Der Familiennachzug war kürzlich Thema einer Mahnwache auf der Königstraße Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Flüchtlingsreporter Mohamad Alsheikh Ali erzählt in seiner Kolumne die Geschichte von Syrern, die ihre Lieben nicht zu sich nachholen können – Mariamm und Jamal.

Stuttgart - Jamals Traum von einem sicheren Leben in Deutschland ist vielen Albträumen gewichen. Nachts, wenn er in seinem Bett in einer Stuttgarter Flüchtlingsunterkunft liegt, quält ihn der Entschluss, seine Frau und seine Kinder in der Türkei zurückgelassen zu haben. Wie viele andere Syrer wollte er seinen Lieben die gefährliche Reise nach Europa ersparen. Er hoffte, als anerkannter Flüchtling die Familie bald nachholen zu können.

Als der große Treck der Syrer sich im Sommer 2015 über den Balkan nach Norden schob, war das noch die Rechtslage in Deutschland. Es war der Grund dafür, dass so viele Männer kamen. Sie wollten nicht, dass ihre Frauen oder Kinder auf dem Weg nach Europa im Mittelmeer ertrinken. Väter, die auf lecke Boote stiegen, glaubten, dass ihre Familien irgendwann auf einem sicheren Weg nachkommen könnten – sollten sie selbst die Route überleben. Manchmal waren es aber auch die Frauen, die unter den gefährlichsten Bedingungen die Vorhut für die Familie bildeten. Eine solche Frau ist die 34-jährige Mariamm, die aus Damaskus floh. Sie ließ den Mann mit drei Kindern in Ägypten zurück, wo Syrer nach dem Sturz von Präsident Mursi im Sommer 2013 zu Staatsfeinden wurden. „Wenn ich in Deutschland bin, hole ich euch nach“, sagte die Mutter zum Abschied.

Familiennachzug wurde im Februar 2016 erschwert

Doch im Februar 2016 verschärfte Deutschland das Asylgesetz. Der Familiennachzug wurde erschwert. Die Syrer erhielten nur noch subsidiären Schutz. Das heißt, dass sie erst einmal eine Aufenthaltsgenehmigung haben, solange in ihrem Land der Krieg tobt. Ihre Familien können sie frühestens nach zwei Jahren nach der Ankunft in Deutschland nachholen. Jetzt lebt sie in einer Flüchtlingsunterkunft und hat ihre Kinder eine lange Zeit nicht in den Arm genommen. Das mache sie krank, sagt sie. Die Ärzte sprechen von einer Depression. Ein normaler Zustand, findet Mariamm, durch deren Herz jeden Tag ein Stich geht, wenn sie mit ihren Kinder und ihrem Ehemann am Telefon spricht. Sie fragt sich, ob sie zurück soll nach Ägypten, wo Syrer unerwünscht sind. Oder ob sie die Hoffnung nicht aufgeben soll, dass es eines Tages für ihre ganze Familie eine sichere Zukunft gibt. Die Ungewissheit frisst ihre Seele auf, jeden Tag ein bisschen.

Jamal und Mariamm haben sich übrigens vor Kurzem bei einer Mahnwache auf der Königstraße kennengelernt. Sie haben gelernt, dass die Menschen in Deutschland frei sind, für ihre Anliegen auf die Straße zu gehen. Sie wollten den Deutschen erklären, wie es sich anfühlt, wenn Mütter und Väter nicht mehr weiter wissen. „Ich kämpfe seit zwei Jahren darum, meine Familie nach Deutschland zu holen. Wie soll ich ohne meine Kinder und ohne meine Frau weiterleben?“ fragt sich Jamal.

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