Kerzenmeer auf den Stufen des Gymnasiums in Haltern am See. Die Menschen nehmen Anteil an dem Absturz der Germanwings-Maschine Foto: dpa

Es sind schwere Stunden für die Angehörigen der Opfer. Doch zwischen all die Betroffenheit mischt sich stets die gleiche Frage: Wie konnte es passieren, dass der Germanwings-Airbus abstürzt?

Düsseldorf/Paris - Es ist ein Bild der tiefen Trauer an diesem Vormittag in der sonst so beschaulichen Kleinstadt Haltern am See. Auf den Stufen vor dem Joseph-König-Gymnasium lodern Dutzende Kerzen. Lehrer, Schüler und deren Eltern kommen hier vor der Schule zusammen – aber nicht um zu lernen, sondern um gemeinsam ihre Trauer und ihren Schmerz zu verarbeiten.

Stündlich werden es mehr Menschen. Mit bleichen Gesichtern betreten sie das Schulgelände, gehen vorbei an den Kamerateams aus dem In- und Ausland, die über Nacht in das kleine Städtchen am nördlichen Rande des Ruhrgebiets gekommen sind. Manche von ihnen legen Blumen ab. Andere wischen sich Tränen aus den Augen und nehmen sich gegenseitig in den Arm. Das Unbegreifliche muss irgendwie verarbeitet werden.

„Es ist unfassbar. Von jetzt auf gleich sind die Kinder nicht mehr da. Und die Lehrerinnen auch nicht“, sagt Karin Keysselitz. Die 45-Jährige ist selbst Mutter eines Schülers des Gymnasiums, eine der verunglückten Lehrerinnen unterrichtete ihn. „Wenn man sonst von solchen Unglücken hört, ist das so weit weg. Jetzt ist es hier in unserem Haltern.“ Wie zahlreiche seiner Mitschüler sei es auch ihrem Sohn wichtig gewesen, an diesem Tag in der Schule zu sein. Reden, das sei jetzt wichtig. Seelsorgerteams sind vor Ort, unterstützen die Gymnasiasten. Wann die Klassen zu einem regulären Unterricht zurückkehren können, ist ungewiss.

„Ich weiß nicht, wie ich morgen überstehen soll“

Ein paar Hundert Meter weiter im Rathaus von Haltern stehen auch Ulrich Wessel das Leid und der Schmerz ins Gesicht geschrieben. Mit starrem Blick in die Ferne berichtet der Schulleiter der internationalen Presse über jenen Augenblick, als er den wartenden Eltern sagen musste, dass die 16 Schüler und zwei Lehrerinnen tatsächlich alle tot sind – zerschellt und zerfetzt beim Absturz einer Germanwings-Maschine in den französischen Alpen. „Ich kann Ihnen versichern: Einen Moment dieser Art brauch’ ich kein zweites Mal in meinem Leben“, sagt er.

Eindrucksvoll schildert Wessel die Fassungslosigkeit, die die Schule erfasst hat. Er erzählt von schluchzenden Schülern in der Aula des Gymnasiums und von den zwei jungen Kolleginnen – eine habe erst im Herbst geheiratet, auch die andere habe Hochzeitspläne gehabt. Früher seien es 1283 Schüler gewesen, 16 müsse er abziehen nach dem schrecklichen Unglück. Weil es für die achttägige Austauschreise nach Spanien mehr Bewerber gegeben habe als Plätze, seien sie per Los gezogen worden. Als Wessel gefragt wird, ob der Austausch fortgesetzt wird, antwortet der Rektor: Er wisse nicht, wie es weitergehe. „Ich weiß nicht einmal, wie ich den nächsten Tag überstehen soll.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel habe am Telefon ihre Anteilnahme ausgedrückt, auch Bundespräsident Joachim Gauck übermittelte sein Beileid, berichtet Halterns Bürgermeister Bodo Klimpel. Am Nachmittag reist Merkel nach Südfrankreich. In der Absturzregion spricht sie, eingepackt in einen dicken schwarzen Mantel, mit Hilfskräften. Mit ihr sind der französische Präsident François Hollande und der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy vor Ort. Die Bergung der Opfer und der Trümmer ist extrem schwierig und wird Wochen dauern.

Mit Hochgebirgsausrüstung zur Absturzstelle

Mit Klettergurt, Abseilhilfen und in Hochgebirgsausrüstung trafen am Vormittag fünf Gendarmen im Tal ein, die bei frostigen Temperaturen die Nacht an der Unfallstelle verbrachten und den Ort absicherten. Die Anspannung steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Über den Einsatz reden wollen sie nicht. Auch in der Nacht zum Donnerstag werden einige ihrer Kollegen oben ausharren – ein Job für erfahrene Bergretter.

Angehörige kamen bereits in der Region an. Abgeschirmt von der Presse, werden sie psychologisch betreut, im Sportzentrum des Ortes wurde für sie eine Art Kapelle eingerichtet – ein Ort der Stille und der Trauer. Die Bewohner des 1500-Seelen-Ortes helfen, wo sie können. Einheimische und Hotels stellen kostenlos Übernachtungsplätze zur Verfügung – 900 Menschen könnten untergebracht werden, heißt es im Rathaus. Wie viele tatsächlich kommen, ist unklar. Die Hilfsbereitschaft ist groß.

Ein Team aus Flugunfallexperten soll derweil die große Frage nach dem Warum klären: Wie konnte der Airbus vom Typ A320 abstürzen? Sicher ist bisher nur: In den letzten Minuten vor dem Zerschellen verlor das Flugzeug deutlich an Höhe – fast 10 000 Meter sank es in wenigen Minuten in die Tiefe. Mitarbeiter der französischen Flugüberwachung bemühten sich vergeblich um Funkkontakt. Erste Spekulationen kursieren deshalb über ein eingerissenes Cockpitfenster. Die Piloten könnten dadurch erfroren oder erstickt sein, heißt es.

Unglück bleibt rätselhaft

Luftfahrtexperten finden das Unglück jedenfalls rätselhaft. „Bei den meisten Szenarien erwartet man, dass die Piloten umkehren oder den nächsten Flughafen ansteuern. Möglichkeiten hätten sie gehabt“, sagt Peter Bernard Ladkin von der Uni Bielefeld unserer Zeitung. Er kann auch nicht nachvollziehen, warum die Piloten nicht wie vorgeschrieben mit den Fluglotsen kommuniziert haben, wenn sie in einer Gefahrensituation gewesen sind.

„Es lässt sich nahezu mit Sicherheit sagen, dass die Piloten nicht mehr Herr der Lage waren“, sagt auch der Luftsicherheitsexperte Elmar Giemulla. Gleichwohl hält er einen Terroranschlag für fast ausgeschlossen: „Terroristen hätten vermutlich versucht, einen spektakulären Anschlag zu verüben und beispielsweise sensible Infrastruktur zu treffen.“

Auch vereiste Sensoren, Triebwerksschäden, eine Explosion oder giftige Gase im Cockpit passten nicht zu dem bisher bekannten Unfallhergang, sagt Giemulla. Wäre der Druck in der Kabine gefallen, hätten die Piloten zwar auch einen Sinkflug eingeleitet, sagt Ladkin. Allerdings hätten sie mit dem Flugzeug dann nicht tiefer als 7000 Fuß gehen dürfen. „Zudem ist es merkwürdig, dass der Sinkflug mehrere Minuten gedauert hat“, sagt Ladkin. Jan-Arwed Richter von der Organisation Jacdec, die Flugunfälle untersucht, sagt: „In 99 Prozent der Fälle kommt es bei einem Druckabfall nicht zu einem Absturz, weil die Maschine umkehrt oder landet.“

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