Inmitten des Flüchtlingslagers Adré im Tschad trotzt Adil den Widrigkeiten des Kriegs im Sudan. Dort ist aus der angehenden Studentin eine mittellose Tea Lady im Exil geworden.
Der Krieg hat Adil, 17, fast alles genommen. Drei ihrer Onkel und deren vier Kinder sind tot. Schulfreundinnen wurden vergewaltigt und umgebracht. Dann die Universität, an der sie gerade angenommen war, als im April 2023 die Kämpfe begannen – zerstört. Und mit ihr der Traum der jungen Frau, eines Tages Journalistin werden zu können.
Was nun, im trostlosen Exil, von der zerstörten Heimat bleibt, ist die Erinnerung an einen Geschmack, einen ganz besonderen Geschmack. Nichts hat Adil so sehr mit dem Sudan assoziiert wie der berühmte Tee des Landes. Tee steht für die legendäre Gastfreundschaft der Sudanesen, er ist der Kitt der Gesellschaft, der so ziemlich alle Momente begleitete, besonders die schönen. Adils Mutter verkaufte zu Friedenszeiten Brautkleider. Beim Anprobieren wurde Tee getrunken. Natürlich.
Adil, die zur Ethnie der Massalit gehört, gerät ins Visier der RSF-Kämpfer
Adil, eine zierliche Frau in orange-schwarzem Gewand, sitzt in einem Holzverschlag des Flüchtlingslagers Adré in Sudans Nachbarland Tschad – und kocht Tee. Im vergangenen Jahr flüchtete sie mit Hunderttausenden über die Grenze hierher. Die Kämpfe zwischen Sudans Armee und der Miliz Rapid Support Forces (RSF) hatten ihre Heimatstadt El Geneina erreicht. Adil, die zur Ethnie der Massalit gehört, war ins Visier der verfeindeten arabisch-geprägten RSF-Kämpfer geraten. Knapp konnte sie sich retteten.
Nun kämpft sie weiter ums Überleben. Die Notrationen, die ihr zur Verfügung steht, ist knapp. Pro Flüchtling bleiben ganze 1100 Kalorien am Tag. Also versucht Adil, etwas Geld dazuzuverdienen. Aus der angehenden Journalistin einer Familie der Mittelschicht ist eine Tea Lady geworden. Eine der unzähligen Teeverkäuferinnen aus dem Sudan. Allein in der Hauptstadt Khartum gingen vor dem Krieg 23 000 Frauen der Beschäftigung nach. Wer Tee auf der Straße verkaufte, brachte zwar die Menschen zusammen, rangierte aber am unteren Ende der Gesellschaft.
Doch die wortgewandte Verkäuferin kann es sich nicht leisten, in solchen hierarchischen Kategorien zu denken. Das seien Gedanken für Friedenszeiten, sagt sie. Anwohner haben ihr eine Hütte vermietet, sie verlangen 5000 CFA-Franc am Tag, umgerechnet sieben Euro. Eigentlich ist das viel zu viel, ein Tee kostet hier nur ein paar Cent. Auch das können nur wenige zahlen. Doch Adil hat zugestimmt. Denn ein paar Euro Gewinn bleiben ihr, gerade genug, um nicht allzu hungrig ins Bett zu gehen und ihre Mutter mit zu versorgen. Ein Kunde lobt: „Sie macht den besten Tee der Gegend.“
Tee hat schon immer zur Geschichte des Sudan gehört. In den 80er und 90er Jahren erlebte das Land eine schwere Wirtschaftskrise. Für Zehntausende von Frauen aus den wirtschaftlich oft marginalisierten Ethnien war der Verkauf von Tee und einfachen Mahlzeiten auf den Straßen fortan der einzig Art, den Lebensunterhalt zu bestreiten.
Teefrau Awadiya Koko gründete eine Berufsvereinigung
Damals servierten viele ihre Getränke in politisch unruhigen Zeiten unter Todesgefahr an Demonstranten gegen das islamitische Regime. Dann auch bei den Protesten im Jahr 2019, die Diktator Omar al-Bashir zu Fall brachten. Eine der älteren Teefrauen, Awadiya Koko, gründete eine eigene Berufsvereinigung, weil sich keine der Gewerkschaften um die Belange der Teefrauen kümmern wollte. Mit einschneidenden gesellschaftlichen Folgen: Von der Initiative ermutigt, wurden zahlreiche feministische Organisationen gegründet, die sich gegen die Unterdrückung der Frauen einsetzen.
In der Teehütte im Tschad sitzt Adil auf einem Plastikstuhl und mischt ihre eigene Rezeptur. Jede Tea Lady kombiniert die Gewürze anders. Adil lächelt, erstmals seit Beginn des Gesprächs. „Ich versuche, den Tee so perfekt wie möglich zuzubereiten.“
Und das geht so: Im Sudan war schwarzer Tee die Basis, der in der Tasse oft tiefrot erscheint. Im Flüchtlingslager kann sie meistens nur grünen Tee kaufen, aber das funktioniert auch. Dazu kommt Nana, marokkanische Minze. Und Sha’ih, leicht bitter-erdig schmeckendes Salbei, warm-würziges Habahan. Am Schluss seltene Gewürze, Gronghol und Sutornei. Fünf Minuten lang lässt Adil den Tee aufbrühen, länger als viele andere Tea Ladys. Sie mag ihn stark, lässt ihn lange auf der brennenden Holzkohle. Am Ende darf der Zucker nicht fehlen, nie weniger als zwei Löffel im winzigen Glas, manchmal fünf.
Der Tee weckt bittersüße Erinnerungen an ihre nahe Heimat, die gerade so weit weg scheint. Die Grenze zum Sudan befindet sich nur einen Kilometer entfernt, bis zu ihrer Stadt El Geneina sind es 25 Kilometer. Aus El Geneina sind fast alle Massalit geflohen. Jede Familie dort hat ihre eigene Teerezeptur. Das Rezept ist wie eine Visitenkarte. Es wäre ein Affront, Besuchern keinen Tee anzubieten. Bei ihren Eltern wurde dazu Sorghum-Hirse mit ihrer leicht nussigen Note gereicht, sowie Melonen und andere Früchte. Arabische Sudanesen, mit denen sich die Massalit seit Ewigkeiten Landkonflikte liefern, waren auch in friedlichen Zeiten nie zu Gast. „Wir waren völlig voneinander getrennt, auch vor dem Krieg“, sagt Adil, die seit ihrem dritten Lebensjahr täglich Tee trinkt.
Wochenlang hat sie in Adré nach der perfekten Mischung gesucht. Im Tschad fehlt es an vielen, auch auf den Märkten, besonders während der Regenzeit der vergangenen Monate. Die Transporte aus dem Westen des Landes sind wochenlang unterwegs, oft kommen sie nur im Schritttempo voran. Die Versorgungslage ist so schwierig, sodass die Vereinten Nationen zögern, Bargeldzahlungen an Flüchtlinge zu geben – weil die Märkte dann auch für die lokale Bevölkerung des Tschads in der Gegend leergefegt wären und die Preise steigen würden. Das könnte das Konfliktpotenzial zwischen Flüchtlingen und ihren oft selbst weitgehend mittellosen Gastgebern erhöhen.
Doch die Zutaten für Tee finden ihren Weg irgendwie auch hierher. Mit sicherem Griff hantiert die Tea Lady mit ihren Plastik-Bechern. Adil ist tief in ihr Tun versunken, sie strahlt eine ruhige Ernsthaftigkeit aus. „Wenn ich Tee koche“, sagt Adil, „dann denke ich nicht an den Krieg.“
Weltweit größte Flüchtlingskrise
Bürgerkrieg
Im Sudan ist vor eineinhalb Jahren ein blutiger Machtkampf zwischen De-facto-Machthaber Abdel-Fattah al-Burhan und dessen früherem Stellvertreter, Mohamed Hamdan Daglo, ausgebrochen. Während Al-Burhan die reguläre Armee SAF hinter sich hat, kommandiert Daglo die Miliz RSF, der sich weitere bewaffnete Gruppen angeschlossen haben. Beide Konfliktparteien betrieben Entführungen und Zwangsrekrutierungen von Kindern und Jugendlichen.
Opfer
Mit mehr als elf Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen hat der Konflikt die nach UN-Angaben weltweit größte Flüchtlingskrise verursacht. Zudem ist die Ernährungslage in weiten Teilen des Landes mit fast 51 Millionen Einwohnern kritisch. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung hat nach UN-Angaben nicht genug zu essen, in den Flüchtlingslagern der Region Darfur herrscht eine Hungersnot.