Das Verteilen von Asylbewerbern ist eine logistische Meisterleistung – ein Blick in die Koordinierungsstelle des Bundes in München. Foto: Int.M.

Tausende Flüchtlinge überschreiten jeden Tag die deutsche Grenze – hat da überhaupt noch jemand den Überblick? Und wie kann man sie gerecht verteilen? In München gelingt Profis das ganz gut. Ein Besuch in der Koordinierungsstelle des Bundes.

München - Hier sitzen sie also, die Vorkämpfer der Operation „Wir schaffen das“. Oder soll man sie Flüchtlingsjongleure nennen? Großmeister der Logistik? Seit 21. September dirigiert ein Team von 30 Beamten täglich Tausende Asylbewerber in Deutschland umher, damit alle Bundesländer möglichst gleichmäßig belastet sind. Sieben Tage die Woche, Schichtbetrieb.

„Koordinierungsstelle Flüchtlingsverteilung Bund“ steht auf einem provisorischen Schild an einem schmucklosen Bürobau in einem Münchener Vorort. Eigentlich nur ein paar Telefone, Schreibtische, Bildschirme. Doch im zentralen Lagezentrum wird die Dimension der Aufgabe deutlich: Der Menschenstrom an der deutsch-österreichischen Grenze reißt nicht ab, und die Flüchtlinge müssen weiter – auch wenn die Empfänger die Annahme verweigern.

Königsteiner Schlüssel gilt für alle

„Ich nenne das Gefechtsstand“, flachst Oberst Hans Zschippig, ein Generalstabsoffizier, der 14 Soldaten hierher abkommandiert hat, und blickt auf eine lange Reihe Monitore. „Ziel Seeth, Schleswig-Holstein“ ist auf einem zu lesen. Und dass zwischen 18 und 20 Uhr 100 Flüchtlinge dort ankommen. Dabei hat Seeth selbst gerade mal 700 Einwohner. Doch es gibt dort eine Erstaufnahmestelle. „Wie wollen Sie’s denn sonst machen?“, fragt Zschippig. Wenn alle Länder sich sträubten, blieben die Flüchtlinge eben alle in Bayern.

Einige Länder seien dennoch schwierig, räumt Ralph Tiesler ein, der Vizepräsident des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Der Jurist ist in internationalen Einsätzen gestählt und sagt dementsprechend milde: „Mit denen reden wir dann erst mal.“ Wenn ein Land partout keinen Platz habe, helfe eben ein anderes aus, das müsse später dann aber mehr Menschen aufnehmen. Notfalls mache man über die politische Schiene Druck.

Schließlich gilt der Königsteiner Schlüssel für alle. Jahrzehntelang war dieser Berechnungsmodus, mit dem die Länder die Lasten je nach Bevölkerung und Steuerkraft aufteilen, nur Fachleuten vertraut. Seit dem Flüchtlingszustrom ist der Begriff in aller Munde, und hier in der „Kost“, wie alle die Koordinierungsstelle nennen, hängen die Tabellen anschaulich an der Wand: Knapp 13 Prozent entfallen demnach auf Baden-Württemberg.

Mehr als 115 000 Asylbewerber hat Baden-Württemberg bisher aufgenommen

Getrickst werde nicht in der „Kost“, versichert Tiesler. Die Stab-erfahrenen Fachleute aus Polizei, Bundeswehr, Feuerwehr, Katastrophenschutz und welcher Organisation auch immer stammten schließlich aus dem ganzen Bundesgebiet.

Wenn die Länder dann vorrechnen, dass ja auch Tausende Flüchtlinge auf eigene Faust (etwa mit dem Bus über die Autobahn), also nicht über die zentrale Verteilung zu ihren Wunschzielen gelangt sind, dann werden sie von den Beamten beruhigt: Das werde natürlich bei der Verteilung berücksichtigt. Zum Jahresende sollen ohnehin alle Zahlen abgeglichen werden, um Ungerechtigkeiten zu beseitigen.

Mehr als 115 000 Asylbewerber hat Baden-Württemberg bisher aufgenommen, ­geblieben sind mehr als 80 000. Das ist viel. Doch ein Datenabgleich zwischen den Ländern hat schon jetzt ergeben, dass der Südwesten ein Defizit von rund 8000 Flüchtlingen hat. „Das gleichen wir nun aus“, sagt Integrationsministerin Bilkay Öney, die sich am Dienstag einen eigenen Eindruck von der Verteilung in München verschafft hat. „Wir können ja nicht sagen: Mach du mal.“

Schnell weg von der Grenze

Auch deutlich mehr unbegleitet reisende Minderjährige werden auf den Südwesten zukommen, denn diese Gruppe wurde bisher meist von bayerischen Jugendämtern versorgt – künftig sollen sie gerechter verteilt werden. Doch das ist nicht Sache der Koordinierungsstelle. Hier geht es allein um den Transport: schnell weg von der Grenze. „Weil ich weiß, was es heißt, auf nacktem Boden zu schlafen“, sagt Tiesler.

Im Lagezentrum zeigen Monitore, wo sich gerade ein Bus befindet. In einer Ecke flimmert eine Art elektronischer Zugfahrplan. „Abfahrt 14:56 Uhr Freilassing, Ankunft 16:15 Uhr Mannheim“, heißt es über den Regionalexpress 39558. Der Zug ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Mit ihm reisen ausschließlich Asylbewerber.

Karim S. aus Afghanistan ist einer von den 700, die am deutschen Grenzort Freilassing gerade darauf warten, dass sie einsteigen dürfen. Er hat eine lange Odyssee hinter sich. Über die Türkei kam er nach Griechenland, dann mit dem Bus und zu Fuß durch Kroatien bis Österreich.

„Maneim?“ fragt Karim S. unsicher

Im Nachbarland schließlich hat er zuletzt in einem der beiden großen Zelte an der Salzburger Grenze gewartet, dass es endlich weitergeht. Doch es hat noch mehr als einen Tag gedauert, bis er auf deutscher Seite registriert, ärztlich untersucht und erkennungsdienstlich behandelt war. Eigentlich will Karim ja weiter nach Schweden. Zunächst aber geht es nach Mannheim, dem Verteilzentrum von Baden-Württemberg. „Maneim?“ fragt er unsicher.

Zwei bis drei Züge verlassen hier in Freilassing jeden Tag den Bahnhof. 170 sind es seit Anfang September, als die Kanzlerin ihr „Wir schaffen das“ verkündet hat. Für jeden Flüchtling gibt es einen Sitzplatz und Verpflegung. „50 000 Euro“, antwortet ein Beamter auf die Frage, was denn die Miete eines solchen Zuges kostet.

Die Bahn verdient zurzeit nicht schlecht an der Flüchtlingskrise. Das gilt auch für zig private Busunternehmen, die mit den Asylbewerbern kreuz und quer durch Deutschland fahren – oder auch nur hier innerhalb von Freilassing von der Grenze bis zu einer Wartehalle, wo sie die Zeit bis zu ihrem Bahntransport verbringen. „Rexer Reisen Calw“ steht auf einem der Fahrzeuge. Seit einem Monat kutschiert der junge Fahrer unablässig Asylbewerber zwischen Grenze, Wartehalle und Bahnhof hin und her. Hinter seinem Sitz trennen rot-weiße Absperrbänder den Fahrgastraum ab: „Damit die Flüchtlinge nicht zu mir vorkommen“, sagt er.

Feldbetten stehen in Reih und Glied

Drinnen in der Wartehalle, die einem Möbelhaus früher als Lager gedient hat, riecht es nach getragenen Socken. Hunderte Feldbetten stehen in Reih und Glied, bedeckt mit blauen Plastikplanen, junge Bundeswehrsoldaten geben Sandwich-Pakete aus. Hier warten die Asylbewerber nicht nur, dass es weitergeht zum Bahnhof, hier hat die Bundespolizei auch technisches Gerät aufgebaut. Fingerabdrücke, Fotos – es geht schlicht darum, mögliche Straftäter herauszufischen.

„Das passiert immer wieder“, sagt Rainer Scharf, Sprecher der Bundespolizei Rosenheim. So sei etwa kürzlich eine Vergewaltigung aufgeklärt worden.

Auch der erste Gesundheitscheck findet hier statt, denn ansteckende Krankheiten sollen möglichst frühzeitig entdeckt werden. „Krätze“ steht mit Filzstift an eine Wandtafel geschrieben, und darunter sind zweistellige Zahlen notiert. Ein Arabisch sprechender Mann dirigiert derweil eine Gruppe per Megafon hinunter zum Bus. Es ist ein unablässiges Kommen und Gehen.

Einreise mit Hilfe der Bundespolizei

Unten am Eingang staut es sich schon wieder, denn es sind neue Flüchtlinge angekommen. Diszipliniert reihen sie sich hintereinander, junge Familien, junge Männer, vor allem junge Männer. Wenige Kilometer von hier an einer Fußgängerbrücke am Grenzflüsschen Saalach sind sie gerade unerlaubt eingereist, wie der Übertritt rein rechtlich zu werten ist – allerdings eine Einreise mit Hilfe der Bundespolizei.

„Wir geben den Österreichern ein Signal, dann schicken die eine Zehnergruppe los“, sagt Pressesprecher Rainer Scharf. Hier ist keine Spur von gegenseitigen Animositäten wie weiter nördlich in Passau oder an anderen Grenzübergängen. Gut, vergangene Nacht seien auf einen Schlag 3000 Menschen gekommen, berichtet ein Bundespolizist, das sei schon hart. Aber im Großen und Ganzen funktioniere die Zusammenarbeit mit dem Nachbarland.

Öney: Von Chaos kann hier keine Rede sein

Ein Mädchen mit grauer Pudelmütze stürmt ihrer Familie voraus. „Hallo, Alemagna“, ruft sie und strahlt, endlich in Deutschland zu sein. Am andern Ufer warten schon die Helfer in Zelten – das Leben als Flüchtling geht seinen Gang.

„Von Chaos kann hier keine Rede sein“, bilanziert Integrationsministerin Öney zufrieden. Sie zeigt sich beeindruckt von dem professionellen Team. Ein junger Bundespolizist aus Hannover antwortet ironisch auf die Frage, wie es ihm gehe: „Muss! Frau Merkel sagt, wir schaffen das.“

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