Ein Körperscanner kann verdächtige Gegenstände erkennen – an Kontrollstellen werden so Verdachtsfälle aufgespürt. Foto: Maks Richter

In den Sicherheitsbestimmungen am Flughafen geht es um Handgepäck und Herzschrittmacher. Doch was ist mit Frauen nach überstandenem Brustkrebs? Die Bundespolizei ist mit einem ungewöhnlichen Fall konfrontiert.

Stuttgart - Da steht sie nun in der Sicherheitskontrolle, entkleidet, ohne BH – und unter Verdacht, womöglich Sprengstoff in ein Flugzeug schmuggeln zu wollen. Noch nie ist der 64-jährigen Frau passiert, dass sie vor einer Flugreise ihre Brust untersuchen lassen muss, eine Brust, die es nach einer Krebsoperation seit 2011 nicht mehr gibt. „Eine schreckliche Situation“, sagt die Betroffene über eine Kontrollaktion am Dienstag am Stuttgarter Flughafen. Müssen Passagiere mit Prothesen mit peinlichen Leibesvisitationen rechnen?

Die Frau aus Schlaitdorf im Kreis Esslingen freut sich am Dienstagvormittag auf einen zweiwöchigen Urlaub in Portugal. Die Eurowings-Maschine nach Faro wird drei Stunden unterwegs sein, das Wetter dort ist prächtig. „Eine Flucht aus dem Winter“, sagt sie. Und raus aus der Düsternis: Die 64-Jährige gehört zu jenen Frauen, denen die Diagnose Brustkrebs gestellt wurde – mit 69 000 Neuerkrankungen jährlich die häufigste Krebserkrankung bei Frauen in Deutschland. Die linke Brust ist amputiert, all die Jahre habe sie aber gut damit leben können. Mit Urlaubsreisen, europäische Flugreisen inklusive.

Für die Betroffene ein entwürdigendes Erlebnis

An der Sicherheitskontrolle des Stuttgarter Flughafens erlebt sie lange Schlangen und gründliche Durchsuchungen. Nichts Ungewöhnliches – doch dann kommt es zur Leibesvisitation. Die Sicherheitsbedienstete tastet die Brust der 64-Jährigen ab. „Sie tatschte an meine linke Brustprothese und fragte mich, was dieses sei“, beschreibt die Betroffene den Vorgang. Anschließend wurde die Passagierin aufgefordert, in eine Kabine zu gehen.

Sicherheitsbestimmungen am Flughafen beschreiben viele Regeln für das Handgepäck. Flüssigkeiten etwa, die in höchstens 100-Milliliter-Rationen in einen durchsichtigen Ein-Liter-Kunststoffbeutel gepackt werden dürfen. Medikamente, deren Bedarf mit einem Attest nachgewiesen werden soll. Für Brustprothesen mit Silikonfüllung hat die 64-Jährige noch keine Regel gefunden – „bisher war das nie ein Thema“, sagt sie. Vielleicht ist es auch der Ton und der Auftritt des Sicherheitspersonals. Eine zweite Mitarbeiterin fordert sie auf, ihren BH auszuziehen. Dann sollte sie ihre Brustprothese entfernen, um sie auf Sprengstoff untersuchen zu können. Die Frau ist geschockt. „Wenn man mir vielleicht die Hintergründe erklärt hätte, vielleicht freundlich um Verständnis gebeten hätte“, sagt die Betroffene. Es habe aber keine Erklärungen gegeben.

„Für mich war das entwürdigend.“ Nach der Überprüfung sei ihr die Prothese wieder zurückgegeben worden mit der Anmerkung, dass sie sich wieder anziehen könne. Was mit einer selbstklebenden Prothese freilich nicht so einfach sei, sagt die Betroffene. Sie habe diese in den BH gestopft. Weil sie ihre Maschine nicht verpassen wollte, habe sie sich Worte der Kritik erspart.

Flughafen-Betreiber erwartet „höflichen Umgang“

Die Flughafen-Gesellschaft „bedauert den Vorfall“, ohne in diesem speziellen Fall aber etwas sagen zu können. „Wir haben den Vorgang zuständigkeitshalber an die Bundespolizei weitergegeben“, sagt Flughafen-Sprecherin Beate Schleicher. Der Flughafen bekomme immer wieder Anfragen zu Sicherheitsbestimmungen im gesundheitlichen Bereich, die aber an die Polizeibehörde weitergegeben werden müssten. „Allgemein gesagt erwarten wir von unseren Partnern, dass sie mit den Besuchern und Fluggästen grundsätzlich höflich umgehen“, sagt die Sprecherin.

Bundespolizei überprüft nun den Vorgang

Die Kontrollen werden von einem privaten Sicherheitsunternehmen abgewickelt – im Auftrag der Bundespolizei. „Wir werden jetzt den Vorgang prüfen und schauen, ob da alles korrekt abgelaufen ist“, sagt Saskia Bredewald, Sprecherin der Bundespolizeiinspektion Flughafen. Es gebe für Verdachtsfälle bestimmte Anweisungsverfahren für das Personal. Dazu müssten die Beteiligten erst noch gehört werden. „Mit Ergebnissen und Erkenntnissen ist aber erst nächste Woche zu rechnen“, sagt Bundespolizeisprecherin Bredewald.

Die 64-Jährige genießt derweil noch die Sonne und die Landschaft in Portugal. Ende März wird sie allerdings wohl mit einem mulmigen Gefühl zurückkehren. „Meinen Rückflug werde ich nun ohne die Prothese antreten“, sagt die Schlaitdorferin. „Das ist etwas einseitig, aber das mache ich nicht noch einmal mit.“

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