Spektakuläre Show: Im Theaterhaus gastiert die australische Cirque Nouveau-Truppe Gravity & Other Myths mit „Backbone“.
Fröhliche Betriebsamkeit – von einer Sekunde auf die andere! Gerade lagen die drei Frauen und sieben Männer noch auf dem Rücken zwischen allerlei Utensilien, nun schwirren sie über die Bühne. Sie rufen Anweisungen, stellen lange Stäbe auf, räumen Eimer aus dem Weg, ziehen sich an einem mobilen Klamottenständer um – Männer wechseln von Blumenkleidchen in Hosen, Frauen in Shorts oder Arbeitsoverall. Schließlich gibt es was zu tun, es gilt gegen die Gesetze der Schwerkraft und andere physikalische Grenzen anzugehen.
Willkommen bei Gravity & Other Myths im Theaterhaus! Die australische Cirque Nouveau-Truppe hat nach ihrem Erstling „A Simple Space“, mit dem sie 2017 beim Colours International Dance Festival in Stuttgart gastierte, nun „Backbone“ im Gepäck. Das englische Wort für Wirbelsäule meint im übertragenen Sinn Grundgerüst oder Säule. Wer Rückgrat zeigt – übersetzt mit „to show backbone“ oder „to grow a spine“ – steht zu seinen oder ihren Überzeugungen. Trägt das Rückgrat doch dazu bei, dass Menschen aufrecht gehen, sich auf Augenhöhe begegnen können.
Akrobatisch und poetisch
Kurz, es ist eine Körperregion, die alles zusammenhält, von der Kraft ausgeht. Dieser spürt die Truppe aus Adelaide nach, erforscht, was Stärke überhaupt ist, wie sie gemessen werden kann.
Das passiert so akrobatisch wie spektakulär, so spielerisch wie poetisch, so lässig wie unprätentiös, oft improvisiert, stets sich Kommandos, Namen und „ready“ zurufend.
Da messen sich die Artisten und Artistinnen fröhlich im Durchzählen und Handstand, testen, wer am längsten einen Stein ausgestreckt heben kann, schütten sich Eimer mit Gummikies über die Köpfe, der den Boden für Rutschkunststücke bildet. Dann wieder flaniert eine Frau elegant auf den Köpfen der Männer, die abwechselnd vor ihr Trittflächen bilden. Dazwischen springen sich die Protagonisten mal wie Kängurus an, um zu fallen und stante pede in allerlei Flugrollen zu stürzen.
Dann schaukeln und schleudern sie sich wieder gegenseitig so rasant durch die Luft, als ob es das normalste der Welt wäre, von wilden Saltos, Schrauben und Flickflacks aus dem Stand ganz zu schweigen. Und surreal-witziger Ideen, wie der Ritter, der alles zum Anhalten bringt: Er tanzt sich scheinbar durch die Zeit ins Jetzt.
Vertrauensvolles Miteinander das Spaß macht
Atemberaubend die Szene, in der zwei Männer – selbst schon auf zwei Menschenpyramiden balancierend – in ihrer Mitte eine junge Frau schweben lassen, indem sie diese nur an ihrem Kopf halten. Und freilich auch jene, wo eine junge Frau auf einer hohen Stange liegend balanciert, also ob sie aufgespießt worden wäre. Dazu liefern ein Schlagzeuger und eine Geigerin, die ihr Instrument zudem als Bass benutzt, Elektro-, Jazz, Rock- und Folkklänge, treibend, minimalistisch, melancholisch, immer mitreißend.
Da zeigt sich die DNA nicht nur von „Backbone“, sondern von Gravity & Other Myths: Die 2009 gegründete Truppe, die mittlerweile fünf Shows konzipiert hat, kann der Erdanziehungskraft trotzen, weil sie eine Gemeinschaft ist, die sich aufeinander verlassen kann (und muss), die miteinander experimentiert, Spaß hat. Da geht es um gegenseitige Achtung, Offenheit, Vertrauen, Lebensfreude. Und der kann sich niemand entziehen.
Vorstellungen Freitagabend um 20 Uhr, Samstag, 20.8.2022, um 20.30 Uhr und Sonntag, 21.8.2022, um 17 Uhr. Theaterhaus.com