Holger Gorshöfer und Markus Bembenek (v.l.) auf dem Stuttgarter Tower. Foto: kell

Fluglotsen am Stuttgarter Flughafen meistern täglich über 100.000 Flugbewegungen. Doch wie wird man eigentlich Fluglotse und welche Herausforderungen birgt der Job?

Beim Start zu einer Flugreise denkt wohl kaum einer darüber nach, welch komplexen Vorgänge im Hintergrund ablaufen, damit der Flieger sicher starten, fliegen und dann auch wieder landen kann. Ein wichtiges Rad im komplexen Getriebe eines Flughafens ist die Flugsicherung: Ohne das ok der Fluglotsen lässt eine Maschine weder die Triebwerke an, noch rollt sie zur Startbahn, und ohne Freigabe durch den Tower darf sie auch nicht abheben.

 

Am Flughafen Stuttgart kontrollieren die Lotsen im 1995 erbauten Tower in Filderstadt-Bernhausen jährlich mehr als 100 000 Flugbewegungen. Doch die Flugsicherung gehört nicht direkt zum Airport: Der Flughafen betreibt den Platz, die DFS Deutsche Flugsicherung GmbH kontrolliert die Bewegungsflächen am Boden und den Luftraum im Nahbereich des Flughafens.

Tower in Stuttgart: Sicherheit und Kontrolle bei jedem Start und Landung

Dabei ist der Tower für den Rollverkehr sowie die Starts und Landungen zuständig. „Wir übernehmen neben der An- und Abflugkontrolle auch die Sicherheit und Staffelung des Luftverkehrs“, sagt Markus Bembenek, der als Leiter verantwortlich ist für die Tower an den Flughäfen Stuttgart und Nürnberg.

Der Tower am Flughafen Stuttgart. Foto: kell

Flugzeuge haben den Tower-Chef schon immer fasziniert. Doch er wollte nicht Pilot werden. Nach dem Betriebswirtschaftsstudium arbeitete Bembenek ab 2003 auf Stabsstellen bei der Deutschen Flugsicherung am Hauptsitz in Langen bei Frankfurt. 2012 wurde ihm die Leitung des Towers in Nürnberg übertragen und seit 2023 ist er zusätzlich Tower-Chef in Stuttgart.

Vielfältige Aufgaben: Management zwischen Franken und Bernhausen

„Das bringt es mit sich, dass ich viel auf der Autobahn bin“, erzählt der 55-Jährige, der mit seiner Familie weiterhin in Franken lebt und an mehreren Wochentagen die Geschäfte in Bernhausen führt. Das Aufgabenfeld ist vielfältig: Vom Controlling, langfristiger Personalplanung und der Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat erstrecken sich die Aufgaben im Management bis hin zur Arbeitssicherheit und der Überwachung der Technik.

Zudem sorgt Bembenek dafür, dass die Zusammenarbeit mit den Schnittstellen Flughafen, Regierungspräsidium und militärischen Einrichtungen reibungslos funktioniert. Die vielfältigen und anspruchsvollen Aufgaben bei der Flugsicherung kommen dem Manager sehr entgegen: „Ich bin breit aufgestellt, kümmere mich gerne um viele Dinge, und das Lösen von Problemen gehört zu meinen Kernkompetenzen“.

Kontrollzone Stuttgart: Präzise Überwachung des Luftraums

Im Stuttgarter Tower wird der Flugbetrieb auf dem Flughafen sowie die sogenannte Kontrollzone des Flughafens überwacht. „Dieser Bereich ist etwa 10 km breit, 40 km lang und erstreckt sich bis zu einer Höhe von 900 Metern“, erklärt Bembenek. Verlässt ein Flugzeug diesen Sektor, wird es an die Centerlotsen übergeben, die den überregionalen Luftverkehr kontrollieren. Sie arbeiten in der Kontrollzentrale Langen, eine von vier durch die DFS betriebenen Zentralen zur Überwachung des deutschen Luftraums.

Im internationalen Flugverkehr wird ständig an der Optimierung der Abläufe gearbeitet. Um Missverständnisse zwischen Fluglotsen und Piloten zu vermeiden, ist beispielsweise der Sprechfunk, der in der Regel in englischer Sprache abläuft, normiert. Und jedes besondere Ereignis im Luftverkehr wird detailliert analysiert. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen fließen dann in die Vorschriften und Arbeitsabläufe ein. Dadurch wird der Flugverkehr immer sicherer.

Bembenek sorgt für Pausen und Regeneration der Fluglotsen

Besonders wichtig ist Markus Bembenek, stets für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ansprechbar zu sein. Er weiß um den Stress der Fluglotsen, die im Drei-Schichtbetrieb rund um die Uhr im Einsatz sind. Um die Konzentration hochzuhalten, müssen die Lotsen während der Schicht alle zwei Stunden eine Pause einlegen, die bezahlte Arbeitszeit sind. Und auch die Kosten der regelmäßigen Regenerationskuren, die dem Erhalt der Arbeitsfähigkeit dienen, werden von der DFS übernommen.

Eine wichtige Funktion haben im Tower die Supervisoren. Zu ihren Aufgaben gehören übergeordnete Tätigkeiten wie vor Ort den Flugbetrieb und die Koordination der bodennahen Tätigkeiten zu überwachen. Überdies umfasst ihr Verantwortungsbereich die Personal- und Schichtplanung, der Kontakt zu Wetterdienst und Feuerwehr sowie die Koordination bei Störungen oder Notfällen.

„Unkenntnis und Gedankenlosigkeit der Drohnenpiloten gefährden Luftraum“

Eine besondere Herausforderung sind seit einiger Zeit Drohnenflüge. Zwar sind am Flughafen Stuttgart noch keine Spionagedrohnen gesichtet worden, doch private Drohnenpiloten machen auch hier den Luftraum unsicher. Die kleinen Drohnen sind auf dem Radar nicht zu sehen: Zumeist werden sie von den Piloten der anfliegenden Maschinen gemeldet. „Oft sind es die Unkenntnis und Gedankenlosigkeit der Akteure, die große Probleme bereiten“, betont Supervisor Holger Gorshöfer. „Mit etwas Einsicht wären teure Aktionen wie Polizei- und Hubschraubereinsätze, Luftraumschließungen und Umleitungen von Maschinen auf andere Flughäfen leicht zu vermeiden“.

Wie wird man Fluglotse?

Auswahl
Die Bewerber - sie benötigen die Allgemeine Hochschulreife und dürfen maximal 24 Jahre alt sein - absolvieren zunächst bei der DFS Deutsche Flugsicherung einen Online-Vortest, bei dem bereits etwa 80 Prozent ausgesiebt werden. Wer besteht, erreicht die Praxistests im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Hamburg. Dort werden räumliches Vorstellungsvermögen, Stressresistenz, Konzentrations- und Merkfähigkeit, Entscheidungsfreude und Englischkenntnisse geprüft. In einem weiteren Schritt folgen Tests zur Teamarbeit, ein Englischinterview sowie medizinische Untersuchungen.

Theorie
Nach erfolgreicher Eignungsfeststellung beginnt die rund einjährige Theorieausbildung an der Flugsicherungsakademie in Langen. Sie beinhaltet auch Simulator-Training als Tower- oder Centerlotse. Anschließend beginnt die Praxisphase am späteren Einsatzort - also entweder im Tower oder in einem der vier Kontrollzentren der DFS.

Praxis
Beim „On-the-Job“-Training führen die angehenden Fluglotsen unter Aufsicht eines Instruktors über zwölf bis 18 Monate praktische Tätigkeiten durch: Anweisungen an die Piloten, Flugzeuge staffeln, Konflikte früh erkennen, mehrere Maschinen gleichzeitig managen und den Funk- und Radarkontakt im Blick haben.

Verdienst
Den etwa fünf Prozent aller Bewerbern, die die anspruchsvollen Prüfungen und Tests erfolgreich absolviert und die abschließende Lizenzprüfung bestanden haben, winkt ein attraktives Gehalt. Während sie in der Ausbildungsphase zwischen 1 500 und 4 500 Euro monatlich erhalten, verdient ein Fluglotse, je nach Erfahrung, zwischen 8 000 und 12 000 Euro brutto. Hinzu kommen Schicht- und Nachtdienstzuschläge. kell