Fast fertig: Der Rohbau der Flugfeldklinik vom Langen See aus betrachtet. Foto: Stefanie Schlecht

Auch wenn die Hülle in Rekordzeit entstanden ist, kommen die Probleme auf das Mega-Projekt erst noch zu: Firmen, die den Innenausbau bewerkstelligen, sind rar. Hinter den Gesamtkosten und dem Fertigstellungstermin stehen noch einige Fragezeichen.

Wer Böblingen in Richtung Dagersheim verlässt, dem bleibt es nicht verborgen: Im Westen der Stadt tut sich Neues. Entlang der Calwer Straße ist in den vergangenen Monaten ein mehr als 200 Meter langer Gebäuderiegel aus dem Boden geschossen. Die Flugfeldklinik – die größte Baustelle im Kreis Böblingen und gleichzeitig das teuerste Bauvorhaben, das der Landkreis je unternommen hat – nimmt Form an. Der Rohbau nähert sich der Fertigstellung, die Dimensionen des 700-Betten-Haus sind nun sichtbar.

 

Höchstgeschwindigkeit

Gerade mal ein Jahr ist es her, dass die Rohbauer die ersten Fundamente für die Klinik ins Erdreich betoniert haben, nun steht bereits die Außenhaut des Gebäudes. Die bis zu 200 Bauarbeiter der türkischen Firma Emer, die als Subunternehmer für den Rohbau verantwortlich ist, leisten ganze Arbeit: In nur zwölf Monaten haben sie den 220 Meter langen und 140 Meter breiten Komplex aus dem Boden gestampft. 90 Prozent des Betons sind gegossen, 95 Prozent des Stahls verbaut, die Gebäudehöhe ist erreicht. Im Mai werden die letzten Arbeiten erledigt sein. Exakt so, wie es der Plan vorsieht. Der Trupp aus Istanbul hat eine Punktlandung hingelegt und zieht dann weiter.

Wasser in den Wein Ein Auftakt nach Maß, der Landrat Roland Bernhard Respekt abnötigte, als er jetzt zur Baustellenbesichtigung einlud. Allerdings bereitet das Riesenprojekt dem obersten Bauherren auch einige Sorgen: „Ich muss leider Wasser in den Wein eingießen“, gestand Roland Bernhard. Denn eines ist jetzt schon klar: Für den kalkulierten Preis von 573 Millionen (hinzu kommen noch 80 Millionen für das Verwaltungshochhaus, das gerade separat gebaut wird) gibt es diese Klinik nicht. „Es werden eher 630 bis 640 Millionen“, schätzte der Landrat. Die ursprünglichen Preiskalkulationen stammen aus anderen Zeiten – als es noch keinen Krieg in Europa gab, Phänomene wie Energiekostenexplosionen, Lieferkettenengpässe und Inflation noch nicht zum Alltag zählten. Einen seriösen Preis möchte der Landrat erst dann nennen, wenn über die Hälfte der Arbeiten am Neubau vergeben worden sind. Dass der Landkreis diese Summe nicht so einfach aus dem Ärmeln schütteln kann ist klar. Neben einer erweiterten Kreditaufnahme steht der Verkauf der einen oder anderen Immobilie zur Debatte.

Ruhe im Rohbau? Auch der Baufortschritt macht Probleme. Denn wenn die Rohbauer die Baustelle im Frühjahr verlassen, ist noch nicht klar, ob dann die Handwerker sofort übernehmen. „Die Vergaben sind schwierig“, räumte Roland Bernhard ein. Unter Dach und Fach sind die Elektro- und Kabelarbeiten. Diese beginnen im April. Danach könnte jedoch durchaus mal Ruhe am Bau einkehren, weil die Fachfirmen fehlen oder die Angebote zu teuer sind. Noch nicht einmal die Hälfte der Arbeiten ist vergeben. Dass es zu Verzögerungen kommen wird, ist bereits jetzt ziemlich sicher. Statt wie geplant im Jahr 2025, könnte es sein, dass die ersten Patienten erst 2026 in der Klinik versorgt werden. Denn bei zwei Dingen möchte der Landkreis keine Abstriche machen: an der hohen Qualität und der Wirtschaftlichkeit. Diese müssten im Vordergrund stehen, versicherte Roland Bernhard. „Wir werden nicht um jeden Preis bauen“, betonte er.

Wie das Brandenburger Tor Es ist bitter kalt und die Schneeflocken tanzen vom Himmel. Hoch über Böblingen haben die Rohbauer dennoch die Pumpen angeworfen und betonieren die Decken des Nordflügels. Ein wildes Geflecht aus hunderten Armierungseisen streckt seine stählernen Enden in den Himmel, sechs Kräne drehen sich über der Baustelle, der Beton fließt. Der südliche Bereich des Komplexes entlang der Calwer Straße ist bereits fertiggestellt. 26 Meter über der Stadt endet dort das vierte Geschoss der Klinik, die damit genau so hoch ist wie das Brandenburger Tor in Berlin. An einer Stelle geht es noch einige weitere Meter in die Höhe. Oberbauleiter Christoph Rückle zeigt auf ein gezacktes Rondell, das noch von zig Stützen gehalten wird und mitten auf dem Gebäude steht. Dort wird in Zukunft der Rettungshubschrauber landen.

Raum für die Medizin Die Etage darunter haben die Rohbauer schon lange verlassen. Da, wo später einmal die OP-Teams arbeiten, wird die ganze Dimension dieses Bauwerks sichtbar: Riesige Flächen, die nur ab und an von Betonpfeilern durchbrochen sind, machen deutlich, dass hier die Medizin in Zukunft jede Menge Raum findet. 13 Operations-Säle werden auf dieser Ebene eingerichtet. Auf der gegenüberliegenden Seite spreizen sich fingerartig die Gebäude in Richtung See: der Trakt, in dem einmal die Zimmer für 700 Patienten entstehen. Durchblick nach unten gibt es über großflächige Lichthöfe. Ganz unten erstreckt sich die Hauptverkehrsader der Klinik. 180 Meter lang zieht sich die so genannte Magistrale im Erdgeschoss von Ost nach West – ein riesiger viele Meter breiter Flur, der sämtliche Ambulanzen und Funktionsräume der Klinik erschließen wird.

Blick ins Gesicht Schon jetzt zeigt der Eingang sein provisorisches Gesicht. Die Besucher werden von einem hohen stützenfreien Raum empfangen, für die Cafeteria und die Infotheke haben die Bauarbeiter bereits rondellartige Gehäuse betoniert. Bis die ersten Menschen hier zum ersten Mal eintreten, werden jedoch noch einige Jahre vergehen.

Die Zukunft im Visier Noch viel weiter blickt Roland Bernhard als er ins Freie tritt und die Brachfläche ins Visier nimmt, die sich zwischen der Klinik, dem gerade in die Höhe wachsenden Verwaltungshochhaus und den ersten Wohngebäuden des Flugfeldes erstreckt. Hier sieht der Landrat die Zukunft. „Mein Traum ist es“, sagt er, „dass hier ein weiteres Gebäude entsteht, das die Klinik ergänzt.“ Denn wohin die Reise in der Krankenhauswelt geht, ist klar: Die Zeit, in der die Patienten in der Klinik liegen, wird immer kürzer, der Gesetzgeber drängt auf mehr ambulante Versorgung. Ein Haus, in dem viele Fachärzte untergebracht sind, wäre für Roland Bernhard daher die optimale Ergänzung für die Klinik. Ob die Vision von der perfekten Nachbarschaft Realität wird, muss sich erst noch weisen. Das Grundstück ist im Besitz der Städte Böblingen und Sindelfingen. Eine weitere Zukunftsfläche befindet sich bereits im Besitz des Landkreises und befindet sich am gegenüberliegenden Ende des Geländes. Dort wäre Platz für eine Erweiterung der Klinik. Da müssen dann andere ran: „Das ist die Aufgabe der nachfolgenden Generation“, sagt der Landrat.

Die Flugfeldklinik: Daten und Fakten

Klinik
Das neue Krankenhaus soll Platz für 700 Betten bieten. Mehr als 2200 Mitarbeitende werden auf 22 Stationen und in 13 OP-Sälen sowie zahlreichen Ambulanzen arbeiten. Die Klinik wird bis zu 120 000 ambulante Patienten im Jahr versorgen, circa 37 000 Menschen sollen jedes Jahr stationär aufgenommen werden.

Gebäude
Das Gebäude wird 220 Meter lang, 140 Meter breit und bis zu 26 Meter hoch. In dem Neubau werden 264 Kilometer Leitungen verlegt, 81.000 m³ Stahlbeton verbaut, so viel wie 250 000 Waschmaschinen-Füllungen, und 13 800 Tonnen Stahl verarbeitet – etwa 1,6 Mal so viel wie beim Bau des Eiffelturms.