Die Stuttgarterin Renate Mallwitz hat ihren Koffer zurück aus Berlin – nach gut zwei Wochen Foto: Lichtgut/Horst Rudel

Zwei Wochen hat es gedauert, bis eine Stuttgarterin nach ihrem Flug von Stuttgart nach Berlin ihren Koffer wieder hatte. Rund 450 Koffer stehen noch immer herrenlos auf dem Flughafen Berlin-Tegel rum.

Stuttgart - „Ich hab’ noch einen Koffer in Berlin“, sang einst Hildegard Knef wehmütig. Renate Mallwitz packt der Zorn, wenn sie an ihr Gepäck in Berlin denkt. Das ging am 31. März auf dem Flughafen Berlin-Tegel verschütt. Erst nach zwei Wochen brachte ein Zusteller der Stuttgarterin ihren Koffer aus Berlin nach Hause.

Und noch immer stehen am Flughafen Berlin-Tegel rund 450 herrenlose Koffer rum. Der Grund, dass die Germanwings-Passagierin und viele Fluggäste auch anderer Airlines nicht an ihr Gepäck kamen: Wegen des Sturms Niklas konnten die Flugzeuge ab 16 Uhr zehn Stunden lang weder be- noch entladen werden.

„Die Gefahr war zu groß, dass Gepäck durch die Gegend wirbelt oder die Ladeklappen abgerissen werden“, sagt eine Sprecherin von Wisag. Das Unternehmen ist Dienstleister für Flughäfen und in Berlin unter anderem für die Gepäckermittlung zuständig.

Am 31. März blieben mehr als 5000 Koffer stehen

Aufgrund der Vorsichtsmaßnahme blieben am 31. März mehr als 5000 Koffer auf dem Flughafen stehen oder wurden zwischen Städten wie Istanbul, Paris, London hin und her geflogen. Denn starten durften die Maschinen trotz des Sturms – und das taten sie mit dem Gepäck der Passagiere an Bord, die in Berlin-Tegel ausgestiegen waren.

5000 herrenlose Koffer: Das ist laut Wisag das 30-Fache eines durchschnittlichen Tags. „Auf dem Flughafen war totales Chaos. Die Mitarbeiter der Fundstelle waren völlig überfordert“, erinnert sich die Stuttgarterin an ihre Ankunft auf dem Flughafen Tegel. Die Unternehmenssprecherin räumt ein: „So was hat es hier noch nicht gegeben.“

Nur 30 Mitarbeiter waren da, um die Verlustmeldungen der vielen kofferlosen Passagiere in den Computer einzugeben. Um das Prozedere zu beschleunigen, haben die Passagiere ihre Angaben zum Gepäck handschriftlich auf Zetteln gemacht. Die wurden dann später von den Mitarbeitern in den Computer übertragen.

Auch mit doppelt so vielen Mitarbeitern rissen die Probleme nicht ab

Auch als die Mitarbeiterzahl verdoppelt wurde und bei der Suche nach dem herrenlosen Gepäck die Kollegen in Stuttgart eingeschaltet waren, rissen die Probleme nicht ab. Da die Passagiere nicht alle in Berlin geblieben, sondern weiter geflogen seien, sei die Zuordnung und Zustellung des Gepäcks ausgesprochen schwierig. „Manche Fluggäste haben gar keine Angaben zu ihrem Gepäck gemacht, sondern sind gleich weitergeflogen“, stellt die Wisag-Sprecherin fest.

Renate Mallwitz ist in Berlin geblieben. Da die Hotline dauerbesetzt war, fuhr sie dreimal zum Flughafen, um zu erfahren, wo ihr Koffer ist und wann sie ihn bekommt. Vor dem Tresen haben sich nach ihren Schilderungen die Leute gedrängt. „Nach einer Stunde bekam nur eine Frau ihren Koffer zurück“, sagt die 64-Jährige.

Die pensionierte Lehrerin vermutet, dass das Kofferchaos auch damit zusammenhängt, dass Wisag mit einem neuen Subunternehmer zusammenarbeitet und die Mitarbeiter noch unerfahren sind. Die Unternehmenssprecherin führt die Situation darauf zurück, dass der Flughafen seit langem an den Grenzen seiner Belastbarkeit angelangt sei.

Mallwitz’ Koffer ist hin und her geflogen

Dass noch immer rund 450 Koffer auf dem Flughafen stehen, erklärt sie damit, dass noch immer Gepäckstücke eintreffen, die hin und her geflogen sind, und die Besitzer, die „weiß Gott wo leben“, nicht erreicht werden können.

Auch Mallwitz’ Koffer ist hin und her geflogen. An den Banderolen erkennt sie: „Er war in Stuttgart, kam zurück nach Berlin und wieder nach Stuttgart.“ Wie viele andere Fluggäste musste sie sich Wäsche, Socken und Oberbekleidung kaufen. Mit den Fahrten zum Flughafen belaufen sich ihre Ausgaben auf 200 Euro.

Nun fürchtet sie, dass die Kosten nicht erstattet werden. „Wenn sie die Anschaffungen per Quittung belegen kann, dürfte es keine Probleme geben“, so ein Sprecher von Germanwings.

In Stuttgart hat es laut einer Flughafensprecherin keine größeren Probleme wegen des Sturms Niklas gegeben.

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