Beispielhaft: Regelmäßige gemeinsame Nachmittage am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium Foto: Conrad

In Stuttgart gibt es in ein anhaltend hohes bürger­schaftliches Engagement für Flüchtlinge – ablesbar an der Zahl der Freundeskreise und der Angebote für Menschen, die ihre Heimat verlassen haben.

Stuttgart - Die Bandbreite der Integrationsprojekte in Stuttgart ist groß – sie reicht von der Hausaufgabenbetreuung über Theaterprojekte bis zum Fußballtraining mit Flüchtlingskindern. Allein an zwölf Grundschulen, 13 Werk- und Realschulen, 15 Gymnasien, 16 allgemeinbildenden Privatschulen und sieben beruflichen Schulen haben Lehrer, Eltern und Schüler Angebote auf die Beine gestellt. Dazu gehören der Fütterdienst auf der Jugendfarm, die Vorbereitung auf einen Poetry-Slam, die Begleitung bei Praktika in Kindertagesstätten, gemeinsames Kochen oder Anschauungsunterricht, wie man ein Fahrrad zusammenbaut. Am Dienstag wird die Bestandsaufnahme im Schulbeirat des Gemeinderats vorgelegt.

„Wir erleben in Stuttgart eine große Bereitschaft von Bürgern, sich ehrenamtlich zu engagieren“, stellt der Leiter der Abteilung Integration im Stuttgarter Rathaus, Gari Pavkovic, fest. Nach Angaben der hauptamtlichen Flüchtlingskoordinatorin der Stadt, Heidi Schäfer, steigt die Zahl der ­Ehrenamtlichen weiter. Aktuell gibt es in Stuttgart 40 Freundeskreise, in denen sich mehr als 3000 Bürger engagieren – vor einem Jahr waren es den Angaben zufolge 20 Freundeskreise mit 600 Mitgliedern.

„Wir können ein bisschen stolz sein“

Dazu kommen laut Schäfer und Pavkovic zahlreiche Ehrenamtliche in Sport- und Kulturvereinen, die ihr Angebot für Flüchtlinge deutlich ausgeweitet hätten. Auch viele Unternehmen engagierten sich. „In Stuttgart gibt es eine gelebte Willkommenskultur von unten“, betont Pavkovic. „Man kann fast schon von einer Bewegung sprechen“, meint Schäfer. Das ehrenamtliche ­Engagement sei beispielgebend: „Wir ­können ein bisschen stolz auf Stuttgart sein.“

Laut Pavkovic will die Stadt künftig sogenannte Flüchtlingsdialoge anbieten, um die Biografien und Erfahrungen der Ankommenden besser kennenzulernen – als wichtige Voraussetzung für eine gelingende Integration. Wichtig ist nach Einschätzung der Integrationsexperten zudem die hauptamtliche ­Begleitung der Ehrenamtlichen.

Ruf nach mehr Sozialpädagogen

Verbesserungsbedarf sehen sie beim Personalschlüssel von Sozialpädagogen. Aktuell betreut ein Sozialpädagoge 136 Asylbewerber. Wünschenswert wäre aus Sicht von Pavkovic ein Verhältnis von eins zu 120. Der Gemeinderat hatte dies bei den Haushaltsberatungen im Dezember mehrheitlich abgelehnt und stattdessen Geld für einen Ausbau der Arbeitsgelegenheiten für Flüchtlinge bewilligt. „Beides ist wichtig“, sagt Pavkovic.

Probleme sieht er beim Thema Sprache. Hier bestünden nach wie vor große Barrieren. Deshalb sei es wichtig, verstärkt hier lebende Migranten als „Kultur- und Sprachvermittler“ zu gewinnen und zu schulen.

Die engagierte Lehrerin Lena Conrad (30)

Alles hat mit einer jungen, sehr engagierten Lehrerin angefangen, die ihre private „Herzensangelegenheit“ auch in ihren beruflichen Alltag übertragen wollte: Lena Conrad, die am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium (Ebelu) Englisch, Gemeinschaftskunde und Geschichte unterrichtet. Nebenbei engagiert sie sich im Freundeskreis Flüchtlinge Stuttgart-West. So kam eine Kooperation der Schule mit der Unterkunft Hasenbergstraße zustande, und seit September 2015 das aktuelle Projekt, das sich mit unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen beschäftigt: Jeden Freitagnachmittag treffen sich Ebelu-Schüler mit jugendlichen Flüchtlingen. Nach einem Mittagessen wird gemeinsam Sport getrieben, ein Film geschaut, gebacken oder gemalt.

„Alle machen mit, Schüler, Lehrer, Flüchtlinge“, erzählt Lena Conrad. „Es ist eine große Bereicherung, und ich gehe jeden Freitagabend beflügelt nach Hause.“ Als die „tragenden Säulen des Projekts“ bezeichnet sie die etwa 20 Ebelu-Schüler, die regelmäßig dabei sind und eigene Ideen entwickeln. Auch bei den jungen Flüchtlingen, die zwischen 14 und 18 Jahre alt sind, ist der Freitagnachmittag zu einer festen Größe geworden: „Man muss sie gar nicht mehr an den Termin erinnern, sie kommen auch so“, berichtet Soudabeh Ahmady vom städtischen Jugendamt. (Rebecca Fritzsche)

Stefanie Ziegler (49), die "Herrin der Kleiderkammer"

Eigentlich, so erzählt Stefanie Ziegler, wollte sie sich gar nicht explizit für Flüchtlinge engagieren: „Ursprünglich wollte ich eine Kleiderkammer für Bedürftige aller Art machen“, erzählt sie. „Da habe ich im Jugendamt angerufen und mich erkundigt, wie das klappen könnte.“ So entstand die Idee, dass sie sich um die Kleiderkammer an der Kernerstraße kümmern könnte.

Stefanie Ziegler erinnert sich an ihren ersten Besuch: „Überall lagen gespendete ¬Kleidungsstücke in blauen Säcken.“ Sie hat Regale organisiert und dann Ordnung ins Chaos gebracht. Und nun ist sie zweimal pro Woche dort, sortiert die neu eingegangenen Kleider, die von Privatleuten oder dem Verein „Frauen helfen helfen“ kommen, wo sie sich ebenfalls engagiert. Viele der minderjährigen Flüchtlinge besitzen nur die Kleider, die sie am Leib tragen. In der Kleiderkammer können sie sich mit ihren Betreuern umsehen und einen Satz saubere Klamotten aussuchen.

„Es macht einfach einen Höllenspaß“, sagt Stefanie Ziegler. „Das läuft supergesittet ab.“ Die Jugendlichen seien sehr höflich und hielten ihr zum Beispiel stets die Türe auf. Die Kleidungsstücke, die sie für die Jugendlichen nicht gebrauchen kann, bringt Ziegler zu anderen Einrichtungen. Weitere Kleiderspenden nimmt Stefanie Ziegler übrigens gerne entgegen. (Rebecca Fritzsche)

Der pensionierte Kriminalhauptkommissar Herman Leist (64)

Nach vielen Jahrzehnten als Kriminalhauptkommissar genießt Hermann Leist seinen Ruhestand. Doch ganz ohne kleine Aufgaben will er auch jetzt nicht sein. Seit ein paar Monaten betreut Leist die Vorbereitungsklasse der Lerchenrainschule, leitet dort wöchentlich eine Fußballstunde.

„Er hat pädagogisches Einfühlungsvermögen, einfach ein Gespür für die Jugendlichen“, lobt Klassenlehrerin Renate Ruoss den Hobby-Übungsleiter. Bis zu 15 Jungs, alles Migranten- oder Flüchtlingskinder, fast jeder mit anderer Nationalität. Vom Syrer über den Bosnier, den Afghanen, den Rumänen, den Iraker, den Kosovaren bis zum Pakistaner. Kein einfacher Job. „Das ist sogar ein zusätzlicher Anreiz für mich“, sagt Hermann Leist. Er baut dabei auch auf die Erfahrungen, die er in vielen Jahren als Jugendtrainer beim TSV Steinhaldenfeld und als Nachwuchs-Teammanager bei den Stuttgarter Kickers gesammelt hat.

Fußball, das ist für Leist weit mehr als Sport. „Spaß und Bewegung haben, ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln, Fair Play lernen – das soll für die Jungs im Vordergrund stehen“, betont der Vater des Drittliga-Profis Julian Leist in diesem Projekt vor allem die sozialen Gesichtspunkte. „Die Berührungsängste waren schnell weg, ich habe eine Vertrauensbasis zu allen aufgebaut“, sagt Hermann Leist und freut sich jede Woche auf „die Buben“. Dass ihn die „sinnvolle Aufgabe“, wie er sein Ehrenamt an der Schule bezeichnet, auch selber jung hält, ist willkommener Nebeneffekt. (Uli Meyer)

Die ehrenamtliche Lesepatin Irmgard Lederer (64)

Das erwartet man nicht in der Kinderbuchabteilung der Stadtbibliothek: In einer Ecke sitzt Irmgard Lederer und gestikuliert wild. Mit einem Lächeln auf den Lippen erklärt sie zwei Mädchen deutsche Begriffe. Die 64-Jährige hat Karten mit verschiedenen Motiven mitgebracht, auf einer ist eine Spinne abgebildet. Mit der Hand imitiert sie die Bewegungen der Spinne, ein Mädchen lacht, es kennt das deutsche Wort.

Zweimal im Monat kommt die ehrenamtliche Lesepatin in die Stadtbibliothek und liest Flüchtlingskindern vor. Der Begriff Lesen wird allerdings etwas weiter gefasst. „Zusammenhängende Geschichten sind wegen der Verständigungsprobleme schwierig“, sagt Lederer. Malen, basteln und spielerisch Deutsch lernen steht deshalb auf dem Programm. „Wir Paten helfen uns gegenseitig mit Ideen.“ Die Kinder sollen nicht still dasitzen, sondern aktiv werden. „Wir müssen auch mal flexibel reagieren, je nachdem, wie die Kinder aufgelegt sind“, sagt Lederer.

15 bis 20 Mädchen und Jungen und etwa zehn Paten sind normalerweise dabei und teilen sich in Gruppen auf. Inzwischen sind einige Paten und Kinder Freunde geworden. Das Projekt soll wachsen. Lederers Kollege Martin Kegel fasst die Voraussetzungen, die man mitbringen sollte, so zusammen: „Kinder mögen und Zeit mit ihnen verbringen wollen.“ Wer Lust hat, bei dem Projekt Leseheimat mitzumachen, kann sich bei Bettina Kaiser unter 0 7 11 / 21 69 65 35 melden oder eine E-Mail an info@leseohren-aufgeklappt.de schreiben. (Franziska Nieß)

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