Warum immer mehr Albaner die illegale Schlauchbootpassage nach Großbritannien wagen.
Immer mehr junge Menschen aus Albanien versuchen, Großbritannien per Boot zu erreichen. Die Perspektivlosigkeit und hohe Jugendarbeitslosigkeit in ihrer Heimat, aber auch falsche Versprechen krimineller Drogenclans, gefallene Schlepperpreise und die Folgen des Brexits sind die Gründe für den Exodus.
Gegen die Zuwanderung üben Frankreich und Großbritannien den demonstrativen Schulterschluss. Aber allein an dem Tag, an dem sich Paris und London auf eine millionenschwere Aufrüstung der Überwachung der französischen Seite des Ärmelkanals verständigten, wurde vom britischen Verteidigungsministerium die Ankunft von acht weiteren Schlauchbooten vermeldet.
Die Innenministerin spricht von einer Invasion
Die Zahl der per Boot nach Großbritannien gelangten Migranten ist laut Angaben der BBC 2022 bereits auf mehr als 42 000 geklettert – und dürfte bis zum Jahresende die Gesamtzahl von 2021 (28 526) um mehr als das Doppelte übertreffen. Hatten 2020 lediglich 50 und 2021 nur 800 albanische Staatsbürger die illegale Kanalüberquerung gewagt, ist deren Zahl 2022 auf mehr als 12 000 gestiegen: Nach Angaben der britischen Regierung machten Albaner von Mai bis September gar 43 Prozent der angestrandeten Bootsflüchtlinge aus.
Von einer „Invasion unserer Südküste“ sprach kürzlich düster die britische Innenministerin Suella Braverman, die „Mitglieder krimineller Banden“ unter den Neuankömmlingen wittert. Über die Diskriminierung der 150 000 Albaner im Königreich, „die hart arbeiten und Steuern zahlen“, empörte sich hernach nicht nur Albaniens Premier Edi Rama. „Wir sind keine Kriminellen“, verkündeten die Protestbanner von mehreren Tausend Albanern und Albanerinnen, die am Samstag in London aufgebracht gegen ihre Stigmatisierung demonstrierten.
Schon in den Neunzigern gab es Fluchtwellen
Die Frage nach den Gründen der steigenden Zahl albanischer Bootsflüchtlinge beschäftigt indes nicht nur britische Medien, sondern auch die Öffentlichkeit in Albanien. „Wie vor 32 Jahren sieht uns die Welt wieder als Leute, die in Booten kommen“, ätzt der oppositionelle Ex-Premier Sali Berisha.
Tatsächlich gingen nach dem Zusammenbruch von Albaniens Steinzeitsozialismus 1991 die Fotos der Menschenmassen um die Welt, die an Bord völlig überladener Frachter nach Italien zu gelangen suchten. Erneut schipperten tausende Albaner 1997 in altersschwachen Fischerbooten über die Adria, als es in ihrer Heimat zu bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen kam.
Das Durchschnittseinkommen liegt bei 431 Euro pro Monat
Die Lage beim EU-Beitrittskandidaten hat sich seitdem zwar erheblich verbessert. Doch das in drei Jahrzehnten um mehr als 30 Prozent auf 2,9 Millionen Einwohner geschrumpfte Albanien ist ein Auswandererland geblieben. Vor allem die Armut, die hohe Jugendarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit in der Provinz, wo die Löhne meist deutlich unter dem Durchschnittseinkommen von 431 Euro pro Monat liegen, sind der Grund, dass mehr als 60 Prozent der Albaner Emigrationspläne hegen. Die Ursachen für den derzeitigen Drang auf die Insel sind indes vielschichtig – und haben auch mit den Folgen des Brexit zu tun.
Seit dem britischen EU-Austritt sind Bauarbeiter, Handwerker und Busfahrer auf der Insel knapp – und ist die Nachfrage auch nach illegalen Arbeitern ist groß. Wegen des Brexits haben die Immigrationsbehörden zudem nun auch die Asylbegehren von aus EU-Staaten eingereisten Antragstellern zu überprüfen – und sind die Chancen auf Anerkennung merklich gestiegen.
Die Schlepperpreise sind stark gefallen
Ähnlich wie 2015, als Zehntausende Albaner ihren Emigrationstraum durch Asylanträge im Westen zu verwirklichen versuchten, sorgen die sozialen Medien für einen Schneeballeffekt. Doch auch die gesunkenen Schlepperpreise lassen die Nachfrage steigen. Hatten illegale Migranten für die früher übliche LKW-Passage auf den Autofähren bis zu 20 000 Pfund zu berappen, werden die Schlauchbootpassagen an 2000 Pfund angeboten. Presseberichten zufolge soll sich auch Albaniens Unterwelt den Werbe-Effekt der sozialen Medien zunutze machen: Über Tiktok köderten Drogenclans gezielt junge Männer mit dem Versprechen von Gratispassagen für die „Arbeit“ auf der Insel.