Dem Maifest in Kernen ist eine Entführungsgeschichte vorangegangen. Foto: privat

Ehrenamtliche bereiten wochenlang das Maifest vor, dann ist der Stamm plötzlich weg. Am Ende löst Kernen den Fall erstaunlich günstig – doch wer steckte dahinter?

In Kernen im Remstal (Rems-Murr-Kreis) wächst die Maivorfreude – und plötzlich fehlt der Baum. Wochenlang hatten Ehrenamtliche des Gewerbevereins gesägt, geschleppt, geschmückt. Ein 20 Meter hoher Stamm, geschniegelt für den großen Auftritt. Dann: weg. Verschwunden über Nacht, als hätte ihn der April persönlich verschluckt. Der Schock am Morgen des 15. April war groß, berichtet der Erste Vorsitzende des Gewerbevereins, Florian Schenk.

 

Doch statt eines Krimis entwickelt sich schnell eine Komödie in Arbeitsklamotten. Eine Gruppe aus Strümpfelbach, selbsternannte „Bauwagen-Jungs“, hatte den Maibaum kurzerhand entführt – zu neunt, mit zwei Schleppern und offenbar bester Laune. Die jungen Männer hätten den Baum „letzten Dienstag nachts geschnappt“ und seien damit über die Weinberge nach Strümpfelbach gefahren, wie Schenk mitteilt. Ein Zettel auf Backpapier blieb zurück: Man sei verhandlungsbereit.

Flüssige Diplomatie: Maibaum kehrt mit Bierkisten zurück

Und so beginnt, was auf dem Land fast schon zum guten Ton gehört: ein kleines Pokerspiel um Holz, Ehre – und Hopfen. Was andernorts Diebstahl wäre, ist hier gelebte Folklore mit Augenzwinkern. Maibaumklau – sonst eher ein bayerisches Markenzeichen – hat im Remstal offenbar Wurzeln geschlagen. Die Regeln sind so einfach wie charmant: Wer nicht gut genug aufpasst, zahlt. Wer gut verhandelt, spart.

Das „Erpresserschreiben“ auf Backpapier Foto: privat

In Kernen endet der „Fall“ vergleichsweise günstig. Acht Kisten Bier wechseln den Besitzer – flüssige Diplomatie, die wirkt. Am Ende organisiert man sogar zehn Kisten, weil die gewählte Sorte – stilecht Stuttgarter „Käpsele“ – nur in kleineren Flaschengrößen erhältlich ist.

Noch am selben Abend kehrt der Baum zurück. Erleichterung macht sich breit, gefolgt von Gelächter. Aus dem ersten Schreck wird eine Geschichte, die man künftig wohl jedes Jahr neu aufwärmt – gern bei einem kühlen Getränk und mit leicht wachsender Dramaturgie.

Kernen feiert früher: Maibaumaufstellung am 25. April

Am kommenden Samstag, 25. April, wird der Baum nun endlich aufgerichtet – früher als gewohnt. Statt des klassischen 30. April weicht Kernen bewusst aus. Der Grund: Konkurrenz durch andere Veranstaltungen und die knappe Ressource Ehrenamt, wie die Organisatoren erklären.

Mit letztlich zehn Kisten Bier wurde der Maibaum ausgelöst. Einen leerten die Beteiligten gleich bei einem gemeinsamen Vesper nach der Übergabe. Foto: privat

Die Verschiebung wirkt wie ein pragmatischer Schnitt durch den Terminkalender – weniger Gedränge, mehr Helfer, mehr Raum fürs Fest. Unterstützt wird die Veranstaltung von der Gemeinde sowie dem Musikverein Rommelshausen. Auch Kernens Bürgermeister Benedikt Paulowitsch habe sich dafür eingesetzt, dass die Hocketse wieder stattfindet.

Hocketse in Rommelshausen: Das Wichtigste im Überblick

  • Datum: Samstag, 25. April
  • Ort: Kirbe-Festplatz hinter dem Bürgerhaus in Kernen-Rommelshausen
  • Beginn: ab 12 Uhr
  • Maibaumaufstellung: gegen 17 Uhr
  • Programm: Essen, Getränke, Livemusik

Wenn sich am Nachmittag die Blicke nach oben richten, geht es um mehr als Holz und Höhe. Es geht um Gemeinschaft, um das stille Versprechen: Wir kriegen das schon hin – selbst wenn der Baum zwischendurch mal eigene Wege geht.

Am Ende steht er doch, als hätte es die nächtliche Entführung nie gegeben. Und vielleicht ist genau das der Kern dieser Geschichte: Tradition lebt nicht von reibungslosen Abläufen, sondern von den kleinen Umwegen, die sie erst erzählenswert machen. In Kernen hat man dafür jetzt den besten Beweis – samt Quittung in Bierkästen.