Invasion der Billigflieger: Easyjet-Maschinen nehmen jetzt auch Kurs auf Stuttgart. Konkurrent Ryanair rückt im April nach Foto: dpa

Die Flaute ist vorbei. Nach zwölf Jahren beginnt am Flughafen Stuttgart eine neue Phase von Billigflügen. Easyjet ist schon kurz vor dem Start. Deutschland-Chef Thomas Haagensen verspricht sich viel vom neuen Markt.

Stuttgart - Auf der Fliegerei liegt ein Schatten. Seit in Frankreich der Airbus der Lufthansa-Tochter Germanwings mit 150 Insassen zerschellte, denken die Menschen besorgt über die Gefahren des Fliegens nach. Zumindest vorläufig. Just in dieser Phase geht die Billigfluggesellschaft Easyjet nun auch in Stuttgart an den Start, will sie Menschen in Baden-Württemberg an Bord ihrer Airbus-Maschinen holen.

„Ein schlimmes, bedauerliches Ereignis. Trotzdem geht es weiter, bei uns und allen anderen Airlines auch“, sagt Thomas Haagensen, Deutschland-Chef von Easyjet, am Donnerstag. Die Nachfrage nach Tickets sei nur am Dienstag, nachdem der Absturz bekannt geworden war, zurückgegangen. Danach habe sie sich schnell stabilisiert.

Der A 320, der durch den Absturz ins Gerede kam und der auch in der Easyjet-Flugzeugflotte stark vertreten ist, sei im weltweiten Flugverkehr vielleicht das sicherste Flugzeug überhaupt, sagt Haagensen etwa zu der Zeit, als erste Meldungen auftauchen, der Germanwings-Airbus sei vom Copiloten wohl absichtlich gegen ein Bergmassiv gelenkt worden.

"Unsere Sicherheitsstandards sind hoch"

Ob Easyjet nur mit gut ausgebildetem, eigenem ständigen Personal arbeite oder auch mit angeheuerten Aushilfspiloten? „Unsere Sicherheitsstandards“, sagt Haagensen, „sind sowohl für die Maschinen wie auch für die Crews sehr hoch.“ Aus eigenem Antrieb übertreffe Easyjet die Regeln in der stark regulierten Luftfahrtbranche noch.

Dass Easyjet in der Branche eine große Nummer ist, steht außer Frage. Die Flotte umfasst rund 200 Airbus-Maschinen. Für 2015 ist ein Wachstum der Passagierzahl um fünf Prozent geplant. Und mit Stuttgart nimmt man den achten deutschen Flughafen in den Flugplan.

Easyjet wolle hier die Nummer 1 oder mindestens die Nummer 2 werden, sagte Flughafenchef Georg Fundel, in dessen Statistiken noch Germanwings mit gut 30 Prozent Passagieranteil ganz oben rangiert, vor kurzem. Das macht sich Haagensen so nicht zu eigen. Im Hamburg und Berlin sei Easyjet zwar die Nummer 2. Dort hat man aber auch größere Basen aufgebaut und in der Hauptstadt jetzt neun Flugzeuge stationiert.

Easyjet: Der Standort Stuttgart

In Stuttgart werden auf absehbare Zeit keine Maschinen stationiert und mit eigenem Personal am Ort betreut werden. Hierher wird Easyjet von Sonntag an, wenn der Sommerflugplan in Kraft tritt, auf drei Strecken einfliegen und wieder wegfliegen: von den Basen London-Gatwick, Mailand-Malpensa und von Porto in Portugal. Nach London fliegt man zwölfmal pro Woche, nach Mailand sechsmal und nach Porto zweimal.

Stuttgart in den Flugplan zu nehmen, sei für Easyjet auf jeden Fall sinnvoll. Das Produkt und der Markt mit einem großen Potenzial von Geschäftsfliegern würden zusammenpassen. Die Kunden von Easyjet seien schon zu über 20 Prozent Geschäftsflieger.

Stuttgart könne auch mit einem beachtlichen Anteil von Fluggästen rechnen, die in den Räumen London, Mailand und Porto daheim sind. „Wir können den Zulauf für Stuttgart im Ausland stimulieren“, verspricht Haagensen.

80 Prozent der Sitze gebucht

Die Auslastung der ersten Flüge am Sonntag sei ein gutes Zeichen, meint er. Nach Stuttgart und zurück nach London seien drei Tage zuvor bereits über 80 Prozent der Sitze gebucht. Gerechnet wird in den ersten zwölf Monaten mit etwas über 250 000 Passagieren. Man werde genau beobachten, wie sich die drei Strecken entwickeln und werde die Kenntnisse des Stuttgarter Markts vertiefen – um dann über weitere Verbindungen zu entscheiden. Aber auch die würden zunächst aus Basen in anderen Städten eingerichtet. Davon hat Easyjet im Moment 27 in ganz Europa.

Darunter soll auch der Flughafen Basel/Mühlhausen bleiben, der 267 Kilometer und rund 160 Autominuten von Stuttgart entfernt ist. 25 Prozent der dortigen Kunden kämen aus Baden-Württemberg, sagt Haagensen, in der Regel nähmen die Kunden aber auch nur eine bis zu 60-minütige Anfahrt mit dem Auto in Kauf. Es sei denn, in der größerer Entfernung fänden sie attraktivere Flugziele vor. Easyjet habe als wichtigste Fluggesellschaft in Basel/Mühlhausen einen Marktanteil von 50 Prozent und wolle das nicht aufgeben. „Das geht beides, Basel/Mühlhausen und Stuttgart“, sagt Haagensen, der aus der Schweiz stammt.

Schon am 2. April wird sein Unternehmen in Stuttgart Gesellschaft von einem anderen Billigflieger erhalten: Die irische Ryanair startet dann mit sechs Flügen pro Woche nach Manchester (England). Auch ihr Engagement ist von der Flughafengesellschaft als eine Art von Versuchsballon eingestuft worden, dem bei einem Erfolg weitere Aktivitäten folgen könnten. Die Flughafenchefs glauben daran. Sie erwarten sich auf längere Zeit durch die Billigflieger ein etwas dynamischeres Wachstum. So stürmisch wie im heißen Jahr 2003, als mehrere Billigflieger einschließlich Germanwings großes Wachstum auslösten, wird es aber wohl nicht.

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