Lerninhalte Deutsch und Demokratie: Jasmina Gustovarac in einer Vorbereitungsklasse. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Integration ist seit Langem Schulalltag in Baden-Württemberg. Mit dem Ukraine-Krieg und mehr Zuwanderung auch aus anderen Ländern sind die Herausforderungen aber wieder gewachsen. Ein Beispiel: die Uhlandschule in Stuttgart.

Während die Schüler im Klassenzimmer sich selbst beschäftigen, muss Jasmina Gustovarac im Gang noch einen Vater beraten. Der braucht eine Schulbescheinigung für seinen Sohn. Der 15-Jährige war noch nie in der Schule, er ist Analphabet wie die ganze Romafamilie aus der Ukraine. Doch Jasmina Gustovarac, die selbst vor fünfzig Jahren mit ihren Eltern aus Kroatien nach Deutschland kam, kann dem Mann doch vermitteln, was er tun muss. Im früheren Jugoslawien habe sie in der Schule auch Kyrillisch gelernt und gewisse Grundkenntnisse in diesen slawischen Sprachen.

 

Jasmina Gustovarac hat ein breites Repertoire, wie sie die Schülerinnen und Schüler in ihrer Vorbereitungsklasse (VKL) anspricht. Als sie in den Klassenraum kommt, ist sie streng. „Jetzt muss ich wieder schimpfen“, sagt sie energisch. Ein Bleistift und ein Lesezeichen liegen auf dem Boden, ein Mädchen kaut Kaugummi, ihre Aufgaben haben die Schüler auch nicht erledigt.

Rektorin Beate Anderka sagt, die Integration von Geflüchteten sei für sie Alltag, „seit ich im Schuldienst bin“. Foto: Lichtgut / Ferdinando Iannone

Als der Unterricht läuft, ist Jasmina Gustovarac den Kindern freundlich zugewandt. „Wir schaffen das zusammen“, sagt sie einem Mädchen, das vorlesen soll und unsicher ist. „Siehst du, es geht doch, trau dich“, lobt sie die Schülerin. Die Kinder kommen aus Rumänien, der Ukraine, aus Afghanistan und der Türkei. Jasmina Gustovarac ist eigentlich Kauffrau für Außenhandel. Zur Sprachförderung für Migrantenkinder kam sie vor zehn Jahren. Heute ist sie routiniert, aber noch immer mit Leidenschaft dabei.

Zwei VKL-Klassen gibt es derzeit an der Uhlandschule in Zuffenhausen-Rot mit zusammen 50 Kindern. Im ganz Baden-Württemberg sind laut Kultusministerium derzeit etwa 40 500 Schülerinnen und Schüler in VKL-Klassen an allgemeinbildenden Schulen, vor drei Jahren waren es noch knapp 20 000. Dazu kommen rund 8900 Schüler in Vabo-Klassen zur Vorqualifizierung und zum Spracherwerb an Berufsschulen, mehr als dreimal so viele wie vor drei Jahren. Schüler aus der Ukraine werden laut Ministerium derzeit rund 30 100 im Land unterrichtet. Allerdings handelt es sich in allen genannten Fälle nicht nur um Geflüchtete. Ein Anhaltspunkt für deren Quote bieten Zahlen aus Stuttgart. Dort gibt es laut dem Staatlichen Schulamt 78 VKL-Klassen. Im vorigen Schuljahr lag der Flüchtlingsanteil in diesen bei 65 Prozent.

Die Uhlandschule, eine Grund- und Werkrealschule in dem Stuttgarter Bezirk, hat 500 Schüler. Fast die Hälfte hat einen ausländischen Pass, 80 Prozent einen Migrationshintergrund. Für Rektorin Beate Anderka ist die Integration von Flüchtlings-und Migrantenkindern Alltag, „seit ich im Schuldienst bin“. Das begann mit dem Jugoslawienkrieg Anfang der 1990er Jahre. Seither sei „Flucht vor Krieg“ für sie ein zentrales Thema als Lehrkraft, „egal an welcher Schule ich war“.

Was nicht heißt, dass dank jahrzehntelanger Erfahrung alles eingespielt und einfach wäre. Problemlagen und Herausforderungen ändern sich. So erlebe man derzeit viel „Armutsmigration“ mit Kindern aus Rumänien. Auch die Kinder aus der Ukraine haben die Lehrkräfte mit unerwarteten Schwierigkeiten konfrontiert. „Die wehren sich oft gegen die deutsche Sprache“, sagt Beate Anderka. „Die wollten nicht weg und vermissen jetzt ihre Heimat.“

40 Kolleginnen und Kollegen umfasst das Team der Uhlandschule, von den Lehrkräften über Schulsozialarbeiter, die Schulkrankenschwester bis zum Sekretariat und dem Hausmeister. Etwa ein Viertel der Kapazität in der Schulsozialarbeit geht in den VKL-Bereich. Mit gutem Grund. Die Heterogenität der Schüler ist anspruchsvoll. Verschiedene Nationalitäten, Sprachen, Altersunterschiede, Lerngeschwindigkeiten. Manche Kinder machen nach wenigen Wochen große Fortschritte beim Spracherwerb, erzählt Jasmina Gustovarac, anderen reichten die zwei Jahre in einer VKL-Klasse nicht. Beim Land weiß man darum. „Zuwanderung fordert unser Schulsystem“, sagt Kultusministerin Theresa Schopper. „Die Schulen haben ein zusätzliches Paket zu tragen“. Deshalb habe man mehr Personal eingestellt, investiere in Sprachförderung. Voriges Schuljahr habe man „1500 Personen zusätzlich“ eingestellt, dieses Jahr seien „3600 Personen registriert“.

Bis zu zwei Jahre besuchen Schüler eine VKL-Klasse. Foto: Lichtgut / Ferdinando Iannone

„Viel Bewegung“ gebe es, sagt die Rektorin über den Alltag an der Uhlandschule. Schon die Aufnahme neuer Schüler ist nicht immer einfach. Um herauszukriegen, was jeder mitbringt, benötigt man häufig Dolmetscher, manchmal reicht der Google-Übersetzer. Mal kommen viele Kinder, dann sind andere plötzlich weg, weil die Familien umziehen. Die Kinder müssten viel aushalten, betont Beate Anderka. Schüler, die noch nicht so viel Deutsch sprechen, aber in Englisch oder Mathe gut sind wie häufig jene aus der Ukraine, werden in diesen Fächern bald in den Regelunterricht teilintegriert. „Da muss man gut kommunizieren, welcher Schüler wann wo ist“, erklärt die Rektorin. „Das ist eine ziemliche logistische Aufgabe.“ Auch wie es für die Schüler weitergeht, muss geklärt werden. Die Uhlandschule ist gut vernetzt mit Schulen in der Nähe, der Rilke-Realschule, dem Porsche-Gymnasium, der sonderpädagogischen Gustav-Werner-Schule. Ältere Schüler gehen oft an berufliche Schulen.

Trotz der Herausforderungen: „Wir können das bewältigen“, sagt die Rektorin, die wirkt, als könne sie nichts aus der Ruhe bringen. Das gehe aber nur mit Menschen im Schulteam, „die das mit Herzblut machen“, erklärt Beate Anderka, „und die Nerven haben“. Eine wichtige Voraussetzung ist die Personalstärke. „Dieses Jahr sind wir gut ausgestattet“, sagt die Schulleiterin. „Wenn wir gut sortiert sind, sind es die Kinder in der Regel auch“, stellt sie fest. Die Rektorin weiß aber auch: „Wenn das System unter Druck kommt, ist sofort Feuer unter dem Dach.“

Zahl der Vorbereitungsklassen wieder stark gestiegen

Baden-Württemberg
 Noch gibt es für das Land keine aufgearbeiteten Zahlen über die VKL-Schüler im laufenden Schuljahr (Stichtag ist im Oktober). Das Kultusministerium gibt derzeit aber rund 40 500 Schülerinnen und Schüler an (plus 104 Prozent seit dem Schuljahr 2021/2022). Dazu kommen rund 8900 (plus 213 Prozent) in sogenannten Vabo-Klassen (Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen).

Stuttgart
 Hier zeigt sich die Zunahme der VKL-Schülerzahlen deutlich. Nach einem Hoch im Schuljahr 2016/17 mit 1592 Schülern (und 123 VKL-Klassen) sank diese Zahl auf 630 (54 Klassen) im Schuljahr 2020/21, um bis 2023/24 wieder auf 1440 Schüler (88 VKL-Klassen) anzusteigen. Der Anteil der Geflüchteten im VKL-System stieg laut Staatlichem Schulamt von 30 Prozent (2020/21) auf 65 Prozent (2023/24).

Maßnahmen
 Die Förderungen von Land und Stadt sind vielfältig. Es gibt mehr VKL-Klassen an Gymnasien, eine schnelle Teilintegration in den Regelunterricht, 25 Deputatsstunden zusätzlich pro VKL-Klasse. Die Stadt richtet diesen Monat in Weilimdorf eigene Klassen für Analphabeten ein.