stellt sich bei dem einen oder anderen Haus heraus, dass es doch noch abgerissen werden muss. Ein großes Problem sind von Heizöl durchtränkte Mauern.“

Hauseigentümer sind teilweise noch immer traumatisiert

Ihr Fazit: „Die Flutgebiete sind immer noch dringend auf die freiwilligen Helfer angewiesen. Denn selbst wenn ein Hausbesitzer versichert war – das hilft ihm nichts, wenn er keine Handwerker bekommt. Und das wird leider auch noch eine Weile so bleiben.“ Außerdem berichtet die Göppingerin: „Manchmal sind die Besitzer so traumatisiert, dass sie keine Kraft mehr haben, etwas anzupacken. Wie die junge Familie, die kurz nach der Flut angetroffen wurde und mit Zahnbürsten Legosteine geputzt hat“, erzählt Heike Schneider. „Haus und Garten und waren noch vollständig vermüllt, mit Treibgut und Schlamm überzogen. Alles Gerät und sonstiges Hab und Gut war von der Flut weggespült oder unbrauchbar geworden. Wie soll da eine Familie mit kleinen Kindern, die grade eben auf dramatische Weise überlebt hat, wissen wo und vor allem wie sie anfangen soll?“ Andere seien zu alt oder zu gebrechlich um selbst anzupacken. Deshalb ist auch der psychologische Effekt der Hilfseinsätze wichtig: „Wenn ein Trupp von 15 bis 20 hoch motivierten Helfern mit Schutzausrüstung, adäquatem Gerät, Generatoren und so weiter anrückt, dann sieht man sehr schnell Fortschritte, und die Betroffenen bekommen wieder Zuversicht.“ Das Küchenteam halte derweil nicht nur die Helfer mit gutem Essen bei Laune, sondern versorge auch die Bewohner des schwer betroffenen Örtchens Insul jeden Tag mit einer warmen Mahlzeit. Ein Team wartet und repariert die Geräte, kümmert sich um Logistik, Material, Sicherheitsausrüstung, Fahrzeuge, Zelte, Schlafplätze und Ähnliches.

Helfer schlafen in Zelten und Matratzenlagern

Das gesamte Camp wird durch Spenden von Privatleuten und Firmen unterhalten. Neuerdings, seit die Dachzeltnomaden als offizielle Hilfsorganisation anerkannt sind, auch von „Deutschland hilft“. Von den Spenden werden Material, Werkzeug, Sprit für die Fahrzeuge und Generatoren, Bautrockner sowie Schutzausrüstung gekauft. Die hart gesottenen Dachzeltnomaden nächtigen teils immer noch in ihren Dachzelten. Für Helfer ohne Dachzelt oder Wohnmobil gibt es ein Matratzenlager in der alten Schule, sowie beheizbare Mannschaftszelte und ein paar Wohnwagen, erklärt die Göppingerin, sagt aber auch: Während viele Dachzeltnomaden immer wieder ins Flutgebiet kommen, würden andere Helfercamps abgebaut oder reduziert. Schneider berichtet, dass im Ahrtal mit Hochdruck an der Wiederherstellung der Infrastruktur wie Wasser und Abwasser, Straßen und Brücken gearbeitet werde, auch wenn die unvorstellbare Zerstörung viele große Probleme bereitet.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Hilfsaktion für Flutopfer gestartet

Bei den betroffenen Privathäusern gehe es noch langsamer voran. „Viele Betroffene haben noch keine Heizung, und man kann auch noch keine einbauen, denn es muss ja erst noch alles trocknen.“ So wohnen viele Menschen praktisch in Rohbau-Häusern oder Flutruinen. Andere sind bei Verwandten oder in Ferienwohnungen untergekommen. Wieder andere hausen in Wohnwagen oder Garagen auf ihren Grundstücken.

„Es ist essenziell, dass sich weiterhin genügend Helfer finden, die beim Trockenlegen helfen. Jede Hand wird gebraucht, ganz besonders auch Handwerker“, aber auch Köche für die Helfer-Camps und Psychologen für die traumatisierten Betroffenen. „Die Geschichten, die sie zu erzählen haben, sind erschütternd“, sagt Heike Schneider.

Zu Weihnachten ein Zeichen der Solidarität

Plätzchen-Aktion
 Um den Flutopfern auf Weihnachten hin zu signalisieren, dass sie nicht vergessen sind, möchte Heike Schneider eine Weihnachts-Gutsles-Aktion starten. Die Dachzeltnomaden haben sich bereit erklärt, neben dem Essen zum dritten Advent auch noch gespendete Gutsle auszuteilen. Wer Plätzchen spenden will: GutsleAhrtal@hotmail.com

Hilfsbereitschaft
Heike Schneider sagt: „Generell ist schön zu sehen, wie auch in der heutigen Zeit eine derart riesige Welle der Hilfsbereitschaft entstehen kann.“ Die Göppingerin berichtet von vielen Beispielen ehrenamtlichen Einsatzes.

Weitere Hilfsaktionen
Heike Schneider verweist auf Infos über Hilfsaktionen: https://dachzeltnomaden.com /dachzeltnomaden-hilfsaktion/ sowie https://www.focus.de/perspektiven/flutreporter.